Ein Millionen-Bild für 55.000 Euro „abstauben“

Von: Robert Esser
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Objekt der Begierde: Gerade mal 36,6 mal 27,7 Zentimeter groß ist das Gemälde „Blumen in einer Wanli Vase“, das nach 75 Jahren für einen hohen „Finderlohn“ ins Suermondt-Ludwig-Museum (Bild) zurückkehren soll. Foto: Michael Jaspers
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Objekt der Begierde: Gerade mal 36,6 mal 27,7 Zentimeter groß ist das Gemälde „Blumen in einer Wanli Vase“, das nach 75 Jahren für einen hohen „Finderlohn“ ins Suermondt-Ludwig-Museum zurückkehren soll. Foto: Jim Strong Inc., New York
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Derweil plant man mit dem Ludwig Forum (Bild) und dem Centre Charlemagne ein gemeinsames Großprojekt zu Albrecht Dürer für das Jahr 2020. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Bis Politiker im Kulturausschuss ungeduldig werden, muss in der Regel viel Zeit vergehen. Sehr viel. Die mehr als dreistündigen Beratungen am Dienstagabend bargen dennoch drei überraschende Erkenntnisse.

Erstens: Während die freie Kulturszene um jeden Euro bangt, will der Kulturbetrieb 55.442 Euro „aus freien liquiden Mitteln“ zu einem 400.000 Dollar teuren „Finderlohn“ für eine amerikanische Kunstsammlerin beisteuern, damit das in den Weltkriegswirren 1942 entführte Stillleben „Blumen in einer Wanli-Vase“ von Balthasar van der Ast zurück ins Suermondt-Ludwig-Museum (SLM) kommt.

Zweitens: Auch fünf Jahre nach dem Rauswurf des letzten Restaurants wird es im Ludwig Forum (Lufo) absehbar kein vernünftiges gastronomisches Angebot geben. Nun soll erstmal der Umzug der Werkstatt des Forums Richtung Kulturdepot Talstraße „geprüft“ werden.

Drittens: SLM, Lufo und Centre Charlemagne wollen 2020 mit einem Budget von etwa vier Millionen Euro gemeinsam die Ausstellungs-Trias „Dürer – Karl V. – Künstlerreisen“ auf die Beine stellen und damit an den Besuchererfolg der Schau „Karl der Große. Macht – Kunst – Schätze“ des Karlsjahres 2014 anknüpfen. Die entsprechenden Beschlüsse segnete der Kulturausschuss – wie fast immer – in trauter Einstimmigkeit ab.

Trotzdem gab es vorsichtige Kritik: Nur der grüne Hermann Josef Pilgrim fragte öffentlich, ob es denn tatsächlich angemessen sei, einer betagten amerikanischen Sammlerin in New York 400.000 Euro „Finderlohn“ zu zahlen, obwohl sie womöglich gar nicht die legale Eigentümerin des Gemäldes „Blumen in einer Wanli-Vase“ ist.

Das Gremium freundete sich aber mit der Erklärung des SLM-Museumsdirektors Peter van den Brink und der Stadt an. Diese beschworen die große Bedeutung des Gemäldes und seinen „hypothetischen Wert“ von vier Millionen Euro. Ob dieser tatsächlich auf dem Markt erzielt worden wäre, weiß man nicht. Ein Verkaufsversuch auf der Maastrichter Kunstmesse Tefaf scheiterte 2004 bereits im Ansatz – wohl weil die Beschlagnahmung der „Beutekunst“ drohte. So soll Aachen nun gut 55.000 Euro vom Finderlohn an die jetzige „Besitzerin“ zahlen. Van den Brink verhandelt seit Jahren mit ihr und sprach von einer „historischen Chance“. 36,6 mal 27,7 Zentimeter misst das Öl-Gemälde – gerade mal so groß wie vier Handflächen.

119.000 Euro übernimmt die Kulturstiftung der Länder, 133.000 Euro die Ernst von Siemens Stiftung, 60.500 das Land NRW – und weitere 9300 Euro steuern private Spender bei. „Diese große Unterstützung von vielen Seiten untermauert die Bedeutung des Werks“, betonte die Ausschussvorsitzende Dr. Margrethe Schmeer (CDU). Nicht nur aus der eigenen Fraktion (Josef-Hubert Bruynswyck) gab es dafür Zustimmung. Ulla Epstein (Die Linke) merkte an, dass der Aachener Anteil durchaus hoch sei, „wenn man bedenkt, über wie viel Geld wir hier teilweise im Zusammenhang mit der Stadtbibliothek diskutieren“.

