Aachen - Eiserne Fronten rund um die Antoniusstraße

Eiserne Fronten rund um die Antoniusstraße

Von: Matthias Hinrichs
Letzte Aktualisierung:
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Ausgeschert: OB Marcel Philipp (2.v.l.) und Polizeipräsident Dirk Weinspach (2.v.r.) erklärten auf Nachfrage unserer Redakteure Stephan Mohne (l.) und Oliver Schmetz beim AZ-Forum zum Altstadtquartier Büchel, warum sie plötzlich für eine Auslagerung der Bordelle aus der Antoniusstraße sind. Foto: Michael Jaspers
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Knackpunkt in der intensiven Diskussion um die Entwicklung des Altstadtquartiers Büchel: das umstrittene „Laufhaus“ (1), das im Bereich der derzeit unbebauten Fläche in der östlichen Antoniusstraße nahe der Mefferdatisstraße gebaut werden und den Großteil der Bordellbetriebe in sich vereinen soll. Foto: Avia-Luftbild/Martin Jochum
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Anke Reermann (Arbeitskreis Prostitution im Frauennetzwerk Aachen): Man muss die Diskussion um die Zustände in der Antoniusstraße und die Zustände rund ums Parkhaus Büchel trennen. Die Sexarbeiterinnen und Freier sind für die Kriminalität nicht verantwortlich. Klar ist: Die Prostituierten wollen in der Antoniusstraße bleiben. Zumal es ja eine lange Tradition der Prostitution in dieser Straße gibt. Foto: Michael Jaspers
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Live-Stream: Via Facebook wurde das Forum übertragen. Die AZ-Kollegen Nina Leßenich und Björn Hellmich sorgten mit Ines Kubat (nicht auf dem Foto) für das perfekte Bild. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Tiefer denn je steckt der Karren des Konsenses im schmuddeligen Morast des maroden „Milieus“. An dieser Erkenntnis führte auch nach gut zweistündiger, in jeder Hinsicht denkwürdiger Debatte am Donnerstagabend kein Weg vorbei. Wie also zieht man ihn wieder heraus aus dem vertrackten, längst auf Schritt und Tritt verminten Terrain der Argumente?

„Bordelle raus aus der Stadt?“ An engagierten – und reichlich kontroversen – Antworten sollte es beim AZ-Forum zur „Zukunft des Altstadtquartiers Büchel“, moderiert von unseren Redakteuren Oliver Schmetz und Stephan Mohne, also keineswegs mangeln. Auf dem schmalen Grat zwischen kühnen Visionen und womöglich fatalen Illusionen rund um eine nachhaltige Aufwertung des völlig heruntergekommenen und zerklüfteten Areals im Herzen der Innenstadt rückte die Aachener Rotlichtmeile erwartungsgemäß ins zuweilen schmerzhaft grelle Licht der real existierenden Fronten zwischen Politik, Planern, Polizei, Prostitution – und die zogen sich auch quer durchs rund 150-köpfige Publikum im Kasino des Medienhauses.

Gegner wie Befürworter eines Verbleibs der „Sexarbeiterinnen“ am angestammten, wenn auch baulich konzentrierten Platz im Richtung Mefferdatisstraße gelegenen Teil der Antoniusstraße ernteten zumindest anfangs gleichermaßen großen Applaus. Immerhin: Zumindest auf dem Podium waren die Positionen einmal mehr klar abgesteckt. Auf der einen Seite: Oberbürgermeister Marcel Philipp und Polizeipräsident Dirk Weinspach, die bekanntlich mit Nachdruck für eine Neuansiedlung des „Gewerbes“ jenseits der Innenstadt plädieren (und dabei vor allem von Seiten zahlreicher Geschäftsleute aus dem direkten Umfeld des Büchel-Areals reichlich Zuspruch erhielten).

Auf der anderen: die breite Phalanx der Fraktionen im Rat, vertreten durch Harald Baal (CDU), Michael Servos (SPD), Michael Rau (Grüne), Marc Beus (Linke) und Udo Pütz (Piraten), welche auf längst gefasste gemeinsame Beschlüsse pochten, denen sich einzig die FDP, vertreten durch Georg Helg, ebenso vehement entgegenstellt. Dazwischen: die beiden maßgeblichen potenziellen Investoren Norbert Hermanns und Gerd Sauren – von denen Letzterer seine Teilnahme am Forum noch am Donnerstag kurzfristig abgesagt hatte.

Nein, klare Konzepte für eine mögliche Umsiedlung des Bordellbetriebs auf die viel zitierte grüne Wiese gebe es derzeit freilich nicht, räumte der OB ein. Von einem konkreten Standort ganz zu schweigen. „Wir agieren noch immer vielfach mit Halbwissen“, betonte Philipp aber auch im Hinblick auf die gesamte Entwicklung des Altstadtquartiers. „Viele städtebauliche Fragen sind in der Tat noch zu diskutieren.“ Aber: Der Bebauungsplan sei längst auf den Weg gebracht, Lösungen in Sachen Standortverlagerung ließen sich auch später noch finden. Das weitere Verfahren zur Realisierung der großen Chancen zur Aufwertung des City-Areals dürfe jetzt nicht gefährdet werden.

