„Ein Gefühl fast wie am 11. September“

Von: Oliver Schmetz
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Trägt sich ins Kondolenzbuch ein: Wolf Steinsieck, französischer Honorarkonsul. Foto: Michael Jaspers
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Fürchtet Folgen für das Zusammenleben auch in Aachen: Ditib-Vorsitzender Abdurrahman Kol.

Aachen. Als er die schreckliche Nachricht aus Paris am Mittwochmittag auf seinem Smartphone liest, denkt Abdurrahman Kol zuerst: „Oh Gott, schon wieder diese Verrückten.“ Doch dann macht sich mehr und mehr etwas in ihm breit, was er schon lange nicht mehr verspürt hat. „Das ist ein Gefühl fast wie am 11. September 2001, nach den Terroranschlägen in den USA.“

Damals wie heute waren es menschenverachtende Taten islamistischer Terroristen, und wie damals erfüllt der Terror auch heute den Vorsitzenden der Türkisch-Islamischen Gemeinde (Ditib) in Aachen mit Sorge. „Am 11. September hat man auch zunächst nicht die Folgen ermessen können“, sagt der Muslim, der seit mehr als 40 Jahren im hiesigen Dreiländereck lebt, „und ich fürchte, dass das unsere Arbeit auch in Aachen beeinflussen wird.“

Mit „Arbeit“ meint Kol das ständige Werben um ein friedliches Miteinander, um einen Dialog zwischen den Kulturen und den Religionen. Und was sich da in den vergangenen Jahren in Aachen getan hat, ist eine Erfolgsgeschichte. Beispielsweise baut Kol mit seiner Gemeinde im Ostviertel gerade eine große Moschee, ohne dass es – wie andernorts durchaus – große Anfeindungen gegeben hat. Ein Ort der Begegnung soll das Gotteshaus sein, hat Kol immer gesagt. Und Aachen sei in dieser Hinsicht „eine vorbildliche Stadt“. Doch nun hat er Angst, dass das Massaker in der Pariser Redaktion des Satire-Magazins „Charlie Hebdo“ all das „wie eine Flut wegspült“.

Der Vorsitzende der Gemeinde hat sich am Tag des Attentats gleich hingesetzt und eine Pressemeldung verfasst: Die Tat verurteilt er als „niederträchtig und absolut inakzeptabel“, als „gezielten Angriff auf das friedliche Miteinander von uns Europäern aus verschiedenen Kulturkreisen und Religionen“. Den Opfern und ihren Angehörigen spricht er sein Mitgefühl aus. Und hat doch Sorge, dass es zu Anfeindungen kommt, dass friedliche Muslime mit „diesen Verrückten“ in einen Topf geworfen werden.

Dieser Sorge will man bei der Stadt allerdings energisch entgegentreten. Aktuell werde geplant, das nächste interreligiöse Gebet in Aachen am 25. Januar zu einer großen öffentlichen Veranstaltung – möglichst an einem zentralen Platz in der Stadt – zu machen, erklärt Stadtsprecher Bernd Büttgens am Donnerstagnachmittag im Foyer des Rathauses. Dort steht er mit Dr. Angelika Ivens, der Geschäftsführerin des Deutsch-Französischen Kulturinstituts (DFKI), und Wolf Steinsieck, dem Honorarkonsul Frankreichs in Aachen, die zu den ersten Aachenern gehören, die sich ins Kondolenzbuch eintragen. Man hat es ausgelegt, um den Bürgern die Möglichkeit zur Anteilnahme mit den Opfern in Paris zu geben.

Oberbürgermeister Marcel Phi-lipp lässt bei der kurzfristig improvisierten Aktion seine Anteilnahme übermitteln: „Wir trauern um die Opfer des Terroranschlags in Paris, wir verurteilen jede Gewalt und bekennen uns zur Pressefreiheit.“ Steinsieck bedankt sich „im Namen Frankreichs“ für die „sehr tröstliche Solidarität“, während draußen an der Rathausfassade die französische Tricolore und die Aachener Stadtfahne im stürmischen Wind flattern – auf Halbmast und mit Trauerflor. Und auf dem Marktbrunnen steht die Statue von Kaiser Karl und sagt wie Millionen Menschen auf der ganzen Welt: „Je suis Charlie.“ Jedenfalls hat man ihm diesen Solidaritätsspruch per Plakat auf Rücken und Brust geklebt.

„Eine tolle Idee“, sagt Büttgens, „die als Verneigung vor und Gruß an die Opfer gemeint ist.“ Man sei überzeugt, dass dies eine angemessene Form der Anteilnahme sei. Das sieht auch Steinsieck so. „Das ist eine wunderbare Botschaft“, sagt der Honorarkonsul. Diese erhält an diesem Tag auch noch der sorgenvolle Abdurrahman Kol. Ein Bürger habe ihn angerufen und den Aachener Muslimen seine Solidarität ausgesprochen, erzählt er. „Er meinte, dass wir für diese schreckliche Tat ja nichts können. Darüber habe ich mich gefreut.“

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