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Eine filmische Gebrauchsanweisung für Deutschland

Von: Christina Handschuhmacher
Letzte Aktualisierung:
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filmmja8 08.01.2014 filmprojekt michael Chauvistre, Marie im Tann,
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Von Christina Handschuhmacher Aachen. Auf Gleis 8 findet die lange Reise von Youssef Abo Jobbah ein vorzeitiges Ende. Es ist schon spät am Abend, als Bundespolizisten am Aachener Hauptbahnhof auf den damals 16-Jährigen aufmerksam werden. Dann geht all
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Von Christina Handschuhmacher Aachen. Auf Gleis 8 am Aachener Hauptbahnhof findet die lange Reise von Youssef Abo Jobbah ein vorzeitiges Ende. Es ist schon spät am Abend, als Bundespolizisten auf den damals 16-Jährigen aufmerksam werden. Dann geht all
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Von Christina Handschuhmacher Aachen. Auf Gleis 8 am Aachener Hauptbahnhof findet die lange Reise von Youssef Abo Jobbah ein vorzeitiges Ende. Es ist schon spät am Abend, als Bundespolizisten auf den damals 16-Jährigen aufmerksam werden. Dann geht all

Aachen. Auf Gleis 8 findet die lange Reise von Youssef Abo Jobbah ein vorzeitiges Ende. Es ist schon spät am Abend, als Bundespolizisten am Aachener Hauptbahnhof auf den damals 16-Jährigen aufmerksam werden. Dann geht alles ganz schnell: Die Beamten nehmen Youssef mit, er muss seine Fingerabdrücke abgeben, Fragen beantworten, Fotos werden gemacht.

Es sind ungewisse Stunden für den jungen Palästinenser. Er hat Angst, wieder in seine Heimat zurückgeschickt zu werden – in die von Israel besetzten Gebiete. Dort, wo sein eigener Vater ihn dazu zwingen will, auf Seiten der sunnitisch-islamistischen Hamas gegen den Staat Israel zu kämpfen. Doch Youssef will nicht kämpfen, nicht sein Leben verlieren in einem Konflikt, der bereits zigtausend Todesopfer gefordert hat.

Ein Onkel verhilft ihm heimlich zur Flucht in die Türkei, von dort kommt er mit dem Flugzeug nach Europa. Sein Ziel ist Schweden, doch auf dem Weg dorthin strandet er in Aachen. Und hier darf Youssef bleiben. Er wird nicht zurückgeschickt. Als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling – so werden Menschen wie Youssef im Amtsdeutsch bezeichnet – hat er Anspruch auf besonderen Schutz und darauf, vom Jugendamt in einer Wohneinrichtung untergebracht zu werden.

Youssefs Ankunft liegt nun mehr als ein Jahr zurück. Für den Film „Wie geht Deutschland?“, den die Aachener Filmemacher Michael Chauvistré und Miriam Pucitta mit Youssef und elf anderen ausländischen und deutschen Jugendlichen gedreht haben, hat der junge Palästinenser seine ersten Momente in Aachen noch einmal durchlebt.

„Die Dreharbeiten haben mich sofort wieder in diese Situation zurückversetzt“, sagt Youssef – schwarze kurze Locken, Bartstoppeln, Kapuzenpulli. Mit Pucitta und Chauvistré und vier anderen Jugendlichen sitzt der 17-Jährige an diesem Januarnachmittag in Wohngruppe 1 des Kinderheims Maria im Tann. Hier haben die meisten der Flüchtlinge, die bei dem Film mitgewirkt haben, ein neues Zuhause gefunden.

Rund 20 Flüchtlinge leben nach Angaben von Erziehungsleiterin Ingrid Dömges-Janssen derzeit in dem Kinderheim nahe der belgischen Grenze. Sie machen mehr als ein Fünftel der im Heim lebenden Kinder und Jugendlichen aus. „Sie haben einen weiten Weg hinter sich, haben in ihrer Heimat oder auf der Flucht oft traumatische Erfahrungen gemacht, kennen sich in Deutschland nicht aus“, sagt Dömges-Janssen. Das Filmprojekt „Wie geht Deutschland?“ setzt genau an diesem letzten Punkt an.