Gastronomie im Lufo

Noch länger als die Rückeroberung dieses Gemäldes dauert die Rückkehr eines gastronomischen Angebots ins Lufo. Obwohl man schon vor dem jüngst abgeschlossenen Millionen-Umbau des Stadtteilzentrums Talstraße von der geplanten Auslagerung der Lufo-Werkstatt (um Raum für ein Restaurant zu schaffen) wusste, will die Verwaltung nun nach einem neuen Antrag von CDU und SPD prüfen, ob das Kulturdepot als Standort überhaupt in Frage kommt. Womöglich müsse sogar eine Nutzungsänderung für Teile des Depots in Betracht bezogen werden, deutete Kulturdezernentin Susanne Schwier an. Warum dies nicht längst (vor dem Depotumbau) geschehen ist, blieb offen.

Olaf Müller, Geschäftsführer des Kulturbetriebs, erläuterte, dass man (viel) zu lange mit einem einzelnen Gastronomen verhandelt habe, der sich dann zurückgezogen habe. Nun gebe es zwei neue „vorsichtige Interessenten“. Bis einer von diesen – oder jemand anders – im Lufo Gäste mit Speis und Trank bewirten kann, dürften aber noch Jahre vergehen. Zu umfangreich sind die dafür notwendigen Umbauarbeiten – und natürlich auch entsprechend kostspielig.

Allein der umstrittene Umbau des Lufo-Foyers im Jahr 2014 hatte 300.000 Euro verschlungen. Und sollte damals mit der „Interimslösung Cafeteria“ der Auftakt für weitere Umbauschritte für eine vollwertige Gastronomie werden. Ein künftiges Restaurant nebst Bar sollen übrigens unabhängig von den Öffnungszeiten des Ludwig Forums betrieben werden. Die verkürzten Öffnungszeiten der Aachener Museen tragen nämlich anderswo (zum Beispiel im Internationalen Zeitungsmuseum an der Pontstraße) dazu bei, dass die Suche nach neuen Gastronomen, die ein angeschlossenes Bistro rentabel bewirtschaften müssen, nahezu aussichtslos ist.

Albrecht Dürer zu Gast

Um viel Geld, aber ebenso die Aussicht auf den größten Publikumserfolg seit dem Karlsjahr 2014 geht es bei der Ausstellungs-Trias „Dürer – Karl V. – Künstlerreisen“ im Jahr 2020 – genau 500 Jahre nach dem Besuch Dürers zur Krönung Karls V. in Aachen. Van den Brink schwebt eine „dezentrale Großausstellung als Tourismusmagnet sechs Jahre nach Karl dem Großen“ vor. Im SLM sollen dann reihenweise Hauptwerke Dürers aus aller Welt versammelt werden.

Gespräche dazu laufen bereits. Das Centre Charlemagne will sich gleichzeitig um das Thema „Der gekaufte Kaiser – Karls V. Krönung in Aachen und der Wandel der Welt“ kümmern, wie Centreleiter Professor Frank Pohle dem Ausschuss mitteilte. Lufo-Direktor Andreas Beitin nimmt anlässlich des Dürer-Besuchs eine andere Perspektive unter dem Arbeitstitel „Künstlerreisen – Wege zwischen Utopie und Scheitern in der zeitgenössischen Kunst“ ein.

Die drei Museumschefs begeisterten den Ausschuss mit ihren Ideen, es gab Lob von allen Seiten. Auch wenn die Finanzierung des Großprojekts nur mit finanzstarken Sponsoren möglich wird. Über 230.000 Besucher kamen 2014, 2020 sollen es mindestens 100.000 sein. Bei einem zunächst anvisierten Kombiticketpreis von 10 Euro klafft eine Finanzierungslücke von mindestens drei Millionen Euro.

FDP (Ruth Crumbach-Trommler) und SPD (Manfred Bausch) regten an, einerseits den Ticketpreis zu erhöhen und andererseits – wie bei den Karlsausstellungen – auch weitere kulturelle Veranstaltungen rechts und links der Ausstellungen für 2020 zu erwägen. Nur die Piratenpartei (Gunter von Hayn) stellte in Frage, ob genug Kulturstifter und Sponsoren gefunden werden könnten.

Vor allem, weil SLM-Chef van den Brink betonte, welche infrastrukturellen Maßnahmen vor Dürer noch bezahlt werden müssen: eine brandneue Klimaanlage fürs Suermondt-Ludwig-Museum, neue Toiletten, mehr Personal und ein modernes Kassensystem. Bislang ist im SLM keine EC- oder Kreditkartenzahlung möglich. Nur bei Barzahlern ist keine Geduld mehr gefragt.

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