Ein künstliches Gebilde voller Gegensätze

Von: Oliver Schmetz
Letzte Aktualisierung:
14006656.jpg
Aachen-Mitte ist mittendrin in Aachen und ganz weit draußen: Natürlich gehören Rathaus, Markt und Karlsbrunnen zum größten Verwaltungsbezirk der Stadt – aber auch abgelegene Viertel wie Hitfeld oder Preuswald. Foto: Michael Jaspers
14006256.jpg
Steht seit mehr als zweieinhalb Jahren an der Spitze des größten Aachener Stadtbezirks Mitte: die Bezirksbürgermeisterin Marianne Conradt (CDU). Foto: Michael Jaspers

Aachen. In diesem Stadtbezirk steckt man mitten im Trubel des studentischen Nachtlebens – in der Pontstraße. Und man steht ganz einsam mitten im Wald – in Preuswald. In diesem Stadtbezirk kann man, wenn man sich etwas gen Süden bewegt, schmucke Villen sehen und – eher im Norden und Osten der Stadt – heruntergekommene Arbeiterviertel.

Und es gibt mit den Hochschulen in der Innenstadt die Denkfabriken der Zukunft genauso wie an der Jülicher Straße die industriellen Relikte der Vergangenheit. Aachen-Mitte ist der größte der sieben Aachener Stadtbezirke, er reicht von der Beverau bis Bildchen, von Hitfeld bis Hanbruch, von Driescher Hof bis auf die Hörn.

Und doch hat es den Eindruck, als sei in diesem Bezirk alles vereint worden, was nach der Festlegung der historisch gewachsenen „Außenbezirke“ Haaren, Richte-rich, Laurensberg, Eilendorf, Brand und Kornelimünster/Walheim übrig geblieben ist: Aachen-Mitte ist ein künstliches Gebilde voller Gegensätze, und an der politischen Spitze dieser recht willkürlichen Verwaltungseinheit steht eine Bezirksbürgermeisterin ohne eigenes Büro.

Marianne Conradt sitzt deshalb auch in einem Café, als sie die Sache mit dem Büro eher beiläufig in einem Nebensatz erwähnt, so als wolle sie nicht viel Aufhebens darum machen. Verwaltungsintern werde für sie nach einer Lösung gesucht, sagt die Christdemokratin auf Nachfrage. Allerdings dauert das schon ein ganzes Weilchen.

Zur Erinnerung: Die jüngste Kommunalwahl fand Ende Mai 2014 statt, Mitte Juni wurde Marianne Conradt von der Bezirksvertretung Mitte zur Bezirksbürgermeisterin gewählt. Und damit hat sie immerhin, so könnte man es formulieren, nach Oberbürgermeister Marcel Philipp die meisten Untertanen in Aachen. Schließlich lebten Ende 2015 von den gut 253.945 Öchern exakt 164.683 in ihrem Verantwortungsbereich Aachen-Mitte.

Wobei das mit der Verantwortung oder besser mit dem politischen Einfluss bei Bezirkspolitikern ja so eine Sache ist. Gerade einmal 50.000 Euro pro Jahr können die Aachener Bezirksvertretungen für bezirkliche Belange verteilen. Und in der politischen Diskussion dürfen sie zwar zu fast allem etwas sagen, aber so gut wie nichts entscheiden. Zumindest nichts wichtiges. Bisweilen werden die Empfehlungen aus den Stadtteilen in den Fachausschüssen auch schlicht ignoriert.

