Eine Sopranistin mit dickem Schal, Notizbuch und Plan B

Von: Jenny Schmetz
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Große Handtasche mit dickem Notizbuch: die griechische Sopranistin Panagiota Sofroniadou hat einiges vor – nicht nur am Theater Aachen. Foto: Harald Krömer
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In dieser Saison gibt es einen weiteren Stipendiaten: den südkoreanischen Tenor Soonwook Ka.

Aachen. Drama! Wer in einem Ort mit diesem Namen geboren wurde, den muss es ja geradezu auf die Bühne ziehen. Panagiota Sofroniadou ist in der Kleinstadt Drama aufgewachsen, die im Norden Griechenlands liegt, zwischen Thessaloniki und Bulgarien.

Und die Drama-Queen durfte sie auch schon spielen, auf der Bühne des Aachener Theaters. Im engen roten Kleid stöckelte sie am Ende der vorigen Saison heißblütig durch Ravels Oper „L'heure espagnole“ und jonglierte gekonnt mit hohen Tönen und diversen Liebhabern. Kein Drama! Zum Gespräch am Beginn der neuen Saison erscheint die 25-Jährige dann mit Jeans und flachen Schuhen. Keine großen Gesten, keine großen Worte.

Ihren schwarzen Wollschal wirft die Sopranistin nicht mit Grandezza um den Hals, sondern steckt ihn schnell in ihre große schwarze Handtasche, aus der wird sie später ein Notizbuch herausangeln. Mit Bleistift hat sie darin fein säuberlich Termine festgehalten: fürs Studium, für Konzerte, Aufführungen und Proben. Denn koordinieren muss die Sängerin derzeit einiges zwischen Köln, Düsseldorf, Bonn und Aachen. „Organisation ist alles“, sagt sie. Praktischerweise braucht sie nicht auch noch Liebhaber einzuplanen. Denn seit knapp drei Monaten ist Penny – „das ist viel leichter auszusprechen“ – verheiratet. Ihr Mann, auch Grieche, Tenor, singt im Chor der Rheinoper. „Was Festes“, sagt sie anerkennend und wohl wissend, dass ihr Job eigentlich nicht so schrecklich viel mit Kontinuität zu tun hat.

Aber jetzt arbeitet Panagiota Sofroniadou ja auch erst mal eine Saison fest im Aachener Ensemble – als neue Theaterstipendiatin. Daneben will sie ihren Master an der Kölner Musikhochschule beenden. Ja, das sei schon „ein bisschen stressig“, aber doch eine tolle Chance. Erst später wird die junge Sängerin zugeben, dass sie auch „sehr viel Angst“ habe. Was dagegen hilft? „Viel arbeiten, viel schlafen, gut essen.“ Kochen sei ihr Hobby. Gerne Gerichte aus der Heimat, Auberginen im Ofen oder Erbsen mit Tomatensoße und Knoblauch – aber nur ein bisschen, sie muss ja an die Kollegen denken.

Die wird sie nun erst richtig kennenlernen, durch die Hochschulproduktion mit Ravels Oper hat sie zwar schon einen Eindruck vom Haus, den Kollegen hinter der Bühne und der „gemütlichen Atmosphäre“ gewonnen, aber die Proben mit den Sänger-Profis fangen jetzt erst an. Als Erstes Glucks „Orphée et Eurydice“: Im nur konzertant gezeigten Unterweltdrama singt der lyrische Sopran die weibliche Titelpartie, als Zweitbesetzung von Katharina Hagopian (Premiere: 4. Dezember). Danach wirde_SSRqs lustiger: als Nella in der Erbschleicherkomödie „Gianni Schicchi“, dem dritten Teil von Puccinis „Il trittico“ (ab 15. Januar).

Und dann wartet die größte Herausforderung: als Anne Frank, ganz alleine auf der Kammerbühne. Kein Zweifel, dass die zierliche junge Frau mit den langen dunklen Haare problemlos eine 13-Jährige verkörpern kann. Gerade hat sie das Tagebuch gelesen, in dem das jüdische Mädchen die zwei Jahre schildert, in denen sie sich in Amsterdam mit ihrer Familie vor den Nazis versteckte.

Jetzt will Penny noch mal ihre eigenen Tagebücher hervorkramen. Denn trotz des schrecklichen Naziterrors sei Anne doch „ein ganz normales Mädchen“. Der Monolog des russischen Komponisten Grigori Frid (Premiere: 4. März) ist nicht nur musikalisch tricky, für die Griechin ist es auch die erste Partie auf Deutsch. „Besonders die Konsonanten sind schwer!“, sagt sie und seufzt. Doch das Seufzen ist ziemlich unbegründet: Seit drei Jahren lebt Panagiota Sofroniadou bereits in Deutschland, in Würzburg machte sie einen Bachelor, und schon mit 13 hatte sie in ihrer Heimat begonnen, die deutsche Sprache zu lernen.

Auf Deutsch wird sie dann außerdem in „Ronja Räubertochter“ zu hören sein – als Rumpelwicht, und zwar an der Bonner Oper, denn die kooperiert wiederum mit der Kölner Hochschule. Ach ja, und dann noch Britten. Was ware_SSRqs gleich? Penny muss überlegen. Die zweite Nichte in „Peter Grimes“.

„Ziemlich viel für eine junge Sängerin“, weiß sie. Aber sie will ja singen! Mit fünf wollte sie noch Popsängerin werden, trotz der CDs von Maria Callas im Regal. Schon mit neun ginge_SSRqs aufs Konservatorium. Ihre Eltern fanden: Singen, okay, ein nettes Hobby, aber eine Professorin in Thessaloniki bestärkte sie: Oper – als Beruf!

In ihrer krisengebeutelten Heimat ist es „sehr schwer, einen Job zu finden“, erst recht als Sängerin, sagt Penny, es gebe nur ein Opernhaus mit richtigem Ensemble in Athen, und für Kultur habe die Regierung nicht viel Geld übrig. Zwar seien die Chancen in Deutschland auch nicht so rosig, aber besser.

Professor Herbert Görtz, Direktor der Aachener Musikhochschule, bescheinigt der Studentin schon „eine außergewöhnliche Erscheinung“ auf der Bühne und eine „unverwechselbare Stimme“. „Darüber hinaus verblüfft sie durch absolute Professionalität, Zuverlässigkeit, Intensität und Menschlichkeit.“ Dass männliche Zuschauer zudem gerne ihr Äußeres loben, kann karrieretechnisch wohl auch nicht schaden. „Egal ob dünn oder dick, wichtig ist die Ausstrahlung“, sagt sie dazu nur knapp. Über ihr Äußeres mache sich sich keine Gedanken.

Auch über Geld muss sie erst mal nicht nachdenken. 800 Euro im Monat erhält sie durch das Stipendium. Davon kann sie ein Zimmer in Aachen bezahlen, Kleidung und Essen. Und falls es mit der Sängerkarriere dann doch nicht klappen sollte, hat sie noch Plan B: Tierarzt werden – wie ihr Vater. „Im Leben steht ja nie fest, wie es weitergehen wird“, bemerkt die junge Frau ziemlich altklug. „Aber erst mal gucken, wie es als Sängerin läuft!“ In Pennys Notizbuch sind noch einige Seiten frei.

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