Ein Platz für 230 Flüchtlinge in Richterich

Von: Matthias Hinrichs
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Steht für Flüchtlinge bereit: Im rund 6000 Quadratmeter großen ehemaligen Telekom-Gebäude an der Roermonder Straße soll bis Anfang 2016 Platz für bis zu 230 Menschen geschaffen werden. Foto: Michael Jaspers
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„Wir würden auf jeden Fall helfen, wenn wir könnten“: Schwester Katharina Maria, Generaloberin der Franziskanerinnen. Foto: Herrmann

Aachen. Erstaufnahmestellen – das sperrige Wort geht auch den Verantwortlichen in den Kommunen inzwischen ziemlich flüssig über die Lippen, trotz üblen Beigeschmacks. Die amtlichen Gebäude- und Sozialmanager in Aachen stricken notgedrungen mit heißer Nadel an Konzepten zur Unterbringung von Flüchtlingen.

Ein paar gute Nachrichten konnte das städtische Presseamt am Freitag indes verkünden: Ab Oktober sollen, wie die AZ bereits berichtete, zunächst rund 40 Flüchtlinge im ehemaligen Logistikzentrum der Telekom an der Roermonder Straße in Richterich einquartiert werden. Die geplante Übernahme des rund 6000 Quadratmeter umfassenden Komplexes, der sich inzwischen im Besitz der Aachener Landmarken AG befindet, wurde jetzt im Eiltempo unter Dach und Fach gebracht. Die Stadt mietet das Objekt zunächst für fünf Jahre, im Januar soll dort Platz für weitere 190 Personen zur Verfügung stehen. Landmarken-Vorstand Norbert Hermanns betonte, dass die Räume der Stadt zu günstigen Konditionen überlassen würden und vergleichsweise hervorragende Bedingungen böten. Die ehemaligen Büroräume seien mit Heizung und Einbauschränken ausgestattet, Küchen und Waschräume seien bereits vorhanden. Die Bezirksregierung selbst hatte die Übernahme des Gebäudes als „temporäre Notunterkunft“ übrigens abgelehnt, weil die Kapazitäten dazu nicht ausreichten, so das Presseamt. Ein geeignetes Objekt zur regulären Erstaufnahme von bis zu 500 Personen wird also weiterhin landesweit gesucht.

Weitere Herbergen unter städtischer Regie sollen unterdessen in wenigen Tagen per Dringlichkeitsentscheidung des Rates dingfest gemacht werden: Auch Teile der ehemaligen Hauptschule in der Eilendorfer Kaiserstraße und die ebenfalls „ausgelaufene“ Förderschule in Walheim sollen auf die Liste gesetzt werden. Wie viele Plätze dort geschaffen werden können, lässt sich laut Verwaltung noch nicht sagen. Wohnungen für etwa 40 Menschen will die Gewoge zudem zur vorübergehenden Nutzung in der sogenannten Talbotsiedlung an der Jülicher Straße herrichten. In einer gemeinsamen Erklärung lobten CDU, SPD, Grüne, Linke und Liberale die jüngste Erfolgsmeldung der Verwaltung nachdrücklich. Tenor: Die weitere Rekrutierung von Turnhallen gelte es möglichst zu vermeiden.

Zeit zum Zurücklehnen bleibt auf den kommunalen Chefsesseln trotzdem nicht. Aktuell könne niemand ausschließen, dass erneut praktisch über Nacht Platz für hunderte Menschen geschaffen werden müsse, sagt Sozialdezernent Professor Dr. Manfred Sicking. Aber: „Zeltstädte sind anders als in anderen Kommunen definitiv kein Thema“, bekräftigt der Beigeordnete. Immerhin seien nach wie vor rund 200 Menschen per direkter Zuweisung in der ehemaligen Schule an der Franzstraße und in der Turnhalle der Grundschule Michaelsbergstraße einquartiert. Sollte sich die Lage weiter zuspitzen, könnten umgehend auch die Hallen an der Barbara-straße und an der Reumontstraße binnen weniger Stunden mit Nachtlagern ausgestattet werden. Notfalls müsse man in weitere Sportstätten ausweichen. Umgekehrt setze man alles daran, auch den Druck auf das Land zu erhöhen: „Wir versuchen jetzt wieder zu erreichen, dass leerstehende Landesobjekte wie das ehemalige Straßenbauamt an der Karl-Marx-Allee fit gemacht werden“, erklärt Sicking – wohl wissend, dass das Haus sich derzeit in einem „völlig desolaten Zustand“ befinde. Auch die Nutzung von Kasernen sei längst kein Tabu mehr.

Eine weitere Forderung in Sachen Immobilien lässt sich aus Sicht der Betroffenen unterdessen nicht realisieren: Am Freitag reagierte Schwester Katharina Maria, Generaloberin des Franziskanerinnen-Ordens mit Hauptsitz an der Elisabethstraße, auf die jüngste Kritik der Grünen, dass Kirchen – und damit auch Klöster – ihre Möglichkeiten zur Unterbringung von Schutzsuchenden bei Weitem nicht ausschöpften. „Früher wären wir da längst aktiv geworden“, betonte sie. Inzwischen habe der Orden aber weder in personeller noch in räumlicher Hinsicht Möglichkeiten, effektiv zu helfen. Mittlerweile liege das Durchschnittsalter der 220 Schwestern bei 77,4 Jahren; größere ehemalige Kloster-Kapazitäten würden als Seniorenheime genutzt oder, wie die Schervierstube in der Elisabethstraße, zur Versorgung und Betreuung von Obdachlosen. „Auch uns brennt die Not der Flüchtlinge auf den Nägeln“, sagte die Ordensfrau. „Und wir würden auf jeden Fall helfen, wenn wir es könnten.“

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