Der 23 Minuten lange Kurzfilm erzählt auf einfühlsame, aber gleichzeitig auch sehr unterhaltsame Weise von den Schwierigkeiten jugendlicher Flüchtlinge – von der Ankunft bis zur Eingewöhnung. „Unsere Idee war es, eine Art Gebrauchsanweisung für das Leben in Deutschland zu drehen“, sagt Regisseur Chauvistré.

Doch der episodenartige Film ist viel mehr geworden als das. Er zeigt die Probleme junger Flüchtlinge ganz und gar aus der Perspektive derer, die wissen müssen, wie es sich anfühlt, fremd und allein in einem neuen Land zu sein. Denn die Jugendlichen haben das meiste selbst gemacht: Sie haben das Drehbuch geschrieben, das Storyboard – die zeichnerische Visualisierung des Drehbuchs – entwickelt, hinter der Kamera gestanden, den Ton gemacht, mit dem Aachener Musiker Dieter Kaspari die Musik komponiert, beim Schnitt geholfen und sie sind die Hauptdarsteller. Das ganze Projekt ist sozusagen ein filmischer Integrationsprozess.

„Der Film enthält viele dokumentarische Elemente, aber wir haben auch viele Szenen nachgestellt“, sagt Regisseurin Pucitta. Gedreht haben die Filmemacher unter anderem am Hauptbahnhof, in den Containern der Bundespolizei, in Maria im Tann und in der Schwimmhalle Süd.

Dort ist Kemoko Magassouba zu sehen. Als der 17-Jährige aus Mali, ein muskulöser Typ mit tiefer, dunkler Stimme, mit seiner Wohngruppe aus Maria im Tann zum ersten Mal in seinem Leben in eine Schwimmhalle geht, hat er im Wasser plötzlich Panik. In der Heimat ist Kemoko immer in einem flachen Fluss geschwommen, das mehrere Meter tiefe Becken unter ihm ist ihm plötzlich unheimlich und er schreit um Hilfe.

Am Aachener Hauptbahnhof ist der 18-jährige Tanzid Ahmed aus Bangladesch zu sehen, der sich erst daran gewöhnen muss, dass es in Deutschland für scheinbar alles einen Plan gibt und dass die Züge und Busse meist genauso pünktlich abfahren, wie es auf dem Fahrplan steht.

Der Film zeigt die Jugendlichen beim Deutschunterricht, beim Gebet in der Moschee, beim gemeinsamen Kochen. Und oft tut er das durchaus mit einem Augenzwinkern. Etwa in der Szene mit dem Huhn. Darin treibt Youssef zur Abendessenszeit das Federvieh – eigens aus dem Soerser Garten der Chauvistrés zum Drehort transportiert – in die Küche und sagt voller Ernsthaftigkeit: „Wir wollten doch gleich Hühnchen essen.“ Die Antwort: „In Deutschland schlachtet nicht jeder selbst, hier kauft man sein Essen im Supermarkt.“

Hürden, die es zu überwinden gilt

Überhaupt Deutschland. Ein Land, in dem so vieles anders ist als in der Heimat. „Demokratie, Meinungsfreiheit, Religion“, zählt Pucitta nur ein paar zentrale Themen auf, die die Jugendlichen aus ihrer Heimat in dieser Form nicht kennen. Pucitta spricht von „Hürden“, die es zu überwinden gelte und von „Schlüsseln“, die den Jugendlichen dies erleichtern würden. Der Film „Wie geht Deutschland?“, da sind sich alle an dem Projekt Beteiligten einig, ist zu einem solchen Schlüssel geworden.

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