Aachen - Er holt den Aachenern die Sterne vom Himmel

Er holt den Aachenern die Sterne vom Himmel

Von: Carolin Cremer-Kruff
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„Gerade Kinder möchten ganz genau wissen, was da oben am Himmel passiert“: Jürgen Balk hat in „seiner“ Sternwarte am Hangeweiher garantiert immer spannende Geschichten zu erzählen. Pro Jahr zählt die Einrichtung rund 4000 Besucher. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Der Mond ist 384.000 Kilometer entfernt, die Sonne sogar 149,6 Millionen Kilometer. Für Jürgen Balk von der Aachener Sternwarte gehören diese unvorstellbaren Entfernungen zum Tagesgeschäft. Denn er holt den Öchern regelmäßig die Sterne vom Himmel – naja, zumindest zoomt er sie ganz nah heran, mit Hilfe eines großen Teleskops.

Wenn er die Kuppel der Sternwarte am Hangeweiher öffnet, breitet sich vor den Augen der Besucher das unendliche Universum mit all seinen nächtlichen Hauptdarstellern aus: dem Mond, den Galaxien, den Planeten und Sternhaufen. Seit 2002 ist Balk in der Kaiserstadt der „Herr der Sterne“ – als Leiter der traditionsreichen Einrichtung. Schon viele Male schweifte sein Blick von hier aus gen Firmament. Auch wenn gestern in Aachen Nebel dem Sofi-Spektakel einen Strich durch die Rechnung machte, beim Blick in den Himmel ist der 65-Jährige in seinem Element.

Wolken statt Sonnenfinsternis: Sind Sie enttäuscht, dass das Naturspektakel gestern nicht sichtbar war?

Balk: Natürlich wäre es schön gewesen, etwas zu sehen. Aber enttäuscht bin ich nicht, zumal der Wetterbericht schon darauf hingedeutet hat, dass der Himmel bedeckt sein wird. Ich habe den Vormittag in der Sternwarte verbracht, mit elf Mitarbeitern und weit über 200 Besuchern. Die Sonnenfinsternis-Brillen kamen zwar nicht zum Einsatz, dafür haben wir Vorträge rund um die Sonnenfinsternis gehalten, Führungen angeboten, Fragen der Besucher beantwortet – das ganze bei Kaffee und Kuchen. Die Stimmung war sehr gut und ich fand es schön, mit so vielen Menschen ins Gespräch zu kommen.

Wie stehen eigentlich zurzeit die Sterne über Aachen?

Balk: Die Venus steht ganz hell im Westen, der Jupiter geht im Osten auf. Im Süden hat man ein Supersternbild: Orion, darunter der hellste Fixstern Sirius. Im Moment bietet sich ein wunderschönes Himmelspanorama.

Astronomie fasziniert die Menschen seit jeher. Warum haben Sonne, Mond und Sterne eine so große Wirkung auf uns?

Balk: Zum einen ist Astronomie etwas Ästhetisches: Es ist schön, die Sterne nachts am Himmel zu sehen. Das fasste schon Immanuel Kant mit dem Begriff der Erhabenheit gut in Worte. Mit der kopernikanischen Wende vor über 500 Jahren und der modernen Astronomie haben wir gute Erklärungsmodelle, welche Aufschluss über das Himmelsgeschehen geben. Es ist faszinierend, wissenschaftlich zu erkennen, was im Weltall wie zusammenhängt. Außerdem möchte der Mensch ja auch wissen, welchen Platz er selbst in diesem Gefüge einnimmt. Unverzichtbar ist auch die Technik, etwa das Teleskop. Damit schaut man auf eine Welt, die einem normalerweise verschlossen bleiben würde.

Eine geheimnisvolle Welt . . .

Balk: Ja, denn die Astronomie verkörpert als eine der ältesten Wissenschaften einen Bereich Natur, den wir auf der Erde so kaum noch vorfinden. Hier ist fast die ganze Natur mittlerweile von Menschenhand geprägt. Wir werden jedoch wahrscheinlich nie alle Geheimnisse des Universums lüften.

Spüren Sie diese Faszination auch in der Sternwarte?

Balk: Oh ja, sie ist ein Anziehungspunkt für unterschiedlichste Menschen. Pro Jahr besuchen mehr als 4000 Menschen die Aachener Sternwarte, darunter viele Kinder und Jugendliche.

Mit welchen Fragen kommen die Menschen in die Sternwarte?

Balk: Die meistgestellte Frage lautet: Wie weit kann man eigentlich mit dem Teleskop gucken? Viele interessieren sich aber auch für das aktuelle Himmelsgeschehen. Gerade ist zum Beispiel der Jupiter sehr schön sichtbar, in ein paar Monaten werden es der Saturn oder Galaxien sein. Dementsprechend stellen wir das Teleskop ein und erklären, was zu sehen ist. Gerade Kinder sind sehr interessiert und mit viel Forschergeist dabei. Die möchten ganz genau wissen, was da oben am Himmel passiert. Da kommen schon mal Fragen wie „Wenn ich jetzt an die Sonne fasse, ist das eigentlich heiß?“

Und welche Weiten überwindet nun das Teleskop in der Aachener Sternwarte?

Balk: In erster Linie können der Mond und die Planeten sehr gut beobachtet werden, aber auch Tausende oder Millionen von Lichtjahren entfernte Sterne und Galaxien. Mit einem zusätzlichen Teleskop kann auch die Sonne von der Sternwarte aus beobachtet werden. Diese wird dann sichtbar als tiefrot glühender Gasball, auf dem auch Flecken und Gasausbrüche erkennbar werden.

Was ist eigentlich ein Stern?

Balk: Im Grunde genommen sind alle Sterne selbstleuchtende Himmelskörper, die aus Gas und Plasma bestehen. Viele Sterne sind sehr weit weg, deswegen erscheinen sie uns nur als kleine Pünktchen. Mit bloßem Auge kann man pro Nacht circa 6000 Sterne sehen, mit einem Fernglas hingegen einige hunderttausend. Die Sonne ist ja auch ein Stern, von der Erde circa acht Lichtminuten entfernt. Wären die weiter entfernten Sterne ebenso nah sichtbar, würden sie ähnlich aussehen wie die Sonne.

Die Aachener Sternwarte feiert dieses Jahr 80-jähriges Bestehen und hat sich kontinuierlich zu einer Bildungseinrichtung entwickelt.

Balk: Das stimmt. Bereits im Jahr 1837 errichtete Eduard Heis, Oberlehrer an der Real- und Gewerblichen Schule in Aachen, auf dem Dach der Bürgerschule am Katschhof einen sogenannten „Himmelsposten“, von dem aus er viele Himmelsstudien über Sternschnuppen und veränderliche Sterne anfertigte. 1935 wurde dann die Sternwarte am Hangeweiher von der Firma Carl Zeiss Jena errichtet. Damals befand sich der Standort noch am äußersten Stadtrand: Ruhig, mit guter Rundumsicht und fernab von künstlichem Licht. Perfekt für das Beobachten. 1946 wurde die Sternwarte der Volkshochschule angegliedert und wird seitdem erfolgreich von ihr verwaltet. Trotz einiger Beschädigungen aus dem Zweiten Weltkrieg ist die Aachener Sternwarte noch in ihrem ursprünglichen Bauzustand mitsamt der Original-Geräteausstattung erhalten geblieben und steht unter Denkmalschutz. Damit gehört sie zu den ältesten Einrichtungen der Himmelsbeobachtung in der näheren Umgebung.

Auch die markante silberne Kuppel ist noch von damals?

Balk: Ja. Die Kuppel hat einen Durchmesser von sechs Metern und verfügt über zwei große Tore, welche auf Stahlschienen rollen und über einen Kettenantrieb geöffnet und wieder geschlossen werden können. In den Jahren 2003 und 2004 wurde sie sachgerecht mit Aluminiumblech eingedeckt, und die inneren Holzarbeiten wurden aufwendig renoviert.

Das Highlight ist der Blick durch das riesige Teleskop, das Herzstück der Sternwarte.

Balk: Klar. Das Teleskop von Carl Zeiss – ausgestattet mit einer 20 Zentimeter großen Linse und drei Metern Brennweite – verfügt über eine sehr gute Optik und wird von einer massiven Montierung aus Gusseisen gehalten. Die gesamte Anlage ist viele hundert Kilo schwer. Anfang der 80er Jahre wurde das Teleskop noch einmal vollständig überholt. Wir haben einen Mitarbeiter, der das Teleskop in- und auswendig kennt, denn die Technik ist einmalig. Wenn etwas kaputt geht, muss man sich selbst helfen können. Es gibt keinen speziellen Reparaturbetrieb für ein solches Teleskop, den wir eben mal anrufen könnten.

Was wird sonst noch von der Sternwarte angeboten?

Balk: Die Sternwarte versteht sich als Bildungseinrichtung für jede Altersklasse. Der Klassiker sind natürlich die Führungen, jeden Samstagabend haben wir geöffnet. Zudem gibt es einen Astronomie-Arbeitskreis, pro Semester ein VHS-Astronomieprogramm und Vorträge. Für Hobbyastronomen bieten wir sogenannte Teleskophilfen mit vielen Tipps zum Kauf und zur Bedienung an, auch am „Tag der Astronomie“, zu dem wir am 21. März in die Sternwarte einladen. Auf unserer Homepage bilden wir zudem die aktuelle Sternkarte ab, die stündlich aktualisiert wird. Dort findet man auch ein umfangreiches Glossar mit allen wichtigen Begriffen aus der Astronomie.

Wie sind Sie eigentlich Leiter der Sternwarte geworden?

Balk: Ich war schon vorher viele Jahre als Dozent für Physik und Mathematik an der VHS tätig. Als ich das Angebot bekam, die Sternwarte zu leiten, habe ich nicht lange überlegt. Astronomie ist das perfekte Thema für alles, was mit Naturwissenschaften zu tun hat. Die Bildungsarbeit an der Sternwarte ist eine sehr schöne Aufgabe. Wir sind ein Team von circa zehn Mitarbeitern. Hinzu kommen 50 bis 60 Amateurastronomen, die intensiv an der Arbeit in der Sternwarte teilhaben. Die Sternwarte ist praktisch der zentrale Punkt für alle Astronomie-Interessierten in Aachen. Das ist wunderbar!

Gibt es in Ihrem Leben eine astronomische Sternstunde?

Balk: Natürlich, die Sonnenfinsternis im Jahr 1999 – ein sehr greifbares Erlebnis. Aber auch den Kometen Hyakutake, der im Jahr 1996 mit bloßem Auge sichtbar war, werde ich so schnell nicht vergessen. Damals bin ich an einem Abend vom Kino nach Hause gefahren. Und da man als Astronom bei Nacht immer routinemäßig nach oben schaut, habe ich auf einmal oben neben einer Straßenlaterne irgendetwas gesehen, was da nicht hingehörte. Da wusste ich: Das kann nur der Komet sein. Da habe ich schnell meine Sachen gepackt und bin schnurstracks in die Eifel gefahren, um dort Fotos von dem Kometen zu machen. Bei einer Australienreise konnte ich zudem den Südhimmel bewundern. Auch dieser Anblick hat bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Dort stehen ja alle Sternbilder auf dem Kopf.

Und welche nächtliche Himmelserscheinung haben Sie noch auf Ihrem Wunschzettel?

Balk: Einen richtig schönen Sternenhimmel ohne Lichtverschmutzung. Das wäre nur in der Wüste mit ganz trockener Luft möglich, am besten hoch auf einem Berg. Aber es muss nicht immer etwas Exotisches sein. Ich werfe auch gerne einen Blick ins Universum durch das Teleskop, das in meinem Garten steht. Das ist jedes Mal ein Erlebnis.

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