Aachen - Eine Eisenbahnbrücke kommt an die Leine

Eine Eisenbahnbrücke kommt an die Leine

Von: Andreas Chichowski
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Schwebezustand: Je 90 Tonnen wiegen die neuen Überbauten, über die bald die Züge über die Vaalser Straße rollen. Foto: Andreas Chichowski

Aachen. Dass Baustellen lange andauern können, davon können die Aachener ein Liedchen singen. Doch wenn die Bahn mit im Spiel ist, eine der Hauptverbindungsachsen und damit unzählige Reisende betroffen sind, bleibt nur wenig Zeit. Wie in diesem Fall gerade einmal 71 Stunden.

Wenig Zeit, um viel zu erledigen. Denn innerhalb dieses Zeitraumes musste die komplette Eisenbahnüberführung an der Schanz durch eine neue Konstruktion ersetzt werden. Nun ist sie da: Die neue Brücke über die Vaalser Straße hat den Platz als würdiger Nachfolger eingenommen.

Mehr als 100 Züge befahren heutzutage täglich die Überführung an der Schanz. Bis zuletzt trotzte die alte Brücke den Belastungen. Bemerkenswert, denn die alte Stahlbrücke wurde 1907 gebaut und überstand beide Weltkriege. Nach über 100 Jahren hat sie aber aufgrund von Altersschwäche ausgedient.

Bereits in der Nacht zum Donnerstag wurden die 15 Meter langen überbreiten Stahltröge für die neue Überführung per Schwertransport vom Herstellungsort bei Sande (Niedersachsen) nach Aachen gebracht, tagsüber für den Einbau vorbereitet und anschließend zwischengeparkt. Vier weitere Schwertransporte mit den neuen Auflagebänken aus Beton folgten. Während alles für die 71-stündige Sperrpause der Bahn vorbereitet wurde, rückte am Freitag ein riesiger neunachsiger Kran mit einer Maximal-Tragkraft von 700 Tonnen aus den Niederlanden an.

Pünktlich um 3 Uhr in der Nacht zum Samstag wurde den Oberleitungen der Strom abgedreht. Die Sägen setzten an, um die alten Betonmauern für die neuen Auflagebänke auf Maß zu bringen. Unzählige Kipplaster fuhren Schotter und Abraum ab, insgesamt sechs Bagger auf und unter der Brücke sorgten für die nötige Leistung beim Baggern und Befördern von Material. Zu Spitzenzeiten arbeiteten 45 Arbeiter gleichzeitig auf der Baustelle.

Die Schwierigkeit: Alle Arbeiten und Fahrzeuge mussten auf engstem Raum so koordiniert werden, dass keine Maschine der anderen im Weg stand. Eine wahre logistische Meisterleistung, der sich Bauleiter Jan Nienhaus, sein Team, Projektleiter Sebastian Hermanns und die Bahn gestellt haben.

Der Einbau der neuen Eisenbahnbrücke machte die Sperrung der Gleise zwischen Hauptbahnhof und Aachen-West erforderlich. An den Wochenenden sowie über Ostern kam es durch die Arbeiten zu Fahrplanänderungen bei den Zügen der Linien RE 4, RB 20 und RB 33. Reisende mussten von Samstagmorgen vier Uhr bis Dienstag früh um ein Uhr zwischen Hauptbahnhof und West auf Ersatzbusse ausweichen.

Die Auswirkungen waren auch für andere Verkehrsteilnehmer spürbar. „Wir haben alles daran gesetzt, die Einschränkungen für den Verkehr auf das Minimalste zu begrenzen“, versicherte Maria Leipold-Beck vom Fachbereich Stadtentwicklung und Verkehrsanlagen. So blieb während der vorbereitenden Arbeiten zunächst die Vaalser Straße immerhin für Linienbusse und Fußgänger passierbar. Der motorisierte Straßenverkehr, in der vergangenen Woche einschließlich des Busverkehrs, wurde stadteinwärts über Junkerstraße-Lochnerstraße-Karlsgraben und Jakobstraße umgeleitet, Ersatzhaltestellen wurden eingerichtet.

„Wichtig war für uns die volle Aufrechterhaltung der Junkerstraße“, teilte Bauleiter Jan Nienhaus mit. Nur zeitweise wurde der Verkehr angehalten, wenn tonnenschweres Material über den Kreuzungsbereich schwebte oder Lastwagen, sowie auch die neuen Brückenteile auf engstem Raum in die Baustelle manövriert wurden. Größere Staus blieben aus.

Am Samstagmorgen war es dann soweit. Selbst strömender Regen konnte Anwohner und Schaulustige nicht davon abhalten, sich das Spektakel entgehen zu lassen. Fix wurde die alte Brücke an die Leine genommen und binnen einer halben Stunde lag sie schon zum Abtransport bereit. Am Abend folgte die zweite Hälfte, ehe am Sonntag die Tieflader mit den neuen Stahlüberbauten mit beeindruckender Rangierarbeit auf die Kreuzung setzten und der Kran diese millimetergenau auf den neuen Auflagebänken platzierte. „Passt nicht, gibt’s bei denen wohl nicht“, meinte ein Beobachter staunend. Mit je 90 Tonnen wiegen die beiden Überbauten knapp doppelt soviel wie die Vorgänger. „Das liegt daran, dass die Brücke den neuesten Vorgaben entspricht“, so Nienhaus.

Bereits am Sonntagabend war von der alten Brücke nichts mehr zu sehen und die Bahn begann mit dem Wiederaufbau der Gleisanlage. „Die Maßnahme ist terminlich äußerst knapp bemessen. Wir nutzen jede Lücke und sind dadurch voll im Zeitplan“, teilte der Bauleiter zu diesem Zeitpunkt mit. Dies sei in erster Linie der Zusammenarbeit zwischen Bauleitung, Bahn und der Stadt zu verdanken. „Das Miteinander war äußerst angenehm und die Vorgehensweise kam bei allen Beteiligten gut an“, lobte Nienhaus.

Und auch die Zusammenarbeit mit den Anwohnern klappte nach anfänglichen Schwierigkeiten. Einige verbrachten die Nächte in den zur Verfügung gestellten Hotels. „Wir sind wegen den Kindern hier geblieben“, erzählte Anwohner Marc Fischer. „Es war ruhiger als erwartet, damit hätten wir nicht gerechnet“. Nun werden lediglich kleine Restarbeiten ausgeführt, das Mauerwerk wird hergerichtet, so dass ab sofort auch wieder die anderen Anwohner ruhig und zufrieden schlafen können, während die Züge der Bahn wieder sicher über die Brücke rollen.

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