Eine Hundertschaft für einen Kriminellen

Von: Oliver Schmetz
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Notstand vor der Notaufnahme: Eine Hundertschaft der Polizei bewachte am Montag einen kriminellen Patienten in der Uniklinik. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Dass eine Einsatzhundertschaft der Polizei hunderte Einsatz(über)stunden investieren muss, um in der Aachener Uniklinik die gewaltsame Befreiung eines Kriminellen zu verhindern, können viele Bürger vermutlich kaum nachvollziehen – und stellen deshalb die Frage nach der Verhältnismäßigkeit.

Polizei und Staatsanwaltschaft dürften mit dem Ergebnis des Großeinsatzes am Montag dagegen wohl verhältnismäßig zufrieden sein. Schließlich konnte man mit der massiven Präsenz – vor der Notaufnahme standen Augenzeugen zufolge Polizisten mit Maschinenpistolen – verhindern, dass ein gerade festgenommener 22-jähriger deutscher Staatsbürger, der Mitglied eines albanischen Familienclans sein soll, von seinen Verwandten in der Klinik wieder befreit wird.

Nicht dass es darauf im Vorfeld konkrete Hinweise gegeben hätte, aber Obersstaatsanwalt Wilhelm Muckel verweist auf die negativen „Erfahrungen“, die die Polizei zuletzt im Umgang mit kriminellen Großfamilien gemacht hat: „Wenn die auftreten, trommeln die schnell sehr viele Personen zusammen.“

Wie zum Beispiel jüngst in Düren, wo ein Streit um ein Knöllchen eskalierte und Mitglieder eines türkischstämmigen Familienclans zehn Polizeibeamte teils schwer verletzten. Deshalb bewachte nun in Aachen eine ganze Hundertschaft einen einzigen Kriminellen – „um so etwas von vorneherein im Keim zu ersticken“, so Muckel.

Begonnen hatte der Großeinsatz am Montagnachmittag dagegen eher klein. Gegen 15 Uhr wurde der 22-Jährige am Spielcasino im Tivoli verhaftet, laut Staatsanwaltschaft völlig reibungslos, ohne besondere Vorkommnisse. Der Haftbefehl gegen ihn listet Delikte wie Körperverletzung, Nötigung, Beleidigung und Bedrohung auf – „nichts Bandenmäßiges“, wie Muckel betont. Die Ermittlungen gegen die Familie allerdings, die seit vielen Jahren in Aachen ansässig ist und immer wieder auffällig wurde, werden nach AZ-Informationen in der Abteilung „Organisierte Kriminalität“ geführt. Und der junge Mann ist wegen einer Fülle von Straftaten bekannt.

Kurz nach seiner Verhaftung veränderte sich die Lage aber abrupt, als er plötzlich über „innere Beschwerden“ klagte, wie der Oberstaatsanwalt es umschreibt. Nach AZ-Informationen wurde dem Mann schlicht schlecht, so übel sogar, dass man mit ihm die Uniklinik ansteuerte. Und beachtliche Verstärkung anforderte. Dass die Befürchtungen der Ermittler nicht unberechtigt waren, zeigte sich dann später, als laut Muckel tatsächlich andere Mitglieder des albanischen Familienclans im Umfeld der Klinik auftauchten. „Aber die haben nichts gemacht.“

Dass die Polizei am Montag eine Nachrichtensperre über den Fall verhängte, obwohl über Stunden tausende Menschen rund um die Uniklinik den Großeinsatz mitbekamen, sorgte mit dafür, dass im Netz schnell wilde Gerüchte von einer Geiselnahme kursierten – die jeder Grundlage entbehrten.

Auch am Dienstag hielt sich die Staatsanwaltschaft mit weiteren Informationen über die Hintergründe zurück, was ermittlungstaktische Gründe haben kann. Wie zuletzt groß angekündigt, scheint man gegen kriminelle Großfamilien nun aber tatsächlich schärfer vorzugehen. Nach AZ-Informationen handelt es sich beim besagten albanischem Clan um die gleiche Familie, gegen die sich vor einer Woche eine Razzia in Laurensberg richtete.

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