Das alles weiß natürlich auch Marianne Conradt, die die Entscheidungskompetenzen auf dieser untersten politischen Ebene ohne Umschweife als „überschaubar“ bezeichnet. „Und ich bedaure das“, sagt sie, „weil ich der Meinung bin, dass man einiges mehr in die Befugnisse der Bezirksvertretungen legen könnte.“ Die Bezirksbürgermeisterin denkt da zum Beispiel an die Verantwortung für die städtischen Spielplätze: „Da ist man in den Bezirken einfach näher dran, wodurch die Entscheidungsprozesse im Verwaltungsapparat abgekürzt werden könnten.“

Näher dran – das ist ohnehin das politische Stichwort für Marianne Conradt. Um näher dran am Bürger zu sein, habe sie sich ganz bewusst ausschließlich zur Kandidatur für die Bezirksvertretung entschieden, erzählt die 65-jährige Kommunalpolitikerin. „Ich will wissen, woher die Politikverdrossenheit kommt“, sagt sie. „Mich interessiert, was die Bürger denken.“ Um näher an die Menschen heranzukommen, hat Conradt ihre Bürgersprechstunde zum Sprechtag ausgebaut.

Von 10 bis 17 Uhr steht sie regelmäßig zum Gespräch bereit, und bisher hat sich in der Verwaltung für die Bezirksbürgermeisterin ohne Büro auch jedes Mal ein Raum gefunden. Manchmal nimmt sie dabei externe Experten mit ins Boot – zuletzt Hermann Paetz von der Aseag –, um den Besuchern noch mehr Service zu bieten. „Ich würde behaupten, dass ich da auf einem guten Weg bin“, sagt sie. „Man steht zwar nicht Schlange bei mir, aber ich habe den ganzen Tag zu tun.“

Viel Identifikation in den Vierteln

In diesen Gesprächen stellt Conradt aber auch immer wieder fest, was für ein merkwürdiges Konstrukt dieser Stadtbezirk ist. „Das ist wie eine Stadt in der Stadt“, sagt sie, in der sich die Arbeit mit den Bürgern ganz anders gestalte als in den übrigen Bezirken. Denn in Aachen-Mitte gibt es nicht diese eine Identität, wie sie etwa „die Brander“ haben, „sondern viel Identifikation in den einzelnen Stadtteilen“. Und es gibt nicht das eine große Thema wie beispielsweise in Richterich das Neubaugebiet Dell und den Kampf um die Umgehungsstraße.

Dafür gibt es viele große Themen, um die sich maßgeblich aber die „große“ Politik im Stadtrat kümmert. Natürlich erwähnt Marianne Conradt als Meilenstein der jüngsten Vergangenheit die Eröffnung des Aquis Plaza und mahnt wie ihre Kollegen im Planungsausschuss an, dass man die übrige Innenstadt ebenfalls aufwerten müsse. Natürlich ist man auch in der Bezirksvertretung darauf bedacht, zu einer guten Entwicklung des Nikolausviertels beizutragen. Natürlich diskutiert man dort auch Großstadtthemen wie die Mobilität der Zukunft. Doch daneben gibt es auch die vielen kleinen Dinge, die beim Bürger vor der Haustüre liegen. Dazu gehört die Kita, die am Hangeweiher ins Vereinsheim eines Kleingartenvereins zieht, ebenso wie der Supermarkt, der endlich im alten Problemquartier Preuswald die Infrastruktur verbessern soll.

Bloß: Im Stadtbezirk Aachen-Mitte findet das nicht in einem Stadtteil statt, sondern in 15 Stadtvierteln (siehe Infobox) – jedenfalls hat „Wikipedia“ so viele gezählt. Und das stellt Politiker, die ganz unten an der Basis arbeiten wollen, vor Herausforderungen. „Die Neujahrsempfänge in den einzelnen Vierteln nehme ich mehr und mehr wahr, aber in einigen Ecken – etwa im Ostviertel oder im Frankenberger Viertel – bin ich noch nicht so präsent“, sagt die Bezirksbürgermeisterin. Und reagiert auf die Frage, ob sie mit ihren Sprechtagen künftig vielleicht besser durch die vielen Stadtteile ihres Stadtbezirks tingeln solle, mit einem Lachen: „Darüber sollte ich wirklich mal nachdenken.“

Vielleicht ist es deshalb sogar ganz gut, dass die Verwaltung es nach mehr als zweieinhalb Jahren immer noch nicht geschafft hat, für Marianne Conradt irgendwo einen festen Raum aufzutreiben. Denn möglicherweise wäre ein mobiles Büro ja für sie die beste Lösung.

 

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert