„Erleben, dass Schule so funktionieren kann“

Von: Thorsten Karbach
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Die Rechnung geht auf: Johann kommt mit seinen Aufgaben prima voran.
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Modernes Lernen: Samia und Tobias bearbeiten ihre Mathematik-Aufgaben im Lernbüro oftmals am Computer. Ihr Tempo bestimmen sie selbst. Auch, wann sie Arbeiten schreiben. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Samia und Tobias konnten nicht damit rechnen, dass Matheunterricht so aussieht. Statt mit 25 anderen Kindern in einer Klasse sitzen sie mit einer kleinen Schülergruppe im Lernbüro. Sie konnten wählen, ob sie heute Mathematik, Deutsch oder was auch immer lernen wollten. Und sie sitzen alle an ihren ganz eigenen Lernbausteinen. Jeder rechnet in seinem Tempo. Alle sind konzentriert bei der Arbeit.

Wissen sie bei einer Aufgabe nicht weiter, fragen sie zuerst die Mitschüler. Und dann Jana Lauscher. Sie ist die Lehrerin im Raum, aber mehr noch ist sie eine Art Beraterin der Schüler. Frontalunterricht hat in der vierten Gesamtschule Hausverbot.

Die Form des individuellen Lernens ist nicht neu. Die sogenannte Dalton-Pädagogik gründet sich auf diesem selbstbestimmten Lernen, Montessori-Schulen und andere arbeiten durchaus ähnlich und vor allem: erfolgreich. Die vierte Gesamtschule hat die Ideen und Konzepte aufgegriffen, entwickelt sie Schritt für Schritt weiter. „Wir wollen möglichst viel Verantwortung an die Kinder geben – alleine lassen wir sie mit dieser Verantwortung aber nicht“, betont Schulleiter Hanno Bennemann.

Bedenken ausgeräumt

Es ist nicht immer leicht, im deutschen Schulsystem innovativ zu arbeiten. Hanno Bennemann und sein Team haben es gewagt. Sie haben über ihre Bedenken gesprochen. Und heute sie sind froh, dass sie diesen Weg eingeschlagen haben. „Unsere Motivation rührt aus der Unzufriedenheit mit dem alten System. Wir haben die Neugründung dieser Schule als Chance gesehen“, sagt er.

Nach den Sommerferien startet der dritte Jahrgang. Keine Frage, im laufenden Schulbetrieb wären derart radikalen Methoden kaum einzuführen. Die klassischen Lehrpläne haben die Pädagogen von der Sandkaulstraße selbst in ihre Unterrichtskonzepte transformiert.

Neben der Arbeit in den Lernbüros (zwei Stunden), die die Schüler immer in ihrem Logbuch dokumentieren prägen den Stundenplan Projektzeiten, die fächerübergreifend naturwissenschaftliche oder auch gesellschaftswissenschaftliche Themen in Gruppenarbeiten aufgreifen. Und Werkstätten, in denen die Schüler Musik, Kunst, Religion und anderes denkbar kreativ erfahren. „Wir wollen vom Hochbegabten bis zum Kind mit Förderbedarf allen Schülern gerecht werden“, erklärt die stellvertretende Schulleiterin Claudia Wachholz.

Samia und Tobias rechnen fest damit, dass sie mit dieser Unterrichtsmethode gut lernen. Die Klausuren werden es zeigen. Die schreiben sie natürlich auch. Das Besondere: Sie bestimmen selber wann. Auch in dieser Hinsicht haben sie ihr Lerntempo immer im Griff. Vorgegeben ist nur die Zahl der Arbeiten. Und Noten gibt es am Ende natürlich auch. „Manchmal muss man Vollgas geben, wenn man hinterher hängt, aber so lerne ich mein Tempo selber einzuschätzen“, sagt Tobias.

Das Konzept der Aachener Schule hat sich herumgesprungen. So wie die Schule selbst geschaut hat, wie andere innovative Einrichtungen arbeiten – etwa die Evangelische Schule Berlin-Mitte („Rasfeld-Schule“) –, werden nun regelmäßig Besucher begrüßt. Meist sind es Vertreter von neuen (Gesamt-)Schulen. Doch nun ist das Kölner Drei-Königs-Gymnasium zu Gast. Ein Gymnasium, das sich für die Pädagogik einer Gesamtschule interessiert? Bennemann hatte damit so nicht gerechnet. Umso mehr freut er sich.

Und so erleben die Kölner Pädagoginnen Regina Haus, Barbara Wachten, Britta Gaidies und Elternvertreterin Britta Ziegler den Alltag an der Sandkaulstraße – mit dem gemeinsamen Start in den Tag und einem Ablauf, der komplett ohne Schulgong auskommt. Das lässt aufhorchen. „Mir gefällt, wie entspannt die Kinder hier wirken. Mich überzeugt, es den Kindern zu überlassen, wann sie sich bereit für einen Test fühlen. Das finde ich genial“, sagt Britta Ziegler. „Man muss einfach erleben, dass Schule so funktionieren kann“, findet Hanno Bennemann. „Bevor ich in Berlin war, hätte ich auch nicht gedacht, dass Schule so funktionieren kann.“ Letztlich versteht er die Pädagogik der vierten Gesamtschule als Antwort auf die heterogene Schülerstruktur. „Man kann die Kinder nicht mehr im Gleichschritt marschieren lassen“, meint er. Das eigene Tempo durch größtmögliche Individualisierung sei der richtige Weg. Und so blickt er nach vorne. „Ich bin gespannt, wie wir bei den nächsten Lernstandserhebungen abschneiden“, sagt er.

Vom Kurs abbringen können ihn Notenvergleiche aber nicht. Im Gegenteil. „Wir befinden uns in einem Prozess, und der läuft weiter“, sagt er. Und Samia und Tobias haben ihre Aufgaben gelöst.

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