Ein ganz besonderes Zuhause für Familien auf Zeit

Von: Rauke Xenia Bornefeld
Letzte Aktualisierung:
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Hält die Kapazitäten im Ronald-McDonald-Haus in Aachen für ausreichend: Claudia Berning ist die Leiterin der Einrichtung für Familien von erkrankten Kindern. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Nach außen fällt das Aachener Ronald-McDonald-Haus an der Vaalser Straße durchaus auf: Die blauviolette Fassade mit großen, glitzernden Blumen lässt seit 25 Jahren Fröhlichkeit im Inneren vermuten. Das ist tatsächlich so – obwohl die Bewohner keine leichte Zeit durchleben.

Ihr Sohn oder ihre Tochter, ihr Bruder oder ihre Schwester liegen in der Kinderklinik des Uniklinikums. Sie selbst können mit dem Einzug im Ronald-McDonald-Haus in ihrer Nähe sein und doch hin und wieder Abstand gewinnen, um neue Kraft zu sammeln. „Wenn dem Kind übel und schlecht ist und die Mama müde und genervt, dann ist das keine gute Mischung“, weiß Claudia Berning, die seit 15 Jahren das Aachener Ronald-McDonald-Haus leitet.

Nicht Köln, Hamburg oder Berlin – Kiel und Aachen hießen die ersten deutschen Städte, in denen 1990 und 1991 ein Ronald-McDonald-Haus errichtet wurde. Wie kam es, dass Aachen gleich an zweiter Stelle stand?

Berning: Die Kinderklinik des Uniklinikums hat sich beworben. Der damalige Leiter, Professor Heimann, wollte unbedingt ein Ronald-McDonald-Haus haben. Zusammen mit dem damaligen Oberbürgermeister Jürgen Linden hat er sich sehr engagiert. Es kommt nicht auf die Größe der Stadt an, sondern auf die Größe der Kinderklinik. Aachen hatte damals schon eine große Kinderklinik und außerdem einen weiten Einzugsbereich. Nach Aachen kommen Kinder nicht nur aus der ganzen Region, sondern aus ganz Deutschland und auch aus anderen Ländern. Die Verbindungen in die Niederlande und nach Belgien sind eng.

Was genau verbirgt sich hinter der Fassade mit den glitzernden Blumen?

Berning: Es ist ein Zuhause auf Zeit für Familien, deren Kinder im Uniklinikum behandelt werden müssen.

Wahrscheinlich nicht eine Woche, sondern länger.

Berning: Das ist durchaus unterschiedlich. Manche Kinder kommen zu einer ambulanten Behandlung. Die Anreise ist so lang, dass eine Heimfahrt am gleichen Tag nicht möglich wäre. Diese Familien bleiben dann nur eine Nacht. Andere haben nach einer Operation einen Krankenhausaufenthalt von drei oder vier Tagen. Im Ronald-McDonald-Haus können die Familien in der Nähe der Kinder wohnen und sie regelmäßig besuchen. Hauptsächlich beherbergen wir Familien von onkologischen oder chronisch kranken Kindern, die immer wieder kommen oder sehr lange da sind. Und von Frühgeborenen, die über Wochen und Monate im Krankenhaus bleiben müssen, für die der Kontakt zu den Eltern aber entscheidend für den Genesungsprozess ist.

Wie lange leiten Sie jetzt das Haus?

Berning: Vor 18 Jahren habe ich nach dem Studium als Jahrespraktikantin bei der McDonald’s-Kinderhilfe-Stiftung anfangen. Die Leitung des Aachener Hauses habe ich ungefähr vor 15 Jahren übernommen.

Richtig nah dran am Klinikum ist das „lila Haus“ nicht und mit zwölf Apartments auch nicht besonders groß. Wünschen Sie sich manchmal einen Neubau auf dem Klinikumshügel?

Berning: Wir haben im vergangenen Jahr umgebaut und das hat mir ehrlich gesagt schon gereicht (lacht). Sicher hätte ein Haus auf dem Klinikgelände Vorteile. Aber das ist – ganz ehrlich – nicht mein wichtigster Wunsch. Nicht nur weil es aufwändig und teuer wäre. Unser Haus hat eine ganz besondere familiäre Atmosphäre. Es ist gemütlich, die Eltern fühlen sich hier wohl. Und eine gewisse Entfernung ist nicht immer das schlechteste. Die Eltern können nach dem Tag im Klinikum ein paar Schritte gehen, können ein bisschen abschalten. Für viele neu ankommende Mütter ist das erst einmal eine schwierige Vorstellung. Mit der Zeit leben sie sich ein und freuen sich über den Austausch mit anderen betroffenen Familien. Und wir haben gute Wege gefunden, den Eltern die Entfernung leichter zu machen: Sie können mit dem Taxi fahren, wir stellen Fahrräder oder ein Busticket zur Verfügung. Und für viele ist der Fußweg von acht oder neun Minuten – weiter ist es tatsächlich nicht – eine Möglichkeit zum „Luftholen“.

