Erdogan: Zwischen Bewunderung, Dank und Abscheu

Von: Christina Handschuhmacher und Christina Merkelbach
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Für ihren Staatspräsidenten auf der Straße: Erdogan-Anhänger in Istanbul. Foto: afp/Merkelbach/Handschuhmacher
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Erdogan-Anhänger in Aachen (v.l.): Sanli Cevat, Fikret Topak, Gökhan Polat, Arif Bilgen, Abit Aginman. Foto: afp/Merkelbach/Handschuhmacher
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Der Aachener Unternehmer Yavuz Murtezaoglu ist der Meinung, dass man die Türkei nicht einfach in Erdogan-Anhänger und -Gegner einteilen könne. Diese vereinfachte Darstellung spalte das Land nur. Foto: afp/Merkelbach/Handschuhmacher

Aachen/Alsdorf. Eine Woche bevor ein Bombenanschlag den Flughafen von Istanbul erschütterte und 41 Menschen starben, hat Ebru Atalays Vater die türkische Metropole verlassen. Seine Kinder haben den 80-Jährigen zurück nach Deutschland geholt, wo er bis zu seiner Rente gelebt hat.

Sie hatten Angst um ihn. „Ich habe seit langem damit gerechnet, dass die Lage in der Türkei eskaliert“, sagt die junge Frau. „Erdogan muss weg, wir brauchen keine Rückkehr zur Todesstrafe, sondern einen demokratischen Präsidenten.“

Ebru Atalay ist nicht der richtige Name der jungen Frau aus Alsdorf. Bis kurz vor dem Gespräch mit unserer Zeitung wollte sie ihn noch nennen. Aber Freunde und Familie haben ihr davon abgeraten. Am besten solle sie überhaupt nicht mit der Zeitung sprechen, sagten sie.

Zwei Wochen nach dem gescheiterten Militärputsch in der Türkei ist es schwer, in Aachen einen Deutsch-Türken zu finden, der Erdogan kritisiert. Nicht anonym und erst recht nicht öffentlich. Auch Verbände beziehen lieber gar nicht erst Stellung: Reiner Bertrand, Vorsitzender des Aachener Vereins Eurotürk und Vorstandsmitglied des Partnerschaftsvereins Aachen-Sariyer, bat um Verständnis, dass man sich zu den Ereignissen in der Türkei aktuell nicht äußern wolle. Ditib Aachen, die türkisch-islamische Gemeinde und Betreiberin der Yunus-Emre-Moschee, reagierte auf Nachfrage nicht.

Einer der wenigen, der kein Problem damit hat, sich auch öffentlich kritisch zu äußern, ist Birdal Dolan. Der 36-Jährige, dessen Eltern 1972 nach Aachen gekommen sind, verfolgt die Situation in der Türkei mit Sorge. „Erdogan ist ein autoritärer Staatspräsident, der es schon seit Jahren nicht schafft, das Volk zu einen“, sagt der IT-Experte.

Erdogan zeige keine Größe, verklage selbst 16-jährige Jugendliche wegen Präsidentenbeleidigung und versuche alle, die nicht seiner Meinung sind, mundtot zu machen. „Das wird irgendwann zu einem Schwelbrand in der Gesellschaft führen“, fürchtet Dolan, der Schatzmeister bei den Aachener Grünen ist. „Ich würde mir wünschen, dass Erdogan anfängt, auch an die Minderheiten und die Oppositionellen im Land heranzutreten und alle mitnimmt. Derzeit ist er nur ein Präsident für die, die ihn gewählt haben.“

Im improvisierten Teehaus der Yunus-Emre-Moschee, die Ende dieses Jahres fertig gebaut sein soll, finden sich am Donnerstag vor der großen Pro-Erdogan-Demo in Köln hingegen nur Anhänger des Präsidenten. Die meisten von ihnen wollen am Sonntag auf jeden Fall auf die Straße gehen. Sanli Cevat, seit den 1970er Jahren in Deutschland, wird mit seinen beiden Söhnen nach Köln fahren.

Nicht in erster Linie für Erdogan wolle er demonstrieren. „Sondern für unser Land.“ Die anderen Männer nicken und murmeln Beifall. Cevat bezeichnet sich selbst als „normalen, durchschnittlichen Moslem“. „Ich bin kein Radikaler, wenn ich in Deutschland wählen dürfte, würde ich SPD wählen“, sagt er. „Erdogan ist kein Diktator, die Türkei keine Diktatur. Assad etwa ist ein Diktator, China eine Diktatur.“

Der Zorn der Männer im Teehaus gilt der Gülen-Bewegung. Diese stecke nicht nur hinter dem glücklicherweise gescheiterten Militärputsch, sondern sei auch für die Anschläge in der Türkei verantwortlich, zuletzt Ende Juni auf dem Flughafen von Istanbul. „Mit dem Putsch hat Gülen unser Volk betrogen“, sagt Sanli Cevat.

