Aachen - Ein Neubaugebiet voll Erinnerungen an den alten Tivoli

Ein Neubaugebiet voll Erinnerungen an den alten Tivoli

Von: Thorsten Karbach
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Spielfeld für Hausbauer: Blick vom Würselener Wall Richtung Lousberg. Links verläuft die Krefelder Straße. Die Straßen zeichnen den Fußballplatz nach. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Ein Tor, wen dieser Moment nicht bewegt. Irgendwo hier muss es gewesen sein, zwischen den Glasscherben und Kieselsteinen. Der Pass kam von Ivica Grlic, Stefan Blank stoppte den Ball, legte ihn sich einmal vor und drosch ihn an Oliver Kahn vorbei ins blanke, lange Eck. Der (alte) Tivoli bebte, die Menschen auf dem Würselener Wall wähnten sich auf dem Fußballolymp. Welch göttlicher Moment!

Blank und die Fans auf der Tribüne, das haben TV-Bilder festgehalten, drohten abzuheben. Tatsächlich ist der Würselener Wall alles, was von diesem Stadion am Boden geblieben ist.

Am 4. Februar 2004 haben Blank und die Alemannia mit ihrem 2:1-Pokalsieg gegen Bayern München Fußballgeschichte geschrieben. Seit 2009 ist das ganze Stadion, eröffnet 1928, Geschichte. Der Jubel ist verhallt. Im Hintergrund dröhnt ein Bagger. Der alte Tivoli wurde abgerissen und als Neubaugebiet ausgewiesen. Wohnen auf dem Fußballplatz – für die Stadt erweist sich der Gedanke als Volltreffer. Für die 55 Grundstücke liegen mehr als vier Mal so viele Bewerbungen vor. Die Menschen stehen für die Einfamilienhäuser, Doppelhaushälften und Reihenhäuser ähnlich Schlange wie einst für 20.000 Pokalkarten.

Der Würselener Wall wird immer an diesen Abend und so viele andere erinnern. Hier werden sogenannte Terrassenhäuser die charakteristische Form der großen Stehtribüne aufgreifen. Am 28. August 1957 standen hier sage und schreibe 11.000 Menschen – also mehr als zuletzt überhaupt den Weg zur Alemannia ins neue Stadion fanden – und verfolgten ein Freundschaftsspiel gegen Espanyol Barcelona. Es kommt einem alles andere als spanisch vor, dass diese Wohnlage so beliebt ist.

Bis die Häuser gebaut werden, sprießt Unkraut und wächst die Erinnerung an diese Stunden. Beides vergeht nicht. Aber eins, aber eins, das bleibt bestehen, und so. Emotionen sind unbezahlbar. Von den Hausbauern wird bis zu 410 Euro pro Quadratmeter verlangt. Nicht wegen des Fußballs sondern wegen der Wohnlage. Ebenso nah an der City wie an Autobahn und Ring.

Haken schlägt hier nur noch ein Hase, kein Kalla Pflipsen. Noch bevor die ersten Fundamente für künftige Bewohner gegossen werden, hat er sich einen Bau ins Wohngebiet gegraben. Direkt neben dem alten Aufgang liegt er versteckt. Noch ganz deutlich ist zu sehen, wo hier die Bierbude stand, wo Alkohol und Tränen flossen. Mitten in dieser vergänglichen Kulisse liegt ein altes Fahrrad. Bessere Zeiten hat es erlebt, so wie die Alemannia auch. Der Unterschied: Alte Liebe rostet nicht.

Wenn aus den Bauwegen richtige Straßen werden, sollen sie Namen tragen, die an den Fußball erinnern. Der Weg ist frei für Wohnen am Elfmeterpunkt. Nur den Schwalbenweg gibt es schon – in Forst. Die Straßen zeichnen das alte Spielfeld ab. Seitenlinien, Mittellinie. Da lief Blank. Da stand Kahn. Das war sie, die kalte Dusche für die Bayern. Längst sind Kanäle verlegt und Parzellen abgesteckt. Schon Ende des Jahres soll ein Neubau mit Supermarkt und Kindertagesstätte fertig sein. Ein heller Stein ragt noch wie ein Gedenkstein aus dem Boden. An Blank und das Tor. Und so viel mehr.

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