Ein „Riesenschatz”, der noch viel zu wenig glänzt

Von: Matthias Hinrichs
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Neue Ideen und Konzepte für Musik und Theater gefragt: Rund 150 Bürger diskutierten im Spiegelfoyer des Theaters mit. Foto: Heike Lachmann

Aachen. „Niemand weiß, was Aachen weiß” - so brachte es am Ende einer auf den Punkt, der für sich in Anspruch nehmen darf, beide Seiten der Medaille mit professioneller Brille studiert zu haben.

Christoph Backes, bundesweit gefragter Kulturmanager und Initiator des Aachener Gründerzentrums für Kunstschaffende, sparte nach gut zweistündiger Diskussion im Theater Aachen nicht mit gänzlich unverdächtigem Lob. Mittlerweile hat Backes seinen Aktionsschwerpunkt nach Bremen verlegt - und ließ es sich nicht nehmen, Kritik und Anregungen beim ersten Bürgerforum zum „Leitprofil Kultur” zu protokollieren.

Denn: „Nirgends, wirklich nirgends ist ein derartiges Engagement zu finden wie in dieser Stadt. Das ist ein Riesenschatz!” Aber eben einer, der zu oft im Verborgenen glänze: „Der Aachener an sich nimmt ihn nicht wahr.”

Die beachtliche Publikumsresonanz beim etwas anderen Auftritt der Theater- und Musikprofis spiegelte das Dilemma durchaus: Nicht nur die Gesprächspartner der Moderatoren Gerald Eimer und Achim Kaiser auf dem Podium, auch die Mehrheit der rund 150 Gäste repräsentierte die Vielfalt an Initiativen aus den Sparten Theater und Musik. Wie aber ist es um deren Wirkung innerhalb der Stadt und über deren Grenzen hinaus bestellt?

Erste Antworten fasste Dezernent Wolfgang Rombey mit Blick aufs neue „Leitprofil” zusammen. „Wir dürfen uns nicht auf unserem historischen Erbe ausruhen. Wir müssen der kulturellen Vielfalt dieser Stadt einen neuen Rahmen geben.”

Dass der Resonanzboden dafür auch und vor allem musikalischer Natur ist, wurde im Gespräch mit GMD Marcus Bosch, Jazzmusiker Heribert Leuchter und Guido Roderburg vom Verein Musikbunker einmal mehr deutlich. Nicht neu, aber umso schmerzlicher die einhellige Diagnose: Ohne eine angemessene Konzertstätte stoßen die neuen Ambitionen in Sachen Profilierung schnell an ihre Grenzen.

„Fehlende Auftrittsmöglichkeiten sind ein Hauptproblem”, unterstrich Bosch. Nach beeindruckenden Belegen musste auch Roderburg nicht lange suchen: 120 Proberäume, die der Verein für Rockbands bereitstellt, sind permanent ausgebucht. Roderburg: „Was fehlt, ist eine Halle für 800 Leute - die muss ja nicht von einem preisgekrönten Architekten gebaut worden sein.” Allein: Nicht nur die langjährige Suche nach einem Proberaum fürs Sinfonieorchester kennzeichnet das elementare Defizit. Geeignete städtische Objekte, betonte Olaf Müller vom Kulturbetrieb auch auf Nachfragen aus dem Publikum, stünden schlicht nicht zur Verfügung.

Was die Debatte zum ersten, aber keineswegs letzten Mal befeuerte: Leuchters Kollege Jürgen Sturm von der Gesellschaft für Zeitgenössische Musik etwa kritisierte, dass der Initiative nicht genügend Freiräume bei der Nutzung der Klangbrücke eingeräumt würden. Rombey wies das mit Nachdruck zurück. Über neue Leistungsverträge habe die Gesellschaft zudem Planungssicherheit erhalten.

Ein Reizwort, das auch die Diskussion mit den Bühnenchefs - Gastgeber Michael Schmitz-Aufterbeck, Tom Hirtz vom Das Da Theater und Uwe Brandt, künftiger Intendant des Grenzlandtheaters - nachhaltig anheizen sollte. Hirtz ließ keinen Zweifel, dass sein Ensemble den „städtischen Auftrag”, mit Jugendproduktionen auszuschwärmen, mit Herzblut erfülle. „Aber wir werden angesichts von über 200 Veranstaltungen pro Jahr allein in den Schulen langfristig nicht in der Lage sein, das zu stemmen.”

Letztlich müsse die Frage erlaubt sein, ob die Zuschüsse für die etablierten Bühnen gerecht verteilt seien - da spätestens drohte die Debatte den gesetzten Rahmen zu sprengen. Einigkeit konnte immerhin dahingehend hergestellt werden, dass „die Strukturen der Häuser nicht vergleichbar sind”, wie Generalintendant Michael Schmitz-Aufterbeck feststellte. Und Brandt erntete allseitiges Kopfnicken mit seinem Appell: „Es ist ganz gefährlich, nur darüber nachzudenken, wer wem etwas wegnehmen könnte.”

So hinterließ die auch seitens des Publikums engagiert geführte Diskussion mehr Fragen als Antworten - zumal sie zeitweise in eine lebhafte Bildungs- und Schuldebatte abzudriften drohte. Immerhin: Mit dem Bürgerforum wurde zumindest der Forderung nach noch besserer Vernetzung und Bewusstseinsbildung im Hinblick auf die kreativen Schätze der Stadt Rechnung getragen.

Niemand weiß, was Aachen weiß? „Wir haben gelernt, dass wir im Schulterschluss viel mehr tun müssen, um die Profilierung als Musik- und Theaterstadt zu verbessern”, resümierte „Protokollant” Backes. „Das Schlimmste wäre jetzt, wenn wir die Sache nach dem alten Bürokratenkalauer abhaken würden: gelesen, gelacht, gelocht...”
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