Eine ganze Stadt mutiert zum Museum

Von: Carolin Kruff
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Völlig legale Sprayaktion: Zusammen mit dem bekannten Graffiti-Künstler „Lake 13“ schufen neun weitere Künstler an der Eintrachtstraße Wandmalereien. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Einmal im Jahr verwandelt sich die Kaiserstadt in ein riesiges Museum: Die mittlerweile 16. Aachener Kunstroute präsentierte sich am Wochenende in Galerien, Museen, Kulturinstitutionen und Künstlervereinigungen, nur Einfaltspinsel suchte man vergebens. Die Zutaten: 238 Künstler an 35 Stationen, 78 Veranstaltungen, Gemälde, Fotos, Skulpturen, Graffitis, Glaskunst und vieles mehr. Was für eine bunte Farbpalette!

Eine Attraktion war die einzigartige Modellier-Performance der niederländischen Künstlerinnen Maria Stams und José Fijnaut, die unter dem Namen „Koppig Limburg“ in der Aula Carolina auftraten. Hier wurden Köpfe aus Ton geformt – und zwar im Duett, oder besser gesagt: im Quartett. Denn während Aachener Persönlichkeiten interviewt wurden, fertigten beide Künstlerinnen zeitgleich je ein eigenes Porträt an – spannende Prozesskunst, wie man sie selten erlebt. So war am Ende einer jeden Sitzung, die bis zu zwei Stunden dauern konnte, nicht nur das Äußere der porträtierten Person in Ton verewigt, sondern auch deren Persönlichkeit und Gedankenwelt – jeweils im Doppelpack. Denn auch die Sichtweisen der Künstlerinnen waren niemals gleich. Unter anderem standen Josef Gülpers, Kazem Abdullah, Ulla Schmidt und Armin Laschet Modell.

Und während in der Aula Carolina Charakterköpfe aus Ton Form annahmen, griffen in der Nähe des Europaplatzes neun Künstler zur Spraydose. Dort entstand als Live-Aktion – völlig legal – ein einzigartiges Graffiti-Kunstwerk auf einer 140 Quadratmeter großen Wandfläche. „Aachen-Nord zeigt Farbe“, lautete die Devise. Die Aktion wurde von dem bekannten Graffiti-Künstler Lars Kesseler alias „Lake 13“ organisiert und vom Stadtteilbüro unterstützt.

In „Halle 1“ im Frankenberger Viertel gerieten Kunstinteressierte ins Schwimmen. Die alte Fabrikhalle, die heute sieben Ateliers beheimatet, brachte im lichtdurchfluteten Atrium die sonst eher unter Verschluss gehaltene Aachener Quellenlandschaft ans Tageslicht. Michaelsquelle, Schwertbadquelle, Schlangenbadquelle und Co. konnten hier einmal in Ruhe an die Oberfläche sprudeln – wenn auch nur als kunstvolle Fantasie. Die Skizzen und Modelle entsprangen dem internationalen Projekt „ArtCom“, an dem vier Designschulen beteiligt sind. Professor Wolfgang Becker, der von 1990 bis 2001 als Direktor das Ludwig Forum für Internationale Kunst leitete, war einer von vielen Neugierigen, die das „Quellenprojekt“ besichtigten: „Ich finde es toll, was hier entstanden ist. Denn eigentlich gehören die Aachener Quellen an die Oberfläche und nicht unter Kanaldeckel.“ Dorette Christfreund, die als Lehrerin am Berufskollegs für Gestaltung und Technik das Projekt begleitete, wies darauf hin, dass „die Modelle für die Offenlegung der Aachener Quellen durchaus realisierbar sind“.

In direkter Nachbarschaft war die Burg Frankenberg fest in der Hand des Vereins „dreieck.triangle.driehoek“, ein kreativer Zusammenschluss von Künstlerinnen aus der Euregio Maas-Rhein. Unter dem Motto „Im Visier“ stellten 30 Künstlerinnen ihre gesellschaftskritischen und teils sarkastischen Kunstwerke aus. So auch Monika Brenner. Für ihr Kunstwerk „Zerstörte Zukunft?“, das sie im Innenhof der Burg in Szene setzte, verwendete sie ein außergewöhnliches Material: Kresse.

Der Geheimtipp war jedoch die Ausstellung zeitgenössischer afrikanischer Kunst in der neu eröffneten „Artco Galerie“ am Seilgraben. Nicht nur die beiden einen Meter hohen grellen „City Girls“ des nigerianischen Künstlers Dilomprizulike, die aus Abfallprodukten bestehen, sondern auch die Werke 20 weiterer afrikanischer Künstler von Weltruf zogen die Besucher in ihren Bann. Und diese Vielfalt sorgte bei der Kunstroute für künstlerischen Hochgenuss, den sich rund 10.000 Besucher nicht entgehen ließen. Auch Monika und Christoph Farrenkopf machten sich ihr eigenes Bild: „Wir sind begeistert, wie vielseitig die Aachener Kunstszene ist.“

Kunstrouten-Veranstalter Heinrich Hüsch hatte ebenfalls keinen Grund zur Klage: „In diesem Jahr gab es außergewöhnlich viele Veranstaltungen – und das bei schönstem Wetter.“ Wer seinen Kunsthunger am Sonntag noch nicht gestillt hat, kann auf Fortuna hoffen: Denn einige Kunstwerke, die auf der Kunstroute ausgestellt wurden, sind Teil einer Verlosungsaktion.

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