Ein Strafverfolger mit Leib und Seele

Von: Stefan Herrmann
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Energischer Strafverfolger: In
Energischer Strafverfolger: In wenigen Tagen geht Oberstaatsanwalt Albert Balke in den Ruhestand. Foto: Andreas Schmitter

Aachen. Draußen rattern die Rasenmäher an Albert Balkes Büro vorbei, als er im Stuhl Platz nimmt und sich entspannt zurücklehnt. „Die Dinger sind so laut”, sagt er und blickt über die Schulter Richtung Fenster. Balke ist ein Mann, der die Ruhe mag.

Jemand, der nicht gerne im Vordergrund steht. Ein etwas knorriger Typ - dabei aber stets authentisch und sympathisch. Seinen Abschied wollte er eigentlich gar nicht an die große Glocke hängen. Dabei hat der Oberstaatsanwalt in den vergangenen drei Jahrzehnten Großes geleistet. Ein Stück weit Aachener Kriminalgeschichte mitgeschrieben. Ende der Woche nimmt der 64-Jährige seinen Hut und tritt in den Ruhestand.

Ein Stück Kriminalgeschichte

„Über 30 Jahre habe ich hier in Aachen Mord und Totschlag gemacht”, sagt er lapidar. Nach seinen Anfangsjahren in der Abteilung für Wirtschaftskriminalität der Staatsanwaltschaft Aachen wechselte er 1980 zu den Tötungsdelikten. Seitdem hat er unzählige Fälle behandelt. Kapitalverbrechen wurden zu seinem Steckenpferd - ein Strafverfolger aus Leidenschaft. „Erfahrung macht viel aus”, nennt er ein wichtiges Kriterium, um als Staatsanwalt erfolgreich zu arbeiten. Und manchmal auch das richtige Bauchgefühl, um einem Mörder auch noch nach Jahren auf die Spur zu kommen. „Wir haben es geschafft, hier in Aachen einen gewissen Standard zu entwickeln”, bilanziert Balke bescheiden seine Arbeit. Früher, da gab es fast nur den Fingerabdruck als hieb- und stichfestes Beweismittel, dann kamen immer präzisere Blutuntersuchungen hinzu, das Identifizieren von Mikrofasern aus Kleidungsstücken und schließlich, ab 1989 auch in Aachen, der DNA-Beweis. „Ein Durchbruch”, sagt Balke rückblickend.

Eine Garantie, jedem Mörder damit auf die Schliche zu kommen, geben aber auch die besten und modernsten Untersuchungsmethoden nicht. Bei über 98 Prozent liegt die Aufklärungsquote der Aachener Staatsanwaltschaft bei Tötungsdelikten. Eine Zahl, die Balke nicht weiter interessiert. Ihn, betont er, habe immer die Dunkelziffer beschäftigt. Balke sagt: „Das perfekte Verbrechen gibt es nicht. Es gibt nur das unentdeckte Verbrechen.”

Enormes Pensum

Das Pensum, das seine Abteilung leisten muss, ist immens: Im vergangenen Jahr landeten über 800 so genannte Todesermittlungsverfahren auf den Schreibtischen der Staatsanwälte. Denn jedes Mal, wenn die Todesursache unklar ist, rücken Balke und seine Kollegen aus. Er selbst, erzählt er, habe allein an etwa 600 Obduktionen in all den Jahren teilgenommen. Wie steckt man so etwas weg? „Ich kann gut abschalten”, vermittelt Balke überzeugend. Wenn er daheim bei seiner Familie sei, dann habe er die Eindrücke von seiner Arbeit stets gut vor der Haustür ablegen können.

Ruhig erzählt er von spektakulären Fällen aus den vergangenen Jahrzehnten: Ein Mord, der nach 20 Jahren aufgeklärt werden konnte, von grausamen Eindrücken am Tatort. Was bleibt besonders haften? Das Blut? Die Leichen? „Nein, der Geruch”, antwortet Balke ohne zu zögern. Den werde er nie vergessen.