Wer bezahlt Taxi oder Bus?

Berning: Das können wir über Spendengelder finanzieren.

250 Familien beherbergen Sie durchschnittlich im Jahr. Entspricht das ungefähr der Nachfrage?

Berning: In der Regel schon. Wir haben Phasen, in denen alle Apartments im Ronald-McDonald- Haus belegt sind. Aber dann sprechen wir uns immer sehr gut mit der Kinderklinik des Uniklinikums ab. Die entscheidet, wer bei uns wohnt. Für die Entscheidung werden verschiedene Kriterien zu Rate gezogen: Wo wohnt die Familie? Hat sie ein Auto? Wie geht es dem Kind? Wie geht es den Eltern? Die Warteliste ist aber eher die Ausnahme. Außer auf der Kinderintensivstation und der Früh- und Neugeborenenstation haben die Eltern ja auch die Möglichkeit, im Zimmer des Kindes zu übernachten – bis bei uns nach kurzer Zeit wieder ein Zimmer frei ist. Kein Kind bleibt allein! Unsere zwölf Apartments sind ausreichend.

Wie ist das denn für die Kinder, wenn die Eltern nachts nicht im Klinikum sind?

Berning: Das müssen Sie eigentlich die Kinder fragen (lacht). Ich glaube, das Kind hat – in den Phasen, in denen es wach ist – ein Recht auf ausgeruhte, stabile Eltern. Natürlich kann man einige Tage im Krankenhaus schlafen. Viele Eltern tun dies. Auf Dauer ist es aber sehr anstrengend. Man muss auch bedenken, dass es zuhause weiter geht – ohne Unterstützung der Schwestern. Auch dafür sollte man sich eine kleine Kraftreserve aufsparen. Das muss man dem Kind zu Liebe im Blick behalten. Deshalb schicke ich manche Mutter zum Friseur oder in die Stadt oder abends in die Carolus-Therme, die uns immer sehr lieb Gutscheine zur Verfügung stellt. Ab und zu brauchen sie diese Auszeit – auch um dem Kind mal wieder etwas Neues erzählen zu können. Wenn dem Kind übel und schlecht ist und die Mama müde und genervt, dann ist das keine gute Mischung. Letztendlich soll jede Familie ihre eigene Entscheidung treffen, wir machen da natürlich keine Vorschriften.

 

Wie fangen Sie denn hier die Belastungen für die Eltern und besonders auch für die Geschwisterkinder auf?

Berning: Ich glaube, das Haus tut das. Natürlich auch unser ehrenamtliches und hauptamtliches Team. Aber in erster Linie fängt das Ronald-McDonald-Haus die Familien auf. Wenn Sie Geschwisterkinder fragen, werden sie immer begeistert von dem lila Blumenhaus erzählen, in dem sie Urlaub gemacht haben. Viele empfinden das genau so: Sie sind nicht getrennt von Mama und Papa, sie sind in einer normalen Umgebung, sie werden ein bisschen verwöhnt, sie sind nicht ausgeschlossen, sie sehen, dass es Mama und Papa gut geht, sie dürfen das kranke Geschwisterkind womöglich besuchen. Im Ronald McDonald-Haus kann der normale Familienalltag stattfinden. Es wird zusammen gegessen und gespielt. Man lernt andere Familien kennen und es entstehen Freundschaften. Die Familien genießen gemeinsame Verwöhnangebote – dienstags wird gemeinsam gefrühstückt und donnerstags gibt es ein leckeres Abendessen. All das bietet dieses Haus. Die psychologische Betreuung der Familien übernehmen geschulte Fachkräfte im Klinikum. Hier wirkt die Gemeinschaft.

Wie eng ist die Zusammenarbeit mit der Kinderklinik?

Berning: Sehr eng. Wir stehen täglich im Kontakt – nicht nur, um die Anzahl der freien Apartments mitzuteilen. Wir tauschen uns auch regelmäßig mit Schwestern, Sozialarbeitern und Psychologen aus.

Arbeiten Sie auch mit anderen Institutionen in Aachen zusammen?

