Eine neue Sicht auf die Lieder

Von: xen
Letzte Aktualisierung:
Proben im Hörgeschädigtenzen
Proben im Hörgeschädigtenzentrum: Der Singkreis St. Martinus Richterich probt mit dem Gebärdenchor des Zentrums für das Konzert am 14. Oktober. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Brigitte Rotkopf behält die Sängerinnen und Sänger des Singkreises St. Martinus genau im Auge. An ihren Mündern liest sie die Einsätze, die einzelnen Phrasen in den Liedern ab, um sie an ihre Chormitglieder weiterzugeben. Brigitte Rotkopf leitet den Gebärdenchor „Singende Hände Aachen und Umgebung” seit seiner Gründung vor zehn Jahren - und ist selbst gehörlos.

Deshalb ist die erste Zusammenarbeit mit einem Töne von sich gebenden Chor anlässlich des Konzertes zum zehnjährigen Bestehen (siehe Info-Box) auch für sie eine Herausforderung. „Ich muss die Lieder gut kennen”, sagt sie bei der zweiten gemeinsamen Probe im Hörgeschädigtenzentrum (HGZ) in Aachen. Um verschiedene Tonlängen oder Rhythmus scheren sich die „Singenden Hände” normalerweise nicht. Gemeinsam - nach Vorgabe Rotkopfs - gebärden sie die Texte von Liedern.

Schon bei Solo-Auftritten des Chores muss Rotkopf einiges an Vorarbeit leisten. „Man kann mit der Gebärdensprache nicht alles eins zu eins übersetzen”, erklärt sie. „Wir haben andere Worte.” Umso schwieriger wird es, wenn der Singkreis die weltlichen und geistlichen Lieder des Konzertprogramms parallel in der Sprache der Hörenden singt. Schließlich soll alles zusammen passen.

Da wird die deutsche Gebärdensprache auch schon mal angepasst: Während die Stunde auf der imaginären Uhr auf dem Handgelenk nachgezeichnet wird, wird die Zeit als Uhr in die Luft gemalt. „Normalerweise ist Zeit und Stunde die gleiche Gebärde”, stellt Rotkopf klar. Und alle haben gemeinsam Spaß, wenn die 20 gehörlosen Sänger „Hawaii” publikumswirksam mit einem kessen Hula-Hüftschwung darstellen. Mit der deutschen Gebärdensprache hat das nichts zu tun.

Auch Ingrid Budde-Dreßen vom Singkreis St. Martinus ist angetan von der Zusammenarbeit. „Es ist sehr spannend, wie die Texte in die Gebärdensprache übersetzt werden”, meint sie. „Man bekommt eine ganz neue Sicht vermittelt.” Chorleiter Angelo Scholly ist sich indes einiger Unterschiede bei gehörlosen Menschen bewusst geworden. „Jeder von uns ist zum Beispiel mit den Schlagern von Udo Jürgens vertraut. Jeder kennt die Melodie, den Rhythmus. Gehörlosen Menschen fehlt diese Erfahrung.”

Vom gemeinsamen Singen hält das niemanden ab. Ein paar Kniffe müssen her, damit alles synchron erscheint: Rotkopf braucht gute Sicht auf die Mitglieder des Singkreis, die „Singenden Hände” wie immer auf ihre Chorleiterin. Scholly nickt eindeutig, wenn er mit seinem Vorspiel fertig ist, seine Sänger versuchen besonders deutlich zu artikulieren, „was ohnehin eine gute Übung ist”, schmunzelt Scholly.

Einen Fan hat die Kooperation von gehörlosen und hörenden Choristen bereits: „Das ist gelebte Integration” meint Karl Merkelbach, Ehrenvorsitzender des HGZ. Jubiläumskonzert mit dem Singkreis St. Martinus

Zum zehnjährigen Bestehen des Gebärdenchores „Singende Hände Aachen und Umgebung” tritt der Chor gemeinsam mit dem Singkreis St. Martinus aus Richterich auf.

Beim Konzert am Freitag, 14. Oktober, um 18 Uhr im Atrium des Justizzentrums bringen sie geistliche und weltliche Lieder auf die Bühne.

Die Schirmherrschaft für die Veranstaltung hat Dr. Stefan Weismann, Präsident des Landgerichts, übernommen.

Karten gibt es im Ticketshop des Zeitungsverlages.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert