Ein Stück, das den Zeitgeist trifft: „Wir sind keine Barbaren!“

Von: Rauke Xenia Bornefeld
Letzte Aktualisierung:
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Aufregung bei vier typischen Durchschnittsdeutschen: Die Freundes- und Paarkonstellation von Barbara, Mario, Linda und Paul gerät im Stück „Wir sind keine Barbaren“ mächtig durcheinander. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Ein dunkelhäutiger Mann wird von zwei blonden Frauen in Trikots mit Deutschlandfahne umgarnt – so wirbt das Das-Da-Theater derzeit auf Plakaten für sein neues Stück „Wir sind keine Barbaren“ von Philipp Löhle. Premiere ist am Donnerstag, 19. Januar.

Der Mann vom Plakat, Patrick Joseph, wird dann nicht auftauchen – so viel sei hier schon mal verraten. Und doch ist seine Figur – heißt sie nun Klint oder Bobo, da sind sich Barbara und Mario nicht einig – ständig präsent. Alle Gespräche zwischen den vier Durchschnittsdeutschen Barbara und Mario (Lisa-Marie Seidel und Jan Westphal) sowie Linda und Paul (Lina Kmiecik und Malte Sachleben) drehen sich um ihn.

Ist er nun gefährlich oder stark? Ist er aus Afrika oder doch eher aus Asien? Und kann man so jemanden in seine Wohnung lassen? Ist es ernst gemeinte Hilfe oder doch nur der unehrliche Versuch, die Ungleichheit in der Welt abzumildern, ohne die eigene auf dieser Ungleichheit aufgebaute Wohlstandssituation aufzugeben?

Die Geschichte: An Barbaras Geburtstag – Mario packt gerade für sie ihr Geburtstagsgeschenk aus – klopft es plötzlich an der Tür. Ein Mann steht da und bittet offensichtlich um Unterkunft. Vorher hat er es schon bei den Nachbarn Linda und Paul versucht, die ihn allerdings abgewiesen haben. Der Fremde bringt nun die wackeligen Freundes- und Paarkonstellationen ordentlich durcheinander.

Angeheizt wird das ganze durch einen sogenannten Heimatchor („Wir essen bio, wir trinken bio.“), der zunehmend böser und unerbittlicher wird. Die Stimme des „Volkes“ sozusagen, die bis auf den Chorführer (Wolfgang Kramer) Laiendarsteller sind und damit höchst authentisch aus den Publikumsreihen sprechen können.

Bühnenbildner Frank Rommerskirchen setzt die deutsche Durchschnittlichkeit bei gleichzeitig eingebildeter Individualität durch ein fast langweiliges Bühnenbild in Szene: Zwei Wohnungen nebeneinander, eingerichtet mit Produkten eines schwedischen Möbelhauses, die zwar unterschiedlich aussehen, sich dennoch kaum voneinander unterscheiden. Der Serviettenhalter demonstriert es.

Autor Löhle „pikst an vielen Stellen in die Wunden“, findet Theaterleiter Tom Hirtz, der sich vor etwa einem Jahr – viele Geflüchtete sind kurz zuvor nach Deutschland gekommen, Die Balkanroute gerade geschlossen – für Löhles Stück entschieden hat. „Schon beim Lesen wurde ich in meinen Überzeugungen ordentlich durcheinander gebracht. Gespielt wirkt das noch viel stärker.“

Es sei kein Realtheater, sondern eher eine Farce in der Tradition von Dario Fo. „Er dreht das Rädchen der Überspitzung immer weiter“, schürt Hirtz Vorfreude auf einen humorvollen und zugleich bitterbösen Theaterabend ganz nah am aktuellen Geschehen.

An den politischen Bezügen musste Regisseur Achim Bieler nicht drehen. „Die stecken im Text“, sagt er. Löhle selbst betrachtet die nicht ab-, sondern zunehmende Aktualität seines 2014 uraufgeführten Stückes mit Verwunderung: „Jetzt rauscht die Aktualität in meinem Text herum, dass ihm die Ohren schlackern; und der Autor steht staunend vis-à-vis und wundert sich, wie so ein Text weiterlebt, -wächst, -arbeitet, ohne dass er irgendwas dafür tut.“

Regisseur Bieler verstärkt sie dennoch durch Toneinspieler aus Nachrichten der jüngsten deutschen Vergangenheit: Angriffe auf Flüchtlingsheime, Aussagen von Bundeskanzlerin und Innenminister zur Flüchtlingssituation, Angst vor islamistischem Terror. Das sonst in ganz Europa funktionierende Werk wird somit „eingedeutscht“.

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