Einzelhändler fordern: „Weg mit den Bordellen!“

Von: Robert Esser und Oliver Schmetz
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Schmuddel-Standort: Rund um den Büchel wächst der Unmut bei Anliegern und Händlern. Foto: Andreas Steindl
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Beobachtet die wachsende Kriminalität im Umfeld mit Sorge: Thomas Mathes. Foto: Andreas Steindl
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Wurde schon häufig Opfer von Vandalismus: Gastronomin Kirsten Flach. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Wo irgendwann einmal ein schmuckes Altstadtquartier Büchel glänzen soll, stinkt es an etlichen Stellen nach fiesester Schmuddelecke – und das buchstäblich und seit vielen, vielen Jahren. Doch es ist nicht nur das uringetränkte marode Mauerwerk des abrissreifen Parkhauses Büchel, dessen Gestank Passanten zuverlässig den Atem verschlägt.

Es ist auch die augenscheinlich ständig zunehmende Zahl der Leerstände beispielsweise an der Mefferdatis-straße und der Großkölnstraße, die sämtliche Alarmglocken schrillen lassen müsste – dass nämlich mitten im Herzen Aachens, wo sich seit Jahrzehnten nichts tut, endlich etwas passieren muss.

Doch während die hochfliegenden Pläne für das Areal rund um den Büchel aktuell wieder einmal einen Dämpfer erhalten, weil sich Politik, Verwaltung, Oberbürgermeister und Investoren nicht einig werden, gibt es dort – quasi im hässlichen Hinterhof von Dom und Rathaus – tatsächlich noch Geschäftsleute, die jeden Tag das Beste aus ihrer Situation machen (müssen).

Was halten diese vom aktuellen Streit, ob das Quartier besser mit oder ohne Rotlichtbezirk aufgewertet werden kann? Was sagen sie dazu, dass seit Jahrzehnten über ihren Arbeits- und Wohnstandort diskutiert wird, ohne dass auch nur das Geringste passiert? Die AZ hat vor Ort nachgefragt – bei einer Boutique-Besitzerin und einer Sushi-Bar-Betreiberin, bei einem Möbelhauschef und bei einer Hauseigentümerin.

Polizist auf der Jagd

Letztere steht in dem lauschigen Garten ihres Mehrfamilienhauses an der Mefferdatisstraße und zeigt auf die hohe Mauer, die das Nachbargrundstück abgrenzt. „Von dort oben ist schon einmal ein Polizist hinuntergesprungen“, erzählt Irmgard de Lamotte, „und er rief mir zu, er verfolge jemanden.“ Alltag im Rotlichtbezirk? Irgendwie schon.

„Es wird immer bedrohlicher hier“, sagt die 78-Jährige, „abends muss ich mir immer ein Taxi nehmen.“ Vor einigen Jahren habe sie viel Geld in die Sanierung ihres Hauses gesteckt, doch die neuen Rollläden seien schnell wieder zerstört und beschmiert worden. „Es ist verheerend hier“, sagt die gebürtige Aachenerin, an deren Gartenmauer künftig – wenn die aktuellen Pläne umgesetzt werden – direkt das Laufhaus angrenzen soll. Irmgard de Lamotte fällt es schwer, sich das vorzustellen: „Ich wünsche mir hier dringend eine Verbesserung, aber nicht über die Köpfe der Anwohner hinweg und vor allem ohne Bordelle.“

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Thomas Mathes, Inhaber des exklusiven Einrichtungshauses am Büchel, sieht eine gefährliche Abwärtsspirale: „Der Charakter der Antoniusstraße hat sich in den vergangenen fünf Jahren deutlich spürbar Richtung kriminelles Milieu verändert“, sagt er auf AZ-Nachfrage. Viele seiner rund 50 Mitarbeiter berichteten regelmäßig über unangenehme Begegnungen mit dem dortigen Klientel, das sich natürlich auch im Umfeld der Rotlichtmeile aufhalte.

„Ja, es gibt Menschen, die haben regelrecht Angst“, erklärt er. Seit 1994 führt er das Möbel- und Einrichtungshaus direkt am Bahkauv. Aber von romantisierender Verniedlichung der abendlichen Bordellbesucher und Trinkerszene – die ja der Aachener Legende nach vom Bahkauv erschreckt wurde – hält er nichts. „An der Rotlichtszene ist nichts Romantisches, nichts urban Cooles, nichts Harmloses. Ich kann überhaupt nicht nachvollziehen, dass die Mehrheit der Aachener Politik so stur an ihrem uralten Beschluss festhält und die Prostitution hier weiter in der Innenstadt im Schatten des Doms konzentrieren will“, stellt er klar.

Die Aussiedlung an den Stadtrand sei die einzig mögliche Variante, wenn man das Nikolausviertel wirklich entkriminalisieren und zu einem wertvollen urbanen Raum entwickeln wolle. Dazu gebe es unter den benachbarten Einzelhändlern eigentlich keine abweichende Meinung, so Mathes: „Gegenüber wurde vor kurzem ein Juwelier überfallen, ein paar Häuser weiter erzählt ein Nähmaschinenverkäufer davon, dass sein Auto regelmäßig von den Parkdecks des vergammelten Büchel-Parkhauses mit Flaschen beworfen wird.“

Noch heftiger trifft es Kirsten Flach, Inhaberin von Crazy Sushi an der Ecke zur Mefferdatisstraße: „So lange hier um die Ecke ein Bordellbetrieb ist – egal ob in schäbigen Häusern wie jetzt oder in einem neuen Laufhaus –, wird die entsprechende Kundschaft sich hier herumtreiben“, ist sie sicher. „Es stinkt bestialisch nach Urin im Parkhaus, die Straße ist dreckig, nebenan gibt es Ratten und Mäuse, überall laufen finstere Gestalten herum – drei Mal wurde mir jetzt schon eine Schaufensterscheibe eingeschlagen von irgendwelchen Besoffenen“, beschreibt sie die Situation.

Die Bordellbetriebe müssten endlich raus, damit sich etwas bessere. „Es wird von Jahr zu Jahr schlimmer. Warum unternimmt die Politik nichts?“, fragt die Gastronomin. „Das ist nicht nur geschäftsschädigend, das ist ein Armutszeugnis für die Stadt“, erklärt Flach. „Sie werden hier niemanden finden, der nicht will, dass die Bordelle aus der Antoniusstraße lieber heute als morgen verschwinden – außer Zuhälter.“

Mehr Obdachlose

Das sieht auch Virginia Konopka so, die ein paar Häuser weiter am Büchel eine Boutique betreibt. Sie würde sich wünschen, dass die Straße vor ihrem Geschäft etwas schöner gestaltet werden würde und dass anstelle des stinkenden Parkhauses gegenüber eine attraktivere Bebauung entstünde.

Stattdessen beobachtet sie, dass es immer schlimmer werde: Die Zahl der Obdachlosen vor ihrer Ladentür nehme zu, die Zahl der Ladensiebstähle, der Schmierereien, der Sachbeschädigungen. Parallel dazu komme kaum noch Laufkundschaft, sie lebe fast nur noch von Stammkunden, klagt die Geschäftsfrau und sagt: „Eigentlich habe ich mittlerweile auch die Hoffnung verloren, dass hier noch etwas passiert.“

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