Aachen - Eine Feier für die, die sonst alleine feiern würden

Eine Feier für die, die sonst alleine feiern würden

Von: Svenja Pesch
Letzte Aktualisierung:
weihnachten cafe plattform
Im Café Plattform feierten 90 Besucher die traditionelle Weihnachtsfeier, ein Team aus 15 Ehrenamtlern und fest Angestellten kümmerte sich um den Ablauf.

Aachen. Herbert ist groß und schlank. Mit seinen dunklen Augen schaut er ein wenig mürrisch und melancholisch drein. Herbert heißt in Wirklichkeit gar nicht Herbert. Aber seinen richtigen Namen möchte er nicht verraten. Früher, sagt Herbert, habe er alles gehabt.

„Eine Frau und sogar einen Sohn. Aber wie das so ist, man lebt sich auseinander und als ich meinen Job verlor, ging auch die Ehe in die Brüche. Zu meinem Sohn habe ich schon viele Jahre keinen Kontakt mehr“, sagt er. Wie es dazu kam, erzählt er nicht. Aber solche und ähnliche Geschichten hört man oft.

Gerade in der Weihnachtszeit und besonders am Heiligen Abend kommen Menschen zusammen, die nicht in das durch Medien und die Gesellschaft propagierte Bild vom Fest der Liebe im Kreise der Familie passen oder passen wollen. Sie haben die Möglichkeit, den Heiligen Abend aber dennoch zu feiern. So wie in der Pfarrei Sankt Jakob.

Im Jakobushaus richten Marita Delheid und Monika Mann-Kirwan seit mittlerweile vier Jahren eine Weihnachtsfeier mit Buffet und Rahmenprogramm aus. Zwischen 25 und 35 Gäste jeden Alters kommen, um gemeinsam zu feiern. „Nach dem Essen können unsere Besucher Gedichte und Geschichten vortragen. Außerdem erwartet uns ein musikalisches Programm“, erzählt Delheid.

Marita Dreckmeyer und Karl Schulz bilden zusammen die Gruppe „TheaterKristall.“ Sie sind das erste Mal dabei und werden einen Sketch sowie einige Musikstücke präsentieren. Und sie haben einen weiteren Grund, warum sie im Jakobushaus sind. „Unsere Eltern sind verstorben und wir haben sonst keine Familie mehr. Alleine zuhause sitzen wollten wir nicht, also haben wir uns entschieden, hier hin zu kommen“, sagt Dreckmeyer.

Dass es bei Weitem kein Armutszeugnis sei, an Weihnachten alleine zu sein, müsse endlich in der Gesellschaft ankommen, fordert Delheid. Schließlich haben viele Menschen keinen familiären Anschluss mehr. „Aber gerade rund um den 24. Dezember wird man überall mit glücklichen Familienbildern konfrontiert, die gar nicht der Realität entsprechen. Es ist uns eine Herzensangelegenheit, diese festgefahrenen Vorstellungen aufzubrechen. Denn Weihnachten passiert überall dort, wo Menschen zusammenkommen“, fügt Delheid hinzu.

Herbert überlegt derweil, ob er sich ein paar Gedichte und Geschichten anhören möchte. „Ich bin gar kein gläubiger Mensch, mir könnte das Fest also ohnehin egal sein, aber dieser eine Abend im Jahr wird immer so aufgebauscht, dass man sich nicht entziehen kann“, sagt er und geht schließlich doch zu den anderen Gästen.

Im Café Plattform zündet Leiterin Simone Holzapfel währenddessen die letzten Kerzen der langen Tafel an. 90 Besucher haben sich für die traditionelle Feier angemeldet. Hirschgulasch, Knödel und Rotkohl stehen auf der Speisekarte.

Auf den Wunschzetteln der Besucher standen dieses Jahr vor allem Socken, Unterwäsche und Handtücher. „Die Hilfsbereitschaft war meiner Meinung nach dieses Jahr extrem groß“, berichtet Holzapfel und ergänzt „Wir wurden oft gefragt, was benötigt wird und Kinder haben uns selbstgebackene Plätzchen gebracht. Es war und ist eine große Anteilnahme, was vielleicht auch daran liegt, das gerade obdachlose Menschen im Straßenbild so präsent sind.“

Ein Team aus 15 Ehrenamtlern und fest Angestellten kümmert sich um einen reibungslosen Ablauf, zu dem jedes Jahr auch das gemeinsame Singen gehört. Gottfried Segers, Tobias Malms und Lotta Holzapfel bringen weihnachtliche Atmosphäre in den Raum. Erst zaghaft, dann aber ganz laut singen die Anwesenden „oh du Fröhliche.“

Für das Café Plattform, das im nächsten Jahr seinen 30. Geburtstag feiert, neigt sich mit der Feier auch ein „friedliches Jahr ohne Katastrophen“, wie es Holzapfel sagt, dem Ende zu. Die 19 zur Verfügung stehenden Betten sind alle ausgebucht – wie immer.

Im Josefshaus gestalten Josef Gerets und sein Team einen Abend, bei dem das fröhliche Beisammensein im Mittelpunkt steht. Essen, Trinken und miteinander reden sind Dinge, die gerade am 24. Dezember der Seele vieler Menschen guttun.

Es ist eben eine besondere Atmosphäre an diesem einen Abend im Jahr. Genau wie die Gefühlslagen rund um Weihnachten immer besonders sind. Egal, ob mit oder ohne Familie, ob allein oder zusammen. Wichtig ist doch letztlich nur, wie der Zauber dieser stillen Zeit es schafft, sich seinen Weg in die Herzen eines jeden einzelnen zu bahnen. Und das geht überall dort, wo Menschen zusammenkommen.

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