Aachen - Erinnerung an St. Elisabeth wird bleiben

Erinnerung an St. Elisabeth wird bleiben

Von: Katharina Menne
Letzte Aktualisierung:
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Künftig kein heiliger, aber immer noch ein besonderer Ort: Am Sonntag wurde St. Elisabeth nach kanonischem Recht entwidmet. Foto: Andreas Steindl
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Priester Rolf-Peter Cremer feierte die letzte heilige Messe vor zahlreichen Besuchern im Bau an der Jülicher Straße. Foto: Andreas Steindl

Aachen. „Diese Kirche ist ab sofort nach kanonischem Recht kein heiliger Ort mehr.“ Diese Worte aus dem sogenannten Entwidmungsdekret, vorgelesen von Priester Rolf-Peter Cremer in einer letzten Heiligen Messe, haben am Sonntag aus der Kirche St. Elisabeth am Blücherplatz einen ganz normalen Ort gemacht.

Zumindest auf dem Papier. Für die vielen Menschen, die hier getauft wurden, zur Erstkommunion gingen, gefirmt wurden oder geheiratet haben, wird die Kirche jedoch für immer ein besonderer Ort bleiben.

So auch für Marika Borsch. Die 75-jährige Aachenerin gehörte zu den ersten, die 1951 kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in St. Elisabeth zur Erstkommunion gingen. „Heute geht ein Stück Heimat verloren“, sagt sie. „Ich habe hier im Kirchenchor gesungen, war in der Frauenbewegung und habe 1961 hier geheiratet. Es ist schwer, das alles zurückzulassen.“ Die gesamte Messe hindurch scheint sie ihren eigenen Gedanken und Erinnerungen nachzuhängen. Auch vielen anderen steht ins Gesicht geschrieben, wie schwer es ihnen fällt, loszulassen.

Die Kirche ist proppenvoll – so voll, wie vermutlich schon lange nicht mehr. Auf provisorisch aufgestellten Bierzeltbänken sitzen rund 400 Menschen, alte und junge. Einige müssen sogar hinten stehen. Nach einer feierlichen Begrüßung durch den Priester geben drei Gemeindemitglieder einen kurzen Überblick zur Geschichte der Kirche: Im Jahr 1904 wurde mit dem Bau des Gotteshauses begonnen, 1907 wurde die Kirche auf den Namen der heiligen Elisabeth geweiht und 1912 bereits der erste Pfarrer eingesetzt.

Die Kirche blickt also gerade einmal auf eine etwas über 100-jährige Geschichte zurück. Die neue Pfarrgemeinde war groß und die Kirche immer voll. Bei einem Luftangriff im Zweiten Weltkrieg brannte sie fast bis auf die Grundmauern aus, wurde aber anschließend neu errichtet. Am 25. Februar 1951 fand die erste Messe in der wiederaufgebauten Kirche statt.

Danach war die Gemeinde stets lebendig und ein Ort der Begegnung. St. Elisabeth gehörte noch in jüngerer Zeit zu den ersten Kirchen, die an der „Nacht der offenen Kirchen“ teilnahmen. Doch die Zahl der Kirchgänger nahm, wie in vielen anderen Gemeinden auch, über die letzten Jahre kontinuierlich ab. „Die Gemeinde stand und steht für die Liebe, wie auch die Pfarrpatronin Elisabeth“, sagt Cremer in seiner Predigt. „Es ist den Verantwortlichen bestimmt nicht leichtgefallen, eine Entscheidung über die Zukunft der Kirche zu treffen. Doch die vielen schönen Erinnerungen bleiben und können nicht genommen werden.“

Auch Simon und Matthias Ulfig bleiben nun nur noch die Erinnerungen an eine starke Gemeinschaft. Die beiden waren in ihrer Kindheit und Jugend in den 90er Jahren und darüber hinaus Messdiener in St. Elisabeth und Teil des Pfarrgemeinderats. Zusammen mit weiteren Jugendlichen haben sie erst 2005 die gesamte Kirche neu gestrichen. Die jungen Männer werden während der Messe und besonders während der Verlesung des Dekrets immer wieder von ihren Gefühlen überwältigt. „Wir haben hier heute ein Zuhause begraben“, sagen sie. „Wir haben hier gearbeitet, gelacht und geweint – dass das nun vorbei sein soll, geht uns sehr nahe.“

Bleibt Treffpunkt fürs Viertel

Von Anfang August bis Ende November wird das „Hotel Total“ in die Kirche einziehen. Es ist ein Konzepthotel, das einen Treffpunkt für das Viertel darstellen und Langzeitarbeitslose und Flüchtlinge in den Betrieb einbinden möchte. Die Projektidee stammt von Patricia Yasmine Graf, Anke Didier und Julia Graf, die damit bei dem Wettbewerb „CreateMedia.NRW“ erfolgreich waren und im gesamten Umsetzungszeitraum gefördert werden. Danach wird das Gebäude an den neuen Investor, die Landmarken AG, übergeben.

Simon und Matthias Ulfig können der Umnutzung zumindest ein bisschen was Positives abgewinnen. „Die Kirche war immer eine Begegnungsstätte und mit dem Hotelprojekt lebt der Gedanke fürs erste weiter“, sagt Simon Ulfig. Marika Borsch kann sich dagegen nicht so recht mit dem Gedanken anfreunden. „Ich kann mir nicht vorstellen nochmal her zu kommen, wenn das Hotel hier ist“, sagt sie.

Nach der Entwidmung bleiben nur noch feste Bestandteile wie die Kanzel im Kirchenraum zurück. Über viele andere Objekte muss noch die Denkmalbehörde entscheiden. Doch Orgel und Altar werden die Kirche auf jeden Fall verlassen. Liturgische Gegenstände wie die Hostienschale, Kelche, Kreuze und Kerzenständer werden an andere Gemeinde übergeben und die Osterkerze wandert in die Kindertagesstätte. Die Zukunft der Elisabethstatue ist dagegen noch ungewiss.

Doch jetzt heißt es für die Gemeinde erstmal Abschied nehmen. Während der Chor das stimmungsvolle Lied „Some say love“ singt, verteilen Kinder der benachbarten Kindertagesstätte Rosen. Jetzt fließen auch bittere Tränen und es werden Taschentücher gezückt. Der Sohn von Marika Borsch legt zärtlich tröstend den Arm um seine Mutter.

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