Ein Schlagerfest: Jubeln, kreischen, grölen

Von: Robert Esser
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Megafestival: Gut 30 000 Fans
Megafestival: Gut 30.000 Fans jubelten am Samstag auf dem Gelände hinter der CHIO-Haupttribühne den Stars der Mallorca-Szene zu. Es ist die größte Open-Air-Musikveranstaltung seit dem legendären Rock-Happening vor 42 Jahren im damaligen Springstadion. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Während Matthias Reim wie ein Häufchen Elend auf der Treppe zum Bühnenaufgang hockt und noch schnell drei Bier vor seinem Auftritt kippt, strahlt Markus Krampe ganz oben in Schampus-Laune. Der Veranstalter von „Aachen Olé” sonnt sich im Glück.

42 Jahre nach dem legendären Konzert von Pink Floyd und Deep Purple im Reitstadion lässt sich der Chef von Pro-Event auf der 14 Meter hohen Rundbogenbühne wie ein Star feiern. Der „Schlager-Papst” aus Much hat es mal wieder allen Kritikern des viel belächelten Genres gezeigt. Und wie! Knapp 30.000 Menschen jubeln, kreischen und grölen ihm zu. Das gab es in Aachen noch nie. Aber wohl bald wieder. Denn der Lärmpegel des Menschenmeers schwillt noch weiter an, als Krampe ankündigt, am 20. Juli 2013 erneut das CHIO-Gelände in der Aachener Soers zu fluten: mit La-Ola-Wellen-Garanten wie Jürgen Drews, Micky Krause und Shaggy.

Public Viewing im Biergarten

Und Prost! Zehntausende Liter Bier, Cocktails und Co. sorgen dafür, dass die Stimmung auf dem 41.000 Quadratmeter großen Gelände - neben dem Hauptstadion des Aachen-Laurensberger Rennvereins (ALRV) - schon am frühen Nachmittag überschäumt. Wer sich in den Mittagsstunden durch die Hunderte Meter lange Schlange vom Tivoli bis zum CHIO-Eingang gekämpft hat, kann jetzt nach Lust und Laune abfeiern.

Hot Banditoz, Anna-Maria Zimmermann, Norman Langen und Tim Toupet verschwinden angesichts der gigantischen Publikumsmenge fast auf der „winzigen” Bühne. Eine Großbildleinwand liefert links von dem Stahlgerüst Details der simplen Shows; eine weitere Leinwand steht rund 400 (!) Meter weiter hinten vor den tausenden Besuchern, die es sich in einer Art Biergarten gemütlich gemacht haben - Public-Viewing mal anders.

Dazwischen hat Krampe eine Kompanie von Fressbuden auffahren lassen, die es locker mit Bend oder Stadtfest aufnehmen können. Dutzende Döner-Spieße, Asia-Snacks, Bratrollen-Stände und Fischbrötchen-Verkäufer buhlen um die Gunst der Kundschaft. Die huldigt den Stars im Rampenlicht. Wobei das künstlerische Prinzip so einfach wie erfolgreich ist. Playback an, Mund auf - nur die Stimme des Sängers oder der Sängerin ist (meist) live.

Brings liefern - genauso wie später De Räuber - echten Live-Konzertcharakter. „Superjeilezick” und „Halleluja” sind die bekannten Höhepunkte ihres Auftritts. Auf die Kölschrocker folgen „Marquess” und Olaf Henning. Der holt nicht nur das Lasso raus, sondern fängt Fan-Sympathien durch verwandtschaftliche Bande: „Meine Patentante wohnt in Aachen!” Jubel. Als Matthias Reim - der zehnte von 14 Interpreten zwischen 13 und 23 Uhr - heiser sein „Verdammt ich lieb Dich” ins Mikrofon presst, ist der Slogan des Tages dank Moderator und DJs während der Umbaupausen, in denen aber nichts umgebaut wird, längst angekommen: „Uuuund die Hääääände hooooch!!!!” - was jedes Mal erstaunlich enthusiastisch befolgt wird.

Das Bild der (friedlich) tobenden Masse imponiert. Auch Sängerin Cascada. Sie hat drei Tänzer mitgebracht und fegt zu „Every-time we touch” im roten Glitzer-Kapuzenpulli über die Bühne. Darauf folgt für viele der Höhepunkt des Schlager-Marathons. Ein Rudel VIP-Fans hatte den Mann vorher schon Backstage vor der Herren-Toilette gestellt - und damit fast seinen rechtzeitigen Auftritt geschmissen. Michael Wendler, der Mann, der gerne in der dritten Person über sich spricht, ist da.

„Sie liebt den DJ” singen alle mit; ebenso die jüngste Single „Sie liebt ihn immer noch”. Was für andere Musikfreunde eine Zumutung ist, wird hier von Zehntausenden Schlagerfans verehrt. Und „der Wendler” weiß das. „Wer hat noch keine CD vom Wendler?”, fragt Wendler die Leute. Tausende Arme gehen „hooooch”. „Und wer würde nie eine kaufen?” Genauso viele Arme gehen hoch. Weswegen Wendler erstmal ein paar Dutzende Silberlinge seiner neuen CD „Spektakulär” ins Publikum schmeißt.

Wenige Live-Klänge

Als gegen 22 Uhr die Hermes House Band „Footballs coming home” und „Live is Live” mit eher wenigen Live-Klängen spielt, strömen tausende schon Richtung Ausgang. Jeder Zweite ist mit dem Bus gekommen, An- und Abreise waren im Ticket inklusive. Die Aseag bewältigt die Mammut-Aufgabe grandios. Die Bilanz von Polizei und 55 Rettungskräften von Maltesern, Johannitern und Deutschem Roten Kreuz fällt positiv aus. Wenig Schlägereien, wenig Zwischenfälle.

Nur zwei aggressive Schläger mussten die Ordnungshüter vom Konzertgelände entfernen. Sonst sorgten 200 Security-Mitarbeiter für Sicherheit. „Das ist schon überraschend, wie friedlich das hier angesichts der Menschenmasse und des Alkoholkonsums ablief”, sagt DRK-Sprecher Björn Claßen am Abend.

Gegen 23 Uhr stimmt Frank Kemperman, der ALRV-Vorstandvorsitzende und Vermieter des CHIO-Geländes, zu: „Das lief alles sehr professionell. Das Gelände ist zwar dreckig, aber nichts scheint kaputt gegangen zu sein”, sagt er. Sogar der Rasen des Fahrstadions, der nun mit über hunderttausend Plastikbechern bedeckt ist, scheint das Spektakel heil überstanden zu haben. Trotzdem sitzt der ein oder andere wie Häufchen Elend da. Über deren drohende Kater muss sich Markus Krampe keine Sorgen machen. Im Gegenteil. Er darf die Korken knallen lassen. Und Geld zählen. Auch das dürfte ihm mehr Freude als Matthias Reim bereiten.

Panne: Ampeln waren falsch programmiert

Improvisationstalent mussten Polizei und Verkehrskadetten unter Beweis stellen. Pünktlich zum Veranstaltungsende sollte die Stadt die Ampeln auf der Krefelder Straße so umschalten, dass die Besucherströme sicher die Straße überqueren können. Doch statt um- wurden die Ampel abgeschaltet. Die Sicherheitskräfte mussten den Verkehr regeln.
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