Aachen - Eine Mammutaufgabe für die Archäologen

Eine Mammutaufgabe für die Archäologen

Von: Oliver Schmetz
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Hier gräbt man sich durch Aachens Geschichte: In der Ritter-Chorus-Straße gehört die Baustelle zurzeit noch den Archäologen. Bis zum Ende des Jahres soll die Baumaßnahme abgeschlossen sein. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Ein Mammut haben sie bisher nicht gefunden, das dann doch nicht. Dafür müsste man wohl auch viel tiefer graben, als die Archäologen dies derzeit in der Ritter-Chorus-Straße tun. Denn dort, zwischen Domsingschule und Centre Charlemagne, kratzen sie im Vergleich zu anderen Grabungen doch eher an der Oberfläche. Was an dieser Stelle aber reicht.

„In nur 40 Zentimetern Tiefe ist man hier schon mitten drin in der Archäologie“, sagt Stadtarchäologe Dr. Markus Pavlovic.

Und das heißt: Man findet jede Menge. Pavlovic zeigt zunächst auf die Reste eines neuzeitlichen Kanals und dann, nur ein Stückchen tiefer, auf eine Ziegelschicht, aus der Knochenstücke ragen. Es ist eine Planierschicht aus römischer Zeit, mit der damals ein Hof oder ein Platz befestigt worden ist. Und es sind Tierknochen.

Menschenknochen dürfte man im römischen Aachen auch kaum finden, zumindest nicht „intra muros“, innerhalb der Stadtmauern, wie Pavlovics Stadtarchäologie-Kollege Andreas Schaub anmerkt. Schließlich bestatteten die Römer ihre Toten außerhalb der Stadt. Und dass man sich hier „intra muros“ befindet, belegen Mauerreste, die auf Wohnhäuser deuten. „Das fügt sich in das Bild vom römischen Aachen, das wir haben“, sagt Schaub.

Dem Konjunkturpaket sei Dank

Dass die Archäologen hier überhaupt graben dürfen, ist dem Konjunkturpaket I zu verdanken. Mithilfe der Millionenspritze des Bundes hübscht Aachen seinen Pfalzbezirk auf, parallel dazu saniert die Stawag Kanäle und Leitungen. Und überall dort, wo der Boden im Zuge dieser Arbeiten eh geöffnet werden muss, schauen auch die Archäologen hinein ins eingetragene Bodendenkmal Pfalzbezirk.

Seit Mai vorigen Jahres leitet diese begleitenden Untersuchungen Dr. Joachim Meffert von der Firma „Goldschmidt Archäologie und Denkmalpflege“, die quasi als Subunternehmen für die Aachener Stadtarchäologie tätig ist. Und Meffert und seine Kollegen haben schon einiges ausgegraben. Ein 6500 Jahre altes Beil aus der Jungsteinzeit fand man unterm Pflaster vor der Domschatzkammer, auf das Fundament des Mittelbaus der karolingischen Kaiserpfalz stieß man am Katschhof. Um diesen Fund nicht zu beeinträchtigen, änderte die Stawag, die in dem Bereich in Stollenbauweise die Kanäle saniert, dort ihre Baupläne. „Die Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten funktioniert sehr gut“, sagen die Archäologen.

Am Fuße des Centre Charlemagne hat Meffert nun wiederum Steinzeitliches gefunden – eine Feuersteinpfeilspitze und einiges mehr, was möglicherweise auf eine jungsteinzeitliche Siedlung hinweist. Und auch die Kelten haben dort Spuren hinterlassen: Nach ähnlichen Funden im Elisengarten und unter dem Dom hat man auch hier ein blaues Fragment eines keltischen Glasarmbandes ausgegraben.

Nicht zuletzt findet sich auch das Porzellan der Römer, die „terra sigillata“ in Mefferts Schatzsammlung – zumindest in Form einer großen Scherbe, die einmal zu einer verzierten Schüssel gehört hat. Die ist leicht zu datieren: „3. Jahrhundert“, sagt Schaub, „und sie stammt mit großer Wahrscheinlichkeit aus Trier, da gab es eine große Manufaktur.“

Ein paar Meter weiter zur Domsingschule hin wird einem besonders anschaulich vor Augen geführt, wie viele Schätze im Aachener Boden stecken. Dort ist eine kleine Grube ausgehoben, in der eine von Mefferts Kolleginnen gräbt. Die Stawag, die fünf Meter tiefer den Kanal saniert, will hier Leitungen hinunterführen. Die Archäologin arbeitet in eineinhalb Metern Tiefe, die Seitenwände der Grube sind gespickt mit gelben Zettelchen.

Jeder Zettel markiert einen Fund, mal einen Ziegel, mal Metall, mal Knochen. Jeder Zettel erzählt Geschichte(n). Der dickste Fund ist aber schon abtransportiert. Im Block konnte man einen bemalten römischen Wandputz bergen. Viel tiefer wird die Archäologin hier aber nicht mehr graben. „Darunter kommt nichts Spannendes mehr“, sagt Schaub und grinst. „Da könnte man höchstens noch ein Mammut finden.“

Wohl einen Monat wird es noch dauern, dann sind die Archäologen in der Ritter-Chorus-Straße fertig. Der Klosterplatz wird anschließend noch saniert, dann ist man im engeren Pfalzbezirk „fürs Erste durch“, schätzt Schaub. Regina Poth, Leiterin des Fachbereichs Stadtentwicklung und Verkehrsanlagen, ist guter Hoffnung, dass die Maßnahme wie geplant bis zum Jahresende und damit pünktlich zum Karlsjahr beendet wird – „eine realistische Einschätzung“, wie die Stadtarchäologen meinen. Die hätten dann, unterstützt von vielen ehrenamtlichen Helfern, eine Mammutaufgabe hinter sich und eine Buddelpause vor sich. Schließlich soll das Karlsjahr frei von Baustellen bleiben.

Ein Zahn unterm Klosterplatz

Dadurch könnten nicht nur Autofahrer und Anwohner, sondern auch die Archäologen durchatmen – hätten letztere nicht eine weitere Mammutaufgabe vor der Brust: Denn all das, was man zuletzt gefunden hat, muss bearbeitet werden. Berichte müssen geschrieben, Pläne auf den neuesten Stand gebracht werden, Arbeit gibt es genug. Und apropos Mammut: Von den ausgestorbenen Urzeit-Viechern hat man laut Schaub tatsächlich auch in Aachen vor langer Zeit schon mal eine Spur entdeckt. Gleich in der Nähe. Am Klosterplatz. Einen Mammutzahn.

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