Aachen - Ein „Hotel Total“ hinterm Kirchenportal

Ein „Hotel Total“ hinterm Kirchenportal

Von: Matthias Hinrichs
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Probesitzen für ein außergewöhnliches Projekt zur Begegnung im Viertel, in der Stadt und auch auf internationaler Ebene: Die Initiatorinnen Anke Didier, Patricia Yasmine Graf und Julia Graf (auf dem Himmelbett sitzend v.l.) stellten die Pläne fürs „Hotel Total“ in St. Elisabeth mit ihren Partnern aus den Aachener Hochschulen, der Beschäftigungsinitiative „low-tec“ und dem RWTH-An-Institut IFU vor. Foto: Michael Jaspers
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Gottesdienste werden in St. Elisabeth weiterhin veranstaltet: Sie finden jeden Samstag um 18 Uhr statt.

Aachen. Schon wieder eine neue Bettenburg in Aachen? So profan kann man das keinesfalls formulieren. Und zwar nicht allein deshalb, weil diese allemal unkonventionelle Herberge jetzt ihrerseits mitten in einem der größten Sakralbauten der Stadt Unterschlupf findet.

Etliche Institutionen und Sponsoren stecken seit einigen Wochen nämlich quasi unter einer Decke, um ein höchst innovatives Projekt in den kommenden Monaten mit reichlich Leben zu füllen: Ab August sollen die ersten Übernachtungsgäste hinterm Portal der über 100 Jahre alten Pfarrkirche St. Elisabeth an der Jülicher Straße begrüßt werden. Kein Scherz, sondern ein fantastischer Traum, der bald in Erfüllung geht – zumindest für drei Monate, versprechen die frisch gebackenen „Direktorinnen“ des „Hotel Total“, Patricia Yasmine Graf, Julia Claire Graf und Anke Didier.

Am Dienstag haben die drei Damen als stolze Gründerinnen der gleichnamigen Gesellschaft den Startschuss für das außergewöhnliche „kreative und soziale Vernetzungs- und Umnutzungskonzept“ gegeben. Die sperrige Begrifflichkeit lässt ahnen: Viel Zeit zum Ausruhen nahmen sie sich nicht beim Probesitzen auf dem ersten „Vorzeigeobjekt“, bevor sie die ungewöhnliche Charmeoffensive in Sachen Kunst-, Beschäftigungs- und Tourismusförderung erstmals präsentierten.

Zahlreiche Vertreter von Stadt, dem Gemeindeverbund Christus unser Bruder, dem St. Elisabeth inzwischen angehört, und den neuen Kooperationspartnern scharten sich ums soeben fertiggestellte erste weiße Himmelbett unterm neugotischen Kirchendach, um das „Hotel Total“ sozusagen aus der Taufe zu heben.

Beginnen wir also bei dessen Geburtsstunde. Anfang Oktober erhielten Patricia Yasmine Graf, studierte Designerin, ihre Schwester Julia, Kommunikationswissenschaftlerin und Eventmanagerin, und Anke Didier, Modedesignerin, frohe Kunde vom Land. Ihre Vision wurde im Rahmen des Wettbewerbs „CreateMedia.NRW“ als förderwürdig auserkoren – weil sie etliche Ansätze zur kreativen Verknüpfung von Qualifizierung, Begegnung und Gastlichkeit bietet.

Mit maßgeblicher Unterstützung der FH-Professorinnen Ilka Helmig und Dr. Constanze Chwallek aus den Fachbereichen Gestaltung bzw. Wirtschaftswissenschaften, dem RWTH-An-Institut für Unternehmenskybernetik (IFU) sowie dem Beschäftigungsträger „low-tec“ wollen die Initiatorinnen den weigehend verwaisten Kirchenraum am Blücherplatz nun mit zukunftsweisenden Ideen füllen. „In den kommenden sechs Monaten entstehen hier mehrere Raummodule, die später von bis zu zehn Übernachtungsgästen genutzt werden können“, erklärte Patricia Yasmine Graf.

Der Clou: Die fünf „Hotelzimmer“ sollen zuvor reichlich Platz bieten für ungewöhnliche gestalterische Konzepte, die die Designer(innen) gemeinsam mit Langzeitarbeitslosen und jungen Flüchtlingen peu à peu umsetzen wollen. Gleichzeitig soll der neue „Hotspot“ als „temporärer Kulturtestbetrieb“ mit Ausstellungen und Lesungen auf sich aufmerksam machen und somit als Plattform für (kulturelle) Begegnungen dienen. Grund genug für OB Marcel Philipp, die Schirmherrschaft für das Vorhaben zu übernehmen.

„Wir haben uns ein Stück weit an erfolgreichen Projekten in Amsterdam, Wien und Augsburg orientiert, die dem neuen Trend zum individuellen Reisen Rechnung tragen“, berichtete Julia Graf. Erste „Objektstudien“ für den großen Wurf in Aachen lieferten rund 60 FH-Studenten im Rahmen eines Workshops. Entscheidend war dabei nicht zuletzt der Anspruch, einen neuen, ungewöhnlichen Beitrag zur Integration zu leisten. So sollen auch junge Flüchtlinge bei der Realisierung beteiligt werden, und zwar auch im laufenden Betrieb, wenn die ersten Touristen die besonderen Vorzüge des „Pop-Up-Hotels“ im Kirchenraum ab August für zunächst drei Monate genießen dürfen – vorerst übrigens zum Nulltarif.

Aber wer weiß: „Wir hoffen, dass das Konzept auch nach dem Ende des Förderprogramms Bestand hat“, betont Patricia Yasmine Graf. Immerhin 80 Prozent der Kosten stemmt vorerst das Land, etliche Sponsoren sind bereits im Boot. Vielleicht kann das „Hotel Total“ also irgendwann auch langfristig einen Beitrag zur viel gepriesenen Willkommenskultur in Aachen leisten. Selbst wenn die Pläne des Pfarrverbunds Christus unser Bruder, das Gotteshaus zu veräußern, eines Tages reifen sollten . . .

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