Berning: Da sind wir natürlich vernetzt – mit Vereinen wie die für krebskranke Kinder, schwerkranke Kinder, Bunter Kreis und alle anderen. Wir sind sehr interessiert daran, was sie machen und umgekehrt genauso.

180 000 Euro Betriebskosten kommen jedes Jahr für das Aachener Ronald-McDonald-Haus zusammen. Wieviel davon müssen Sie aus Spendengeldern finanzieren?

Berning: 100 000 Euro sollten es schon jedes Jahr sein. Zusätzlich bekommen wir pro Nacht und belegtes Zimmer 22,50 Euro von den Krankenkassen. Im vergangenen Jahr haben wir 128 000 Euro Spenden zusammen bekommen. Das war sehr schön. Wir mussten aber auch einen Umbau finanzieren. Man merkt jetzt, dass dieses Haus 25 Jahre alt ist. Vor zehn Jahren haben wir grundrenoviert und neu eingerichtet. Vor zwei Jahren haben wir eine neue Heizung bekommen. Aber es ist unser Grundstock zum Wohlfühlen.

Wo kommt das Geld her?

Berning: Es gibt viele Möglichkeiten, uns zu unterstützen: Das Firmenjubiläum, die Familienfeier, Kondolenzspenden. Mit einer Patenschaft übernimmt der Spender zum Beispiel die Betriebskosten für ein Apartment hier im Ronald-McDonald-Haus. Wir vergeben auch Patenschaften für Taxifahrten zum Klinikum und für unsere Verwöhnangebote. Firmen und Vereine engagieren sich ebenso wie Privatpersonen. Familien, die hier gewohnt haben, unterstützen ihr Haus mit Spenden. Mittlerweile – nach 25 Jahren – werden wir auch von ehemaligen kleinen Patienten unterstützt, die als Kind im Klinikum behandelt wurden und deren Eltern hier gewohnt haben. Sie haben den Bezug zum Haus behalten und sind sehr dankbar. Das finde ich sehr rührend. Die McDonald’s-Kinderhilfe-Stiftung baut und betreibt die Ronald-McDonald-Häuser. In Deutschland gibt es 22. Das kann nur gelingen, wenn jedes Haus mit Spenden unterstützt wird. Deshalb ist es mir ein Anliegen, möglichst viel Spendengeld in der Region einzuwerben. Weit darüber hinaus kann ich nicht gehen, weil dann schon die Häuser in Köln und St. Augustin kommen und auf der anderen Seite der Grenze das Ronald-McDonald-Haus in Maastricht.

Die ehemalige Hochspringerin Heike Meier-Henkel hilft Ihnen als Schirmherrin beim Spendensammeln. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Berning: Heike Meier-Henkel ist schon so lange ganz selbstverständlich an unserer Seite, dass ich mich an den konkreten Anlass gar nicht mehr erinnere. Sie engagiert sich sehr für ihr Ronald-McDonald-Haus. Sie kommt zu vielen Festen und Veranstaltungen und freut sich immer, wenn die Kinder dann hier toben und sich offensichtlich wohlfühlen. Ihr Haus liegt ihr spürbar am Herzen.

Aber Sie können sich auf ehrenamtliches Engagement verlassen...

Berning: Ja, zurzeit helfen uns 25 ehrenamtliche Mitarbeiter.

Welche Aufgaben übernehmen denn die Ehrenamtlichen?

Berning: Auch hier gibt es viele Möglichkeiten zu helfen. Manche schenken uns in der Woche drei Stunden ihrer Zeit, in der sie alles machen, was gerade anfällt: Von hauswirtschaftlichen Tätigkeiten, zum Beispiel das Herrichten eines Apartments für eine neue Familie, über das Erledigen von Einkäufen, Dekorationen bis hin zu Gartenarbeiten ist alles dabei, was in einem großen Haushalt anfällt. In der Regel ist das Büro von 8 bis 18 Uhr geöffnet. An manchen Tagen verlängern ehrenamtliche Mitarbeiter diese Dienste, um für die Familien da zu sein. Es gibt ehrenamtliche Mitarbeiter, die donnerstagsabends für die Eltern kochen, andere bereiten dienstags ein Frühstück vor. Andere stehen für eine Rufbereitschaft am Wochenende zur Verfügung. Natürlich freuen wir uns auch über weitere Unterstützer – gerne für die wöchentlichen Dienste, aber auch für das Verwöhnfrühstück. Je mehr Menschen im Haus sind, desto schöner ist es für die Familien, weil sie viel Gesprächsbedarf haben.

 