Aachen - Eine kreischende Kettensäge als kreativer Schlusspunkt

Eine kreischende Kettensäge als kreativer Schlusspunkt

Von: Katrin Haas
Letzte Aktualisierung:
Ende des Geldwechseltisches au
Ende des Geldwechseltisches aus dem 17. Jahrhundert: Stephanie Seidel von Neuen Aachener Kunstverein und Tischler Philipp Kappes zerteilten das Stück mit der Kettensäge. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Fein säuberlich zerteilt der Aachener Tischler den antiken Tisch mit der Kettensäge, Schublade für Schublade. Wäre der Besitzer des Geldwechseltisches aus dem 17. Jahrhundert noch am Leben, er wäre spätestens jetzt offiziell „bankrott”.

Ganz nach der italienischen Tradition, wo die Arbeitsstätte des Geldwechslers nach seiner Pleite in der Öffentlichkeit zerstört wird - ist er „banca rotta”, bankrott. Der symbolträchtige Höhepunkt und Abschluss der Ausstellung „I dispense, divide, assign, keep, hold” der schwedischen Künstler Goldin + Senneby war ein Fall für den Handwerker.

In den Räumen des Neuen Aachener Kunstvereins (NAK) im Stadtgarten ging die Ausstellung nach rund zwei Monaten zu Ende. Mit einer skurrilen Mischung aus Theater-Performance und einer „imaginierten Sammlung” antiker Münzen provozierte das Künstlerduo die Besucher. Die Aussage: Die modernen Finanzinstitute verdienen ihr Geld mit dem Hin- und Herschieben von fiktiven Zahlenwerten. Ganz im Gegenteil zu den herkömmlichen Geldwechslern, bei denen noch bissfeste Münzen über die Holzplatte geschoben wurden.

„Ich glaube, was die Künstler fasziniert, ist das Selbst-Referenzielle der Finanzwelt, das auch in der Kunst vorhanden ist”, sagt die stellvertretende NAK-Direktorin Stephanie Seidel. Die Reaktionen des Publikums seien meist positiv gewesen, „gerade durch die Aktualität des Themas ist es sehr zugänglich”.

Ein Besucher hingegen - der zeitgenössischen Kunst augenscheinlich eher abgeneigt - fasst seine Verzweiflung im Gästebuch in Worte: „Kunst als Verarschung”. Zum Abschluss der Ausstellung kamen nur wenige Besucher, die trotz des guten Sommerwetters die Aktion vielfach filmten. Warum gerade der antike Geldwechseltisch aus dem 17. Jahrhundert dran glauben musste? „Für die Künstler ist es sehr wichtig, im Kontext des Themas zu bleiben”, erklärt der Galerist Sebastian Delire, der stellvertretend für die abwesenden Künstler Simon Goldin und Jakob Senneby zum NAK gekommen ist.

Stephanie Seidel beschwichtigt: „Der Tisch ist wurmstichig und war ein Schnäppchen” - verglichen mit den Preisen für ein gut erhaltenen antiken Geldwechseltisch. Der zweigeteilte Tisch wird jetzt nach Stockholm in die Sammlung des Künstlerduos überführt. Vielleicht taucht die zerstörte Antiquität ja in einem künftigen Kunstprojekt wieder auf. Dann tut die künstlerische Zerstörungswut nicht ganz so weh.
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