Aachen - Ein Traum platzt: Endstation Antoniusstraße

Ein Traum platzt: Endstation Antoniusstraße

Von: Valerie Barsig
Letzte Aktualisierung:
Roshan Heiler
Kennt die Sorgen und Nöte der Zwangsprostituierten aus vielen Beratungsgesprächen: Roshan Heiler. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Als Ioanas vierjähriger Sohn krank wird und sie den Arzt nicht mehr bezahlen kann, erzählt ihr ein Nachbar von einem Job in einem Restaurant in Aachen. Die junge Frau aus Rumänien macht sich große Hoffnungen: Drei Monate arbeiten, viel Geld verdienen und dann wieder zurück nach Hause.

Ihr Kind lässt sie bei den Eltern. Ihre Reise endet in Aachen, aber nicht in einem Restaurant, sondern vor einem Bordell in der Antoniusstraße - Rückweg ausgeschlossen, denn ihr wird gedroht, ihrem Sohn in Rumänien etwas anzutun. So oder so ähnlich spielen sich die Geschichten der vielen Zwangsprostituierten in Aachen ab.

Aus Rumänien, Albanien, Nigeria

„Die Frauen sind meistens sehr jung, zwischen 20 und 25 und kommen aus Rumänien, Albanien und Nigeria”, weiß Roshan Heiler von der Organisation „Solwodi” (Solidarity with women in distress). Solwodi hilft Frauen in Notsituationen, die beispielsweise durch Menschenhandel nach Deutschland gekommen sind. Roshan Heiler arbeitet im Projekt „Stella”, das gemeinsam von Solwodi und der Aktion Mensch finanziert wird.

Zusammen mit ihren zwei Kolleginnen versucht sie, den Frauen in der Antoniusstraße zu helfen. Sie begleitet sie zum Arzt oder zu Behörden oder bietet einfach ein offenes Ohr. Ziel ist, den Frauen den Ausstieg aus der Zwangssituation zu erleichtern - „aber nur die wenigsten von ihnen schaffen es, auszusteigen”, sagt Heiler. „Die Schuldensituation der Frauen und der damit verbundene psychische Druck ist enorm.” Das Geld für die Reise nach Deutschland, 100 Euro Zimmermiete plus 15 Euro Steuern täglich - die Schulden häufen sich an. „Oft wird dann auch noch damit gedroht, dass die Familie erfährt, was die Frauen hier machen.” Fotos oder Videos per Internet zu verschicken, das sei ein gutes Druckmittel.

„Zwangsprostitution ist kein einfaches Thema”, weiß auch Norbert Frieters-Reermann von der Katholischen Hochschule Aachen. „Interessant ist ja auch, was dahinter steht: Man muss sich fragen, wie normal es in einer Gesellschaft ist, dass Frauen als Ware verfügbar sind.” Gerade in einer männerreichen Universitätsstadt wie Aachen müsse man Denkanstöße geben. „Der Gang ins Vergnügungsviertel ist völlig akzeptiert.”

Dabei ist den meisten gar nicht bewusst, dass psychischer Zwang und Gewalt in der Antoniusstraße an der Tagesordnung sind. „Fast alle Prostituierten haben einmal einen sexuellen Missbrauch erlebt. Der Mythos der selbstbestimmten, selbstbewussten Prostituierten, die im Jahr eine Million Euro verdient, ist ein Klischee des Privatfernsehens”, mahnt Frieters- Reermann. Die Realität sieht anders aus: 14 Stunden arbeiten und das so gut wie jeden Tag in der Woche.

„Es gibt sogar Clubs, die die Frauen gar nicht verlassen dürfen - nur gegen eine Kaution von 20.000 Euro”, weiß Roshan Heiler. „Viele Frauen erzählen mir, sie fühlen sich wie Roboter, hätten keine Gefühle mehr. Nur der Gedanke an ihre Kinder lässt sie die Zeit überstehen.” Das Selbstwertgefühl leidet, das ständige Doppelleben macht seelisch kaputt. „Es gibt keine Frau, die das alles einfach so wegsteckt.”

Die Frauen in andere Berufe zu vermitteln, sei nur schwer möglich, denn sie sprechen meistens kaum Deutsch - und das kommt den Zuhältern gelegen. Durch die nahe Grenze zu Holland und Belgien herrscht ständiges Kommen und Gehen. Das erschwert auch die Arbeit der Polizei. „Je länger die Frauen an einem Ort sind, desto mehr soziale Bindungen gehen sie ein - das wollen die Zuhälter verhindern”, sagt Sandra Schmitz von der Polizei Aachen. „Die Frauen haben Angst, zur Polizei zu gehen. Wir versuchen zwar stetig aufzuklären, stoßen bei den Frauen aber auf eine Mauer des Schweigens. Zwangsprostitution ist ein großes Dunkelfeld.” Prozesse gegen die Zuhälter seien eine Seltenheit, der Justiz fehlten Beweise.

Zehn Jahre Gefängnis

Eigentlich steht auf Menschenhandel eine Gefängnisstrafe von zehn Jahren. „Das wird aber viel zu wenig angewendet”, sagt Roshan Heiler. „Meistens gibt es nur zwei bis drei Jahre, denn wesentlich ist die Aussage der Frau.” Diese haben aber oftmals zu viel Angst oder sind traumatisiert. „Da ist es normal, dass sich die Frauen bei ihren Aussagen immer wieder anders an Situationen erinnern und das macht sich die Gegenseite zu Nutze.” Die rechtliche Grundlage ist dünn: Das deutsche Prostitutionsgesetz besteht nur aus drei Paragraphen. „Das ist ziemlich wenig”, findet auch Roshan Heiler.

Im April wurde in Aachen fraktionsübergreifend beantragt, im Stadtrat ein „Handlungskonzept Antoniusstraße” zu erstellen, das die Bordelle verpflichtet, Mindeststandards in Sachen Meldepflicht, Hygiene oder Krankenversicherungspflicht einzuhalten (unsere Zeitung berichtete). Das Konzept des Runden Tisches Prostitution soll im Herbst vom Sozialausschuss vorgestellt werden.

„Es geht klar darum, die Situation der Frauen zu verbessern. Wir können nur dann etwas erreichen, wenn alle Stellen an einem Strang ziehen,” weiß Heinrich Emonts, Leiter des Fachbereichs Soziales und Integration der Stadt Aachen. „Dafür versuchen wir auch die Bordellbesitzer mit ins Boot zu holen, aber das gestaltet sich bisher schwierig.” Solange die Armut in den Herkunftsländern die Frauen nach Deutschland treibt, wird Zwangsprostitution nur schwer in den Griff zu bekommen sein - auch in Aachen.
Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert