Ein perfektes Beispiel für gelungene Selbsthilfe

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Kümmern sich um die Belange der Lebenshilfe: Max Haberland (rechts) und Dik Lokhorst. Foto: Michael Jaspers

Aachen. „Es ist normal, verschieden zu sein!“ lautet das Motto der Lebenshilfe. So präsentiert sich auch der Vorstand der Lebenshilfe Aachen, der seit der jüngsten Mitgliederversammlung mit Max Haberland einen Selbstvertreter als 2. Vorsitzenden hat.

Das heißt: Haberland vertritt seine Interessen als Mensch mit Behinderung im Verein selbst. Dik Lokhorst, Vater eines jungen Mannes mit Down-Syndrom, wurde als 1. Vorsitzender bestätigt. Mit Rauke Xenia Bornefeld sprachen sie über den Weg zu dieser Zusammensetzung, die Tücken und Chancen von Inklusion und Vorbildfunktionen.

Herr Haberland, Sie sind als Selbstvertreter zum zweiten Vorsitzenden der Lebenshilfe Aachen e.V. gewählt worden, nachdem Sie vorher schon als Beisitzer im Vorstand tätig waren. Wie funktioniert die Zusammenarbeit?

Haberland: Seit sechs Jahren arbeite ich im Vorstand mit. Damals habe ich schon gesagt, dass meine Mitwirkung keine Alibifunktion sein soll. Was ich vorzubringen habe, wird sehr ernst genommen. Wir arbeiten im Vorstand auf Augenhöhe. Jetzt habe ich eine neue Aufgabe übernommen. Lokhorst: Die Zusammenarbeit ist sehr unkompliziert.

Was hat sich geändert?

Haberland: Als zweiter Vorsitzender repräsentiere ich die Lebenshilfe Aachen nach außen. Ich besuche zum Beispiel die Konferenz der Geschäftsführer und Vorsitzenden, vertrete die Lebenshilfe beim ATG-Lauf oder fahre zur Landes- oder Bundeskonferenz. Lokhorst: Der Vorstand hat vier Positionen, die unterschriftsberechtigt sind. Der zweite Vorsitzende gehört dazu. Als Beisitzer arbeitet man mehr an Spezialthemen wie Frühförderung oder Wohnen.

Was sind die Vorteile eines Selbstvertreters im Vorstand?

Haberland: Ich kann beide Seiten gut beurteilen. Ich arbeite selbst in der Werkstätten & Service GmbH der Lebenshilfe. Ich kenne die Wohnheime. Ich habe einen anderen Blickwinkel, als die, die im Vorstand keine Behinderung haben. So betrachte ich zum Beispiel das Bundesteilhabegesetz durchaus mit einem anderen Auge, weil mich diese Regelungen direkt betreffen. Auch wenn ich meine Meinung Politikern vorstelle, wirkt das anders.

Die Lebenshilfe ist 54 Jahre alt. Können Sie sich in Aachen auf die Schulter klopfen oder müssen Sie sich fragen, warum es so lange gedauert hat, bis ein Selbstvertreter unterschriftsberechtigtes Vorstandsmitglied geworden ist?

Haberland: Es hat ein Wandel in der Lebenshilfe stattgefunden. Vor Jahren konnte sich noch niemand vorstellen, dass ein Mensch mit Behinderung diese Arbeit leisten kann. Als ich vor sechs Jahren in den Vorstand gewählt wurde, bestand bei einigen Mitgliedern durchaus Skepsis. Wir sind aber gemessen an anderen Institutionen oder auch anderen Lebenshilfe-Vereinen in Sachen Selbstbestimmung dennoch Vorreiter. Ich hatte auch jetzt noch mit mehr Widerstand gerechnet, aber ich hatte nur ein paar Gegenstimmen.

Lokhorst: Zu Gründungszeiten bestand die Hauptaufgabe der Lebenshilfe in der Fürsorge für Menschen mit Behinderung. Jetzt ist die Zeit reif für mehr Selbstbestimmung. Eine Selbstvertretung zu haben, war tatsächlich vor 20 Jahren noch nicht denkbar. Jetzt ist es ganz natürlich. Aber man muss auch sagen: Nicht jeder Mensch mit Behinderung kann voll umfänglich für sich sprechen, könnte wie Max Haberland diese Aufgabe übernehmen. Manche brauchen mehr Schutz. Da muss bei jedem individuell geguckt werden. Aber es ist an der Zeit, dass wir auch Menschen, die sich weniger gut selbst vertreten können, als gleichberechtigt wahrnehmen. Sie sind Bürger und nicht nur Fürsorge-Objekte.

Haben Sie als Selbstvertreter andere Vorstellungen als Ihre Vorstandskollegen, Herr Haberland?

Haberland: Nicht so sehr im Vorstand. Aber auch den Eltern mussten wir einiges abringen. Im Werkstattrat, in dem ich auch mitarbeite, haben wir beschlossen, den Eltern von den Quartalsgesprächen nur noch ein Protokoll zukommen zu lassen, sie aber nicht mehr dazu einzuladen. Dass wir unsere Meinung jetzt selbst sagen wollten, hat anfangs nicht unbedingt allen gepasst. Im Lebenshilfe-Vorstand war die Überzeugungsarbeit nicht so schwierig. Lokhorst: Wir befassen uns im Vorstand aber auch gerade mit der größeren Zahl von Menschen mit Mehrfachbehinderungen, für die wir zuständig sind. Früher gab es davon nicht so viele in unseren Einrichtungen. Wie können wir die, deren Chance auf ein gänzlich selbstbestimmtes Leben schlechter ist, besser unterstützen. Da müssen wir teilweise noch Strukturen schaffen. Das ist eine große Aufgabe, denn die Herausforderungen sind deutlich diffiziler.

Sehen Sie sich denn in der Pflicht, das zu tun oder liegt die Informationspflicht nicht eigentlich an anderen Stellen?

Lokhorst: Pflicht der Gesellschaft ist Eingliederungshilfe oder Grundsicherung zu gewährleisten. Aber ich glaube nicht daran, dass andere in der Pflicht stehen, für einen zu sorgen. Ich glaube an das Wohlwollen der Mitmenschen, aber jeder muss selbst aktiv werden, um Dinge zu ändern. Als Elternverein wollen wir für alle Menschen mit einer Behinderung da sein, denn nicht alle können sich gleich gut selbst helfen.

Beschreiben Sie den Ist-Zustand oder müssen Sie dafür noch etwas tun?

Lokhorst: Das Vereinsleben wandelt sich genauso wie die Gesellschaft im Ganzen. Das Profil der Mitglieder hat sich verändert: mehr Nationalitäten, aber auch das Spektrum der Behinderungen ist deutlich breiter. Früher reichte es, sich regelmäßig zum Kaffeetrinken oder in Gesprächskreisen zu treffen, um Informationen auszutauschen. Das ist immer noch wichtig, aber nicht mehr ausreichend. Das Internet spielt heute eine deutlich wichtigere Rolle, deshalb planen wir einen neuen Webauftritt, der hilfreiche Informationen vermittelt.

Wie würden Sie den aktuellen Zustand der Inklusion bewerten?

Haberland: (lacht leise.) Lokhorst: Inklusion in der Schule ist schwierig, weil die Mittel eher reduziert werden, die Zahl der Schüler mit Behinderung aber steigt. Wenn die Schulen allein gelassen werden, keine permanente Doppelbesetzung zum Beispiel gewährleistet ist, reduziert sich die Inklusion auf eine Aufbewahrung. Grundsätzlich sind wir sehr dafür, auch in anderen Bereichen. Selbst bieten wir mehr betriebsintegrierte Arbeitsplätze an. So werden Menschen mit Behinderung auch sichtbar – in Betrieben, in Kantinen, in der Grünflächenpflege. Es ist in den vergangenen Jahren schon viel passiert, wenn ich von der Geburt meines Sohnes vor 24 Jahren bis heute schaue. Aber es ist auch noch viel zu tun.

