Eine Chance auch fern der Heimat

Von: Svenja Pesch
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Kümmern sich um die Integration junger Flüchtlinge: Rainer Peter, der in seinem Unternehmen Ausbildungskapazitäten schafft, sowie Ingo Schartmann und Gabriele Niemann- Cremer von der AWO. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Willi Kiessner ist derzeitiger Vormund von 24 minderjährigen Flüchtlingen, die er einmal pro Monat besucht. Ein straffes Pensum, bei dem vor allem eins auf der Strecke bleibt: Zeit für den Einzelnen. Denn kennenlernen kann man den Menschen, der hinter „Vormund 23“ steht, nicht. Sein Schicksal und das, was er erlebt hat, sind zwar bekannt, aber für mehr reicht es nicht.

Dabei werden immer mehr jugendliche Flüchtlinge in Aachen aufgegriffen. Sie beherrschen weder die deutsche Sprache, noch wissen sie, wie das System unseres Landes funktioniert. Auch die Vormundschaft sowie die fachliche Betreuung enden mit der Vollendung des 18. Lebensjahres. Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) möchte deshalb nicht nur auf die Situation aufmerksam machen, sie appelliert zudem an die Bürger, sich ebenfalls zu engagieren und über eine mögliche Vormundschaft nachzudenken.

Oft jahrelange Odyssee

„Die Vormundschaft ist ein neuer Schwerpunkt in unserer Arbeit. Seit 2000 sind wir in diesem Bereich tätig, seit 2011 aber vor allem im Bereich der Vormundschaften für minderjährige Flüchtlinge“, erzählt AWO Geschäftsführerin Gabriele Niemann-Cremer. Die meisten von ihnen kommen aus Afghanistan, Mali, Tunesien oder Marokko. Oftmals liegt eine jahrelange Odyssee hinter ihnen. Ihre Eltern haben sie verloren, Krieg, Armut und Verfolgung jeden Tag erlebt.

In Aachen stehen über 300 Flüchtlinge unter einer Vormundschaft, für die es gerade einmal acht festangestellte Bevollmächtigte gibt. „Wir brauchen mehr Förderklassen und mehr Engagement in der Bevölkerung“, betont Willi Kiessner, Diplom-Sozialpädagoge der AWO. „Viele der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge haben hier keinen Schulplatz. Sie sitzen in Heimen und wissen nicht, was sie tun sollen und wo sie hin sollen. Dabei ist es besonders wichtig, ihnen eine Struktur im Alltag zu geben, etwas, was Normalität signalisiert“, fügt Kiessner hinzu.

Gerade einmal zwei bis drei Stunden im Monat muss man für Gespräche, Anträge oder bürokratische Angelegenheiten aufwenden. Unter den Kindern und Jugendlichen sind auch viele Kindersoldaten, die schwer traumatisiert sind und jegliches Vertrauen verloren haben.

Eine konstante Bezugsperson, die ihnen hilft, sich in dem neuen Land und mit den neuen Sitten zurecht zu finden, ist da enorm wichtig. Auch die unterschiedlichen Bildungsstände müssen berücksichtigt werden. Die Bandbreite reicht von guter Schulbildung bis hin zu Analphabetentum.

Rainer Peter ist Geschäftsführer des Bechtle IT-Systemhauses in Aachen und kooperiert mit der AWO. Er möchte Flüchtlingen eine Chance in seinem Unternehmen geben: „Wir müssen alle Verantwortung übernehmen. Deshalb bieten wir Jugendlichen, die die deutsche Sprache beherrschen und besondere Fähigkeiten in der IT-Branche aufweisen, ein Praktikum an, aus dem sich dann vielleicht sogar eine Ausbildung entwickeln kann“, setzt Peter trotz aller Schwierigkeiten ein Zeichen der Hoffnung.

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