Wie viele Deutsch-Türken hat auch er über Jahrzehnte an Gülens Hizmet-Bewegung gespendet, die sich für sozialen und wirtschaftlichen Aufstieg ärmerer Teile der türkischen Bevölkerung einsetzt. „Und dann versucht Gülen, unseren demokratisch gewählten Präsidenten zu stürzen. Natürlich darf Erdogan sich das nicht gefallen lassen.“

Arif Bilgen aus Würselen stößt etwas später zur Runde im Teehaus, wo ein stetes Kommen und Gehen herrscht. Auch er wird auf jeden Fall am Sonntag bei der Demo dabei sein. „Und zwar in der ersten Reihe“, sagt er. Ihn stört, dass nicht alles, was Erdogan sagt, korrekt wiedergegeben werde. Die deutsche Öffentlichkeit und vor allem die Medien seien voreingenommen. „Erdogan hat die Türkei vorangebracht, er hat erkannt, dass das türkische Volk technisch und wirtschaftlich weiterkommen will und ermöglicht ihm das.“ Deutschlands Türkei-Bild sei überholt. „Den kranken Mann vom Bosporus gibt es schon lange nicht mehr und das verdankt die Türkei Erdogan.“

Kommen auch Erdogan-Kritiker im Teehaus zu Wort? „Ja, natürlich“, sagt Bilgen und lacht. „In unserer Runde gibt es auch jemanden, der nichts von dem hält, was Erdogan macht. Allerdings ist er gerade in der Türkei im Urlaub.“

Ortswechsel: Nur ein paar Kilometer Luftlinie entfernt, im Westen Aachens, sitzt der Unternehmer Yavuz Murtezaoglu in seinem Büro und hat das Bedürfnis, über die Situation in seinem Heimatland zu sprechen. Das „Schwarz-Weiß-Bild“, das in seinen Augen in den deutschen Medien gezeichnet wird, gebe die Realität im Land nicht ganz wieder.

Erst am Dienstag ist der 46-Jährige aus dem türkischen Badeort Datça zurückgekehrt. Drei Wochen Sommerurlaub mit der Familie liegen hinter ihm. Den gescheiterten Militärputsch hat er hautnah miterlebt, denn Datça liegt nur eine Autostunde von Marmaris entfernt, dem Ort, in dem Erdogan urlaubte, als die Putschisten die Macht im Land an sich reißen wollten.

Während Murtezaoglu also in den Tagen nach dem Putschversuch mit seinen Töchtern im Meer auf dem Surfbrett stand, fuhren am Horizont Kriegsschiffe vorbei und in der Luft kreisten Kampfhubschrauber. Die Regierung wollte verhindern, dass den auf der Flucht befindlichen Putschisten die Überfahrt auf eine der nahe gelegenen griechischen Inseln gelingt.

Der gescheiterte Putsch, sagt Murtezaoglu, sei eine riesengroße Chance für die Türkei gewesen. Direkt im Anschluss habe es „ein einmaliges Klima der Versöhnung“ im Land gegeben. Auch Teile der Opposition würden den Ausnahmezustand und die Massenverhaftungen unterstützen, weil sie sichergehen wollen, dass so ein Putsch nicht so bald wieder passiert.

Die aktuelle Situation in der Türkei sei eben nicht einfach so, dass man das Land in Erdogan-Anhänger und Erdogan-Kritiker teilen könne, sagt der studierte Elektrotechniker, der seit 1989 in Deutschland lebt. „Diese vereinfachte Darstellung in den deutschen Medien, dass Erdogan der Böse ist, spaltet das Land und die Türken in Deutschland nur“, sagt er.

Murtezaoglu wählt seine Worte mit Bedacht. Ja, Erdogan habe ein für europäische Verhältnisse beschränktes Demokratieverständnis und er mache auch politisch viele Fehler. Ein Großteil der Kritik an ihm sei berechtigt, aber er sei eben letzten Endes auch ein sehr pragmatischer Politiker – dies habe zuletzt doch auch seine Versöhnung mit Russlands Präsident Wladimir Putin gezeigt.

Und dann sagt Murtezaoglu etwas, dass vielleicht auch den Kern des Problems ausmacht, wenn es um das Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei geht: „Wir Deutschen dürfen nicht die europäischen Demokratiestandards an die Türkei anlegen.“ Die Türkei brauche noch mehr Zeit, um sich Europa weiter anzunähern. „Dadurch, dass wir Europäer der Türkei keine glaubhafte EU-Perspektive anbieten, verlieren wir unsere Einflussmöglichkeit.“

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