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Eine eigene Art, Rollen zu spielen

Von: Christina Diels
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Beeindruckend: Jana Wagner spi
Beeindruckend: Jana Wagner spielt die Rolle des Mädchens Momo im DasDa-Theater. Die Premiere ist am Samstag. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Jana Wagner weiß nicht, wie es sich anfühlt, auf zwei Beinen zu stehen. Sie weiß auch nicht, wie es sich anfühlt, durchs Leben zu laufen. Muss sie auch nicht. Weder um Basketball, noch um auf einer Theaterbühne die Hauptrolle zu spielen.

Und erst recht nicht, um glücklich zu sein. „Ich bin zufrieden mit dem Leben, wie es für mich ist”, sagt Jana, 12, aus Langerwehe. Und wie sie es sagt, so ruhig, klingt das überzeugend. Ihr Glück hängt nicht davon ab, ob sie ihre Beine bewegen kann.

Jana Wagner sitzt im Rollstuhl. Seit sie denken kann. Warum? „Das kann nur meine Mama erklären”, sagt sie und schaut fragend zu ihr herüber. Stefanie Wagner hat ihre Tochter zu einer der letzten Proben vor der Premiere von „Momo” im DasDa-Theater gefahren und sitzt neben der Bühne. „Vorgeburtlicher Sauerstoffmangel”, erklärt sie Janas Behinderung knapp in zwei Worten. Weil Jana vor ihrer Geburt zu wenig Sauerstoff bekommen hat, hat sie nie Laufen gelernt.

Jana trägt violette Leggins, pinke Turnschuhe und ein schwarzes T-Shirt. Hinten an ihrem Rollstuhl hängt eine rote Tasche und auf den Rädern ihres Rollstuhls kleben Delfine. Jana spielt ein wenig verlegen mit ihren Händen. Dann legt sie sie an die Reifen, wendet ihren Rollstuhl geschickt und fährt an den Tisch heran, den Tom Hirtz gerade von der Decke auf die Bühne gelassen hat.

Der Regisseur und Leiter des DasDa-Theaters schwärmt von der schauspielerischen Leistung der Schülerin: „Das wirkte so wenig nach Theater, sondern natürlich, echt und schön authentisch”, erinnert er sich an seinen ersten Eindruck. Vor mehr als einem Jahr hat Jana für das Theaterprojekt von Menschen mit und ohne Behinderung vorgesprochen. „Sie war mit Abstand die Jüngste”, erzählt Hirtz. Und trotzdem oder gerade wegen ihres Alters bekommt sie die Hauptrolle „Momo” in Michael Endes gleichnamigem Stück.

Kampf gegen die grauen Herren

„Mir gefällt es, dass hier Menschen mit und ohne Behinderung zusammen sind”, sagt Jana. Im Schultheater ist sie immer die einzige mit Handicap. Und natürlich ist so eine richtige Theaterbühne spannender als die Schulbühne. In der Szene am Tisch trifft sie als Momo Meister Hora, den geheimnisvollen Verwalter der Zeit. Der schickt Momo mit der Schildkröte los, um gegen die grauen Herren zu kämpfen. Jana gefällt die Rolle. Ob sie ein bisschen wie Momo ist? So tapfer? So selbstständig? „Das kann ich nicht beantworten”, sagt sie. Muss sie auch nicht.

Jana weiß, welche Rolle Momo in der Geschichte von Michael Ende spielt. Das Buch hat sie geschenkt bekommen und liest es gerade. Für ihre Rolle liest sie es nicht. Das läuft automatisch. Ohne, dass sie den Charakter oder die Stimme der Figur studiert. Jana Wagner hat ihre eigene Art, wie sie in ihre Rolle schlüpft. „Ich konzentriere mich auf die Szene, die kommt, und machs halt”, sagt sie. Ihre Mutter lacht. „Sie machts halt”, wiederholt sie und lächelt stolz. Mit einem zufriedenen Lächeln blickt sie auf ihre Tochter. Wie sie auf der Bühne herumfährt. Vom Tisch zum anderen Ende. „Meine Mama sammelt alle Zeitungsausschnitte von mir seit der Grundschule”, erzählt Jana. „Einmal stand ich drin, weil ich irgendwann mal 500 Schritte am Rollator gegangen bin.” „Das war Rekord”, sagt ihre Mutter leise. Bescheiden und stolz zugleich.

Zu ihrer Sammlung über die Erfolge und Auftritte ihrer Tochter gehört der Artikel vom vergangenen Herbst, der beschreibt, wie die Europaschule in Langerwehe für Jana barrierefrei wurde. Und natürlich wird sie nach Janas Premiere als Momo sorgfältig die Zeitung durchblättern. Und wenn die Theaterkritik erscheint, wird Janas Mutter den Artikel ausschneiden und ihn zu den anderen legen.
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