Lokhorst: Das sehe ich auch so. Ein Beispiel: Die Menschen mit Behinderung sollen möglichst mit öffentlichen Verkehrsmitteln zum Arbeitsplatz kommen. Aber stellen Sie mal zehn Rollstuhlfahrer an eine Haltestelle. Die kommen in fünf Stunden nicht gemeinsam an. Mit zwei Rollstühlen ist der Bus voll. Ich als Bürger im Rollstuhl kann in jeder zweiten Kneipe nicht auf Toilette gehen. Ich muss fürs Taxi mehr zahlen, weil auch mein Rollstuhl transportiert werden muss. Selbst vorhandene Dinge – zum Beispiel der Mobilitätsservice der Bahn, der offiziell dafür zuständig ist, Menschen mit Behinderung zum Gleis oder aus dem Zug zu helfen – funktionieren regelmäßig nicht. Wenn das schon ein Problem ist, ist der Weg noch lang. Vielleicht sollten wir weniger mit Gewalt versuchen, eine inklusive Gesellschaft zu kreieren, sondern erst das zum Laufen bekommen, was schon da ist. Und anderes nicht als Besonderheit sehen.

Was meinen Sie?

Haberland: Warum ist eine Werkstatt für Behinderte eine Sondereinrichtung, die nicht zum normalen Arbeitsmarkt gehört? Tatsächlich produzieren wir jede Menge dafür. Wenn einige tausend Werkstätten geschlossen würden, würde das der normale Arbeitsmarkt schmerzlich spüren.

Sehen Sie auch Verbesserungspotenzial auf Seiten der Menschen mit Behinderung? Inklusion kann ja für sie unbequem sein.

Haberland: Ja, Inklusion muss von beiden Seiten gelebt werden. Wir können uns nicht nur die Vorteile rauspicken und selbst nichts dafür tun. Das kann zum Beispiel heißen, dass jemand deutlich früher aufstehen muss, weil er den öffentlichen Bus und nicht den Fahrdienst zur Arbeit nehmen kann. Manche Menschen mit Behinderung haben damit ein Problem. Ich habe auch gut in Erinnerung, wie wir in der Werkstatt die Mitwirkungsverordnung eingeführt haben. Plötzlich durften und sollten wir unsere Meinung sagen. Wir haben lange dafür gebraucht, das in die Köpfe der Mitarbeiter zu bringen und arbeiten noch immer dran. Die Scheu ist noch groß.

Lokhorst: Ein Teil der Menschen hat sich an die Fürsorge der Vergangenheit gewöhnt. Es ist ja auch bequem und praktisch. Aber ich denke, das ist nur eine Frage der Zeit. Arbeitet jemand betriebsintegriert, arbeitet er acht Stunden, wie seine Kollegen ohne Behinderung auch. Das wird normaler für die, die es können. Danach sind sie geschafft von der Arbeit, aber das ist ja normal. Auch das Selbstverständnis derjenigen, die nicht betriebsintegriert arbeiten können, verändert sich. Ebenso der Wohnbereich, Stichwort Betreutes Wohnen. Darüber emanzipieren sich die Menschen sehr stark, das Selbstbewusstsein wächst enorm. Das funktioniert sogar noch im fortgeschrittenen Alter. In 20 Jahren wird sich viel getan haben.

Werden Sie, Herr Haberland, da als Vorbild wahrgenommen?

Haberland: Ohne das es überheblich klingen soll: ja. Wenn ich als Werkstattrat sage, das machen wir jetzt, ziehen viele mit, weil sie an mir sehen, dass es geht. Wir haben gemeinsam mit der Geschäftsführung schon mehr Mitbestimmung installiert als gesetzlich erforderlich. Meine erste Nacht im Betreuten Wohnen war schrecklich. Heute gehe ich erst wieder in eine Einrichtung, wenn das Altersheim ansteht. Das ist Lebenshilfe: Wir leben Inklusion!

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