Zumindest in diesem Punkt erhielt der OB reichlich Rückendeckung von den Vertretern der Ratsparteien. „Man sollte uns zugestehen, dass wir dieses schwierige Vorhaben zum Wohl der Stadt umsetzen wollen“, sagte Baal. Keinesfalls jedoch könne man die (organisierte) Kriminalität effektiv weiter bekämpfen, wenn ein weitestgehend abgeschottetes „Laufhaus“ inmitten der Antoniusstraße geschaffen werde, bekräftigte der Polizeipräsident. Ebendies aber forderte auch Hermanns mit allem Nachdruck: „Eine offene Verbindung ist für uns völlig unvorstellbar.“

Eine klare bauliche Trennlinie zwischen Bordell auf der einen, Wohn- und Geschäftshäusern auf der anderen Seite sei aus seiner Sicht nicht nur zwingend notwendig, sondern bereits bei der Auslobung des Wettbewerbs zur Neugestaltung des Altstadtquartiers explizit formuliert worden. Was Grünen-Ratsherr Rau ebenso vehement zurückwies. Jedenfalls will die Politik keinen Gebäuderiegel in der Straße, eine Lösung mit einer Art Rolltor reicht den Investoren hingegen nicht.

Und die Schaffung einer neuen Wache in direkter Nachbarschaft des Laufhauses – wie von den Grünen vorgeschlagen – sei personell schlicht nicht vertretbar, meinte der Polizeipräsident. „Für den Betrieb bräuchten wir letztlich 25 bis 35 Beamte, die dann andernorts nicht mehr zur Verfügung stünden. Das wäre aus meiner Sicht unverhältnismäßig.“

Dass die „Sexarbeiterinnen“ selbst „auf jeden Fall“ weiterhin im „sozial kontrollierten“ Bereich der Innenstadt bleiben wollen, unterstrich Anke Reermann, Referentin beim Bistum Aachen und Mitglied im Arbeitskreis Prostitution. Mit ihren „Kolleginnen“ der Beratungsstelle Solwodi wolle sie daher weiter gegen eine fatale Ghettoisierung der Bordellbetriebe jenseits der City kämpfen. Schützenhilfe erhielt Reermann dabei vor allem durch Jutta Breuer, bei der Staatsanwaltschaft seit vielen Jahren zuständig für die Bekämpfung der organisierten Kriminalität – die sich damit deutlich von den Positionen des Polizeichefs distanzierte: „Gerade in den abgeschlossenen Bereichen auf der grünen Wiese wäre es weitaus schwieriger, Rechte und Sicherheit der Prostitierten zu schützen“, sagte sie. Neue Verteilungskämpfe zwischen potenziellen Zuhältern stünden zu befürchten.

So zeigte die höchst engagierte und teils mit harten verbalen Bandagen geführte Debatte, wie facettenreich und kompliziert eine konstruktive und vernünftige Lösung aus dem Dilemma in Sachen Altstadtquartier aussehen müsste. Auch wenn die Befürworter einer Verbannung des Sexgewerbes bei der anschließenden Diskussion letztlich denn doch ziemlich deutlich überwogen. Darüber konnte auch die Mahnung von Jörg Hamel, Geschäftsführer des Handelsverbands, kaum hinwegtäuschen. „Wir müssen jetzt unter allen Umständen die Chance wahren, diesen wichtigen Bereich der City endlich nachhaltig zu entwickeln.“

So meldeten sich zahlreiche Geschäftsleute aus dem Umfeld zu Wort, die einmal mehr die katastrophale Situation zwischen dem völlig maroden Parkhaus am Büchel und der Mefferdatisstraße anprangerten. Da helfe auch der Hinweis der Kriminalitätsexperten wenig, dass zwischen Vandalismus und Beschaffungskriminalität im Umfeld des „Puffs“ und den kruden Methoden des Menschenhandels unbedingt zu differenzieren sei. Auch hier blieben Polizei – und Ordnungsamt – in der Pflicht, das bürgerliche Gewerbe in der Nachbarschaft zu schützen, so das Plädoyer vieler Diskutanten.

„Man würde sicher nicht so lange zögern, wenn sich im Plangebiet eine Schreinerei befände, die die Lärmvorschriften nicht einhält“, meinte einer. Und Hartmut Falter, Juniorchef der Mayerschen Buchhandlung, stellte nicht von ungefähr fest, dass sich in den laufenden Online-Umfrage der AZ zurzeit immerhin rund 65 Prozent der bislang knapp 4900 Teilnehmer für eine Auslagerung des Bordells ausgeprochen haben.

Dennoch: Dem vereinzelt geäußerten Appell an den OB, die vertrackte Frage per Bürgerentscheid aus der Welt zu schaffen, konnte Philipp sichtlich wenig abgewinnen: „Lassen Sie uns den Bebauungsplan jetzt unter Dach und Fach bringen. Wenn wir danach noch immer keine Lösung gefunden haben, können wir auch darüber nachdenken.“

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