Aachen - Entlassungswelle: Es steht mehr als Minigolf auf dem Spiel

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Entlassungswelle: Es steht mehr als Minigolf auf dem Spiel

Von: Oliver Schmetz und Robert Esser
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Ob im Stadtpark in absehbarer
Ob im Stadtpark in absehbarer Zeit wieder Minigolf gespielt wird? Wabe-Chef Alois Poquett war gezwungen, den Mitarbeiter, der die Anlage von Frühjahr bis Herbst betreute, zu entlassen. Auch das ist Folge der Kürzungen von Fördermitteln auf dem Foto: Robert Esser

Aachen. Völlig verschlafen liegt der Minigolfplatz im Kurpark. Nebenan im Casino läuft das große Spiel, aber hier geht nichts mehr. Kein Schläger, kein Ball, keine Kundschaft. Das kleine Häuschen neben der Anlage mit 18 Bahnen ist verrammelt.

Und so wird es wohl erstmal bleiben. Denn Detlef H., der hier fünf Jahre lang über das soziale Netzwerk Wabe die Anlage aufopferungsvoll in Schuss gehalten hat, hält jetzt seine Kündigung in der Hand. Genauso wie hunderte weitere Menschen in der Städteregion Aachen, deren Jobs von der Arge, die jetzt Jobcenter Städteregion heißt, nicht mehr kofinanziert werden.

Betroffen ist nicht nur der Minigolfplatz im Kurpark an der Monheimsallee. Weit verheerender sind wohl die Stellenverluste bei den sieben mobilen sozialen Diensten, die in der Städteregion 680 Senioren betreuen. Zumindest bis zum Ende der kommenden Woche. Drei dieser Dienste, die die Caritas anbietet, werden dann sogar schon schließen, weil dort für Ein-Euro-Jobber und aus dem Arge-Programm „Jobperspektive” kein Geld mehr fließen wird. Und die Zukunft des City-Service sieht ebenso düster aus.

Wabe-Geschäftsführer Alois Poquett war gezwungen, 105 Menschen die Arbeitsverträge zu kündigen. Bis zu 75 Prozent waren die Stellen durch die „Jobperspektive” finanziert worden. Ende März ist damit Schluss. „Es ist einfach eine große Sünde, dass man diesen Menschen - die vorher meist Langzeitarbeitslose waren - nun jede Hoffnung nimmt”, sagt Poquett.

Es sei doch „irrsinnig”, dass man etwa Detlef H. seinen Job an der Minigolfanlage wegnehme, die pro Saison 18.000 Euro eingespielt habe und ein attraktiver Treffpunkt im Kurpark war. „Er wird künftig von Arbeitslosengeld II leben müssen, etwa 750 Euro”, rechnet der Wabe-Geschäftsführer vor. „Die öffentliche Hand spart dadurch also keinen Cent - aber der Job ist weg, und die Zukunft der Minigolfanlage völlig ungewiss.”

Andere Arbeitsplätze musste die Wabe zum Beispiel in der Verwaltung, im Sozialkaufhaus Stolberg (wo zwölf von 21 Stellen wegfallen) und beim Projekt „Dienstleistung an Schulen” streichen. Damit fallen dem Rotstift vielerorts Hilfshausmeisterdienste und Nachmittagsbetreuung zum Opfer. Poquett schätzt, dass die Sparmaßnahmen bis zum Sommer in der Städteregion bis zu 900 Jobs vernichten.

Dramatisch ist die Lage auch beim Sozialwerk Aachener Christen. Geschäftsführerin Dr. Simone Pfeiffer-Bohnenkamp kämpft um den City-Service - eine Art Informations- und Ordnungsdienst, der seit Jahren durch Aachen patrouilliert. Die 36 Stellen können nicht gehalten werden. Zwar hat die Stadt einen neuen Förderantrag für 14 Plätze beim Bund gestellt, über den im Mai entschieden wird. Und auch die Suche nach privaten Sponsoren in den Stadtbezirken läuft auf Hochtouren.

„Aber ich weiß nicht, wie es weitergehen soll”, sagt Pfeiffer-Bohnenkamp. Für eine kurze Übergangszeit würde das Sozialwerk die Personalkosten alleine stemmen wollen. Jedoch nicht, wenn jede Perspektive fehlt. „Auf Dauer ist das nicht machbar”, sagt sie. Gekündigt wurden unter anderem auch zwölf Mitarbeiter, die mit dem Stadtbetrieb die weitläufigen Grünflächen des Lousbergs pflegen - und 15 Mitarbeiter des mobilen sozialen Dienstes Senioritas. Sie betreuten hilfsbedürftige ältere Bürger zum Beispiel bei der Reinigung der Wohnung, bei der Wäschepflege und der Zubereitung von Mahlzeiten.

„Wie dieses Betreuungsangebot aufrecht erhalten werden soll, ist mir rätselhaft. Es wird keine Zuwendungen der Argen in diesem Bereich mehr geben - das ist zumindest sicher”, erklärt die Geschäftsführerin. Das gilt auch für die drei mobilen sozialen Dienste der Caritas, wie Geschäftsführer Bernhard Verholen bestätigt. 25 geförderte Jobs fallen dort weg. Aber auch acht Festangestellte sind gefährdet, von denen eine bereits seit 25 Jahren beschäftigt ist. Und für die 150 Senioren, die bislang dort betreut werden, sucht man noch nach neuen Lösungen.

„Der Staat leistet sich den Luxus, Menschen zu Hause zu lassen und Arbeitslosigkeit statt Arbeit zu finanzieren”, kommentiert Verholen den Sparkurs als „grandiose Fehlleistung” und bezieht auch das hiesige Jobcenter in seine Kritik mit ein. „Kurzatmigkeit und Hektik” wirft er der Behörde bei der Umsetzung der Veränderungen vor. Und eine gewisse Ignoranz: „Wir haben um Übergangsfristen gebeten, aber das wurde in den Wind geschlagen”, sagt der Caritas-Geschäftsführer. „Das ist nicht mehr seriös, wie hier mit den Trägern und den Menschen umgegangen wird.” Seitens des Jobcenters war dazu am Mittwochnachmittag keine Stellungsnahme zu erhalten.
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