Aachen - Engagement im „kleinen Paradies“ für Historiker

Engagement im „kleinen Paradies“ für Historiker

Von: Hans-Peter Leisten
Letzte Aktualisierung:
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Setzen beim Aachener Geschichtsverein neue Impulse: Dr. Mechthild Isenmann und Prof. Dr. Harald Müller. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Zu fragen, ob Aachen eine geschichtsträchtige Stadt ist, wäre genauso angebracht wie die Printe als Lokalgebäck in Frage zu stellen. Geschichte ist in unserer Stadt lebendig und (be)greifbar. Dafür sorgt seit 1879 unter anderem der Aachener Geschichtsverein.

Seit kurzem besteht die Vereinsführung aus einer Doppelspitze. Professor Dr. Harald Müller ist 1. Vorsitzender, Dr. Mechthild Isenmann ist seine Stellvertreterin. Ein durchaus junges Führungsduo in einem altehrwürdigen Verein. Dass es sich hier aber längst um einen modernen und innovativen Verbund geschichtsinteressierter Fachleute handelt, erklären die beiden im heutigen Samstagsinterview.

Ist Aachen ein kleines Paradies für Geschichtsforscher und den Geschichtsverein?

Isenmann: Die Frage beantworte ich mal mit einem uneingeschränkten Ja. Bei unseren Veranstaltungen beobachte ich jedenfalls ein sehr großes, treues und interessiertes Publikum. Wir finden sehr gute Voraussetzungen für unsere Arbeit. Man kann sagen, dass in Aachen eine sehr gute Atmosphäre für Geschichtsforschung herrscht. Müller: Die Aachener Geschichte ist durch viele Epochen hindurch sehr interessant. Die Räume zwischen Karl dem Großen und dem Thema Europa bieten enorm viele Themen. Dass Aachen seit 870 eine Grenzstadtlage hat, kommt hinzu. Unser Publikum kommt, es ist gut geschult – und es wird jünger. Isenmann: Im Ruhrgebiet müssen die Geschichtsvereine zum Beispiel im Vergleich zu uns immer wieder kämpfen, um Interesse an der Geschichte zu wecken. So etwas kennen wir in Aachen zum Glück nicht. Müller: Aachen ist halt eine im Kern vom Bildungsbürgertum geprägte Stadt…

Bislang war der Leiter des Stadtarchivs auch oft der Vorsitzende des AGV. Warum hat sich das jetzt geändert?

Müller: Die Ämterkombination war auch früher nicht zwingend gegeben. Aachen ist eine stark mittelalterlich bestimmte Stadt. Mein Vorgänger beim AGV, der frühere Archivdirektor Dr. Thomas Kraus, ist ja auch Mediävist, der neue Archivdirektor, Dr. René Rohrkamp, aber Neuzeitler. So hat es sich ergeben, dass der Schwerpunkt Mittelalter durch meine Person weiter vertreten ist. Da Dr. Rohrkamp aber neues Beiratsmitglied ist, ist auch das Stadtarchiv weiter stark integriert.

Kann man von einem Generationswechsel beim Geschichtsverein sprechen?

Isenmann: Weniger von einem Generationswechsel als von einer Ämterverschiebung. Diese ist aus dem Vorstand und dem Verein heraus so gewollt. In unserem Beirat sitzen jetzt auch zahlreiche Vertreter aus verschiedenen Richtungen, die ihre Ideen einbringen.

Verstehen Sie sich als Doppelspitze?

Müller: Wir teilen uns die organisatorische Arbeit, und diese Aufteilung richtet sich auch nach individuellen Vorlieben. Mechthild Isenmann kümmert sich mehr um die Exkursionen, in meinen Bereich fallen stärker die Vorträge . Es gibt hier keine Hierarchie.

Gibt es neue Angebote?

Müller: Aachen hat ein großes Potenzial an Geschichtsinteressierten. Es kommt also für uns und unseren Verein darauf an, diese Menschen zu aktivieren – wir müssen nicht missionieren. Über Zeitzeugengeschichten kann man zum Beispiel auch die jüngeren Menschen stärker für Geschichte interessieren.

Wo legen Sie die Messlatte bei Ihren Ansprüchen an?

Müller: Da müssen wir einen Balanceakt schaffen: Einerseits wollen wir möglichst viele für unsere Themen interessieren, andererseits dezidiert einem wissenschaftlichen Anspruch gerecht werden. Wir wollen keine historische Kuschelecke schaffen.

Auf welchen Säulen ruht das Angebot des AGV?

Isenmann: Da sind zum Beispiel die klassischen Exkursionen. Wir wollen aber künftig nicht nur wegfahren, sondern verstärkt auch so genannte Stadtspaziergänge in Aachen und seinen Außenbezirken anbieten. Diese werden jeweils von versierten Kennern vor Ort begleitet. Auch hier müssen wir einem Qualitätsanspruch genügen. Es liegt so viel Spannendes und Interessantes direkt vor unseren Füßen, das mit wenig Aufwand erschlossen werden kann – frei nach dem Motto: Anmeldung nicht nötig.

Wie definieren Sie die räumliche Nähe für diese Angebote vor Ort?

Isenmann: Das Aachener Umland, den Heinsberger und Dürener Raum sowie den Süden von Aachen mit der Eifeler Region, aber auch das Grenzland Belgiens und der Niederlande.

Zurück zu den Säulen des AGV.

Müller: Da nenne ich zuerst die Vorträge. Diese sollen eine möglichst breite Streuung an Themen haben, aber auch feste Disziplinen wie die Archäologie bedienen. Hinzu kommen der regelmäßige Denkmalpflegebericht und der Forschungsbericht aus dem Historischen Institut der RWTH Aachen. Schließlich als weitere Säule die Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins (ZAGV), unser Publikationsorgan. Deren Beiträge richten sich normalerweise nicht an konkreten Anlässen aus. Wir überlegen, künftig aber auch einmal einem einzigen Thema breiten Raum in einer Ausgabe zu reservieren. Der letzte Band über ‚Grab und Memoria“ im Karlsjahr hat sehr positive Resonanz erfahren.

Hat die ZAGV wissenschaftliches Renommee?

Müller: Bei aller Bescheidenheit können wir sagen, dass wir in der oberen Liga spielen. Die Zeitschrift ist auch international verbreitet, geht nach Harvard und an die Sorbonne. Daraus resultiert natürlich auch die Verpflichtung, das wissenschaftliche Niveau zu halten. Wir haben zudem nie ein Problem, anerkannte Wissenschaftler von auswärts für Vorträge zu bekommen, die wir dann publizieren. Isenmann: Wir haben über unsere Homepage rege Anfragen zur ZAGV von Wissenschaftsinstitutionen aus dem In- und Ausland. Auch das ist ein Indiz für das wissenschaftliche Renommee.

Wo sehen Sie neue Formate für den AGV?

Müller: Publikationen und Vorträge werden die Hauptsäulen bleiben. Der Vorstand sieht aber eine Chance in stärker interaktiv geprägten Veranstaltungen.

Was kann man sich darunter vorstellen?

Müller: Zum Beispiel Foren, an den die Bürger beteiligt werden. Solche Foren können sich auch auf aktuelle Themen in ihrem historischen Kontext beziehen. Ein Beispiel: Rund um das Thema Abriss des Bunkers an der Rütscherstraße hätten wir den Komplex Kapitulation in Aachen beleuchten können. Hier müssen wir als Verein zügiger, aktueller werden. In moderierten Foren können gegenwärtige Themen historisch kompetent vermittelt und diskutiert werden.

Was könnte da perspektivisch ein Thema sein?

Müller: Zum Beispiel die Einführung des Euro und deren Folgen im Aachener Grenzraum, für den kleinen Grenzverkehr. Organisatorisch bekommen wir so etwas gestemmt. Über dieses neue Format können wir stärker die momentane Lebenswelt einbeziehen. Isenmann: Auf diesem Weg könnten sich Geschichtsinteressierte stärker einbringen, wir könnten die aktive Teilnahme forcieren. Auf ordentlichem Niveau könnten so viele mitreden. Der Geschichtsverein ist die richtige Adresse, um ein Fundament zu legen. Wir können die traditionelle Starre lockern. Ich kann mir vorstellen, an Schulen zu gehen und mit den Oberstufen zusammenzuarbeiten. Man kann zum Beispiel in die Diskussion einsteigen, ob NS-Filme gezeigt werden dürfen oder nicht.

Dürfen sie?

Isenmann: Ja – aber moderiert. Der Aachener Geschichtsverein hat hier die Kompetenzen. Aber so eine Idee muss schrittweise entwickelt werden.

Welche Verflechtungen hat der Geschichtsverein mit der RWTH und dem gesamten wissenschaftlichen Bereich?

Müller: Lange hat der Geschichtsverein eher gering vernetzt vor sich hingearbeitet. Unser Ziel muss aber sein, eine Schnittstelle, eine Info-Börse zu sein. Der Verein ist prädestiniert, so etwas wie eine informative Mitte zu werden. Das Historische Institut etwa kann sich über den Geschichtsverein auch besser in der Stadt verankern. Studenten als Zuhörer und Referentinnen des Geschichtsvereins haben so etwas wie eine natürliche Nähe zur Stadt. Beide Seiten – Hochschule und Verein – können von gegenseitiger Offenheit nur profitieren. Isenmann: Unsere Homepage wird jetzt schon sehr gepflegt und auch stark genutzt. Aber sie ist ausbaufähig. Mir schwebt eine Terminbörse vor, so etwas wie ein Kalender historischer Termine der Region. Wir wollen zu dem Anspruch kommen: Wer etwas veranstaltet, muss bei uns auf der Homepage sein.

Hier landet man bei der Frage nach dem Stellenwert von Freizeithistorikern…

Müller: Bei allem gern gesehenen Engagement darf man auch mal freundlich nein sagen. Wir bekommen für unsere Zeitschrift manchmal auch Manuskripte, die man nicht veröffentlichen kann. Aber das ließ sich bislang immer regeln. Entscheidend auch bei der Beurteilung der Arbeit von Hobby-Historikern ist letztlich die wissenschaftliche Tragfähigkeit der Ergebnisse. Darüber muss der Vorstand die Entscheidungen treffen. In unserem wissenschaftlichen Ausschuss sitzen aber auch auswärtige Experten, die einen freien Blick von außen auf die Themen haben.

Ist der Geschichtsverein bei allem Anspruch ein bürgerlicher Verein?

Müller: Ich würde eher sagen, ein Verein mit großem bürgerschaftlichem Engagement. Als Beispiel dafür nenne ich die Aachener Stadtgeschichte, die von meinem Vorgänger im AGV-Vorsitz Thomas Kraus für den Geschichtsverein initiiert wurde und herausgegeben wird. Hier entsteht endlich ein grundlegendes Geschichtswerk über Aachen in allen Epochen. Es kommt aus Aachen und ist weitgehend für Aachen und damit ein Stück auch typisch für den Aachener Geschichtsverein.

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