Genauso wie einen besonderen Fall: Die Entführung und Ermordung des elfjährigen Tom und der neunjährigen Sonja aus Eschweiler im Frühjahr 2003. „Diese Geschichte ist selbst mir als altem Hasen richtig an die Substanz gegangen”, erinnert sich Balke. Die Sinnlosigkeit der Tat, aber auch der enorme öffentliche Druck, der damals auf der Staatsanwaltschaft lastete, habe vielen Kollegen zugesetzt. Auch ihm. Damals habe Balke es das erste Mal in Aachen erlebt, dass es eine psychologische Betreuung für Polizisten gegeben habe. Ein entsprechendes Angebot für Staatsanwälte sei sogar erst vor vier Jahren eingeführt worden.

Die Täter von Tom und Sonja wurden gefasst und verurteilt. Bedeuten solche Tage ein Erfolgserlebnis für einen Staatsanwalt? Balke überlegt kurz. „Nein”, antwortet er dann, „das Gefühl eines Erfolgserlebnisses habe ich nie gehabt.” Denn die Opfer bleiben - auch wenn der Mörder hinter Gittern sitzt. Es geht allein um die Gerechtigkeit. Und darum, den Menschen ein Gefühl von Sicherheit zu geben. Die einfache wie klare Botschaft: Verbrechen lohnt sich nicht - schon gar nicht ein Kapitalverbrechen. Albert Balke würde es nicht so plakativ formulieren. Doch er sagt es mit seinem Blick, der ruhig und doch bestimmt auf seinem Gesprächspartner haftet.

Etwas liegt ihm dann besonders am Herzen: Der Alltag eines Staatsanwaltes habe nichts mit dem Bild zu tun, das in vielen TV-Krimis vermittelt wird. „Wir sitzen nicht in holzvertäfelten Zimmern, sondern in ganz normalen Büros auf 15 Quadratmetern.” Auch stehe man nicht in ständigem Clinch mit den Ermittlern der Mordkommission. Im Gegenteil: „Wir arbeiten in Aachen sehr eng und gut zusammen”, lobt Balke das Miteinander. Und wie siehts in Sachen Literatur aus? Liegen Krimibücher auf dem Nachttisch des scheidenden Oberstaatsanwaltes? „Nein, da könnte ich auch Akten lesen”, meint Balke mit einem Schmunzeln. Zu den Millionen Tatort-Zuschauern gehört er somit also auch nicht? „Nein”, schießt es vorschnell aus ihm heraus. Dann überlegt Balke kurz, und gewährt sich einen letzten Einspruch: „Naja, wenn der Münsteraner Tatort läuft, dann schalt ich doch schon mal ein - aber nicht wegen des Falls, sondern wegen der urigen Typen.”

Stille kehrt ein

Der Nachfolger von Albert Balke steht noch nicht fest. Die Ausschreibung läuft. Er selbst, versichert Balke überzeugend, könne gut mit dem Kapital Staatsanwaltschaft abschließen. „Seit 1980 hab ich die Leichen auf meinen Tisch bekommen. Ich brauch das nicht mehr.” Er sagt das ganz ruhig. So, wie es seine Art ist. Die Gärtner mit den ratternden Rasenmähern sind weitergezogen. Balke blickt aus dem Fenster seines Büros. Stille kehrt ein. So, wie er es mag.

Eine Karriere bei der Aachener Staatsanwaltschaft

Nach dem Jura-Studium in Köln hat Albert Balke 1796 zunächst in der Abteilung für Wirtschaftskriminalität der Staatsanwaltschaft Aachen angefangen. Zu Beginn der 80er Jahre wechselte er dann in die Abteilung Kapitalverbrechen.

1996 wurde Balke zum Leiter der so genannten Kap-Abteilung benannt. Seit 2004 ist der Oberstaatsanwalt zudem stellvertretender Behördenleiter der Staatsanwaltschaft Aachen.

Der gebürtige Dürener lebt in seiner Heimatstadt, ist verheiratet und hat eine Tochter und einen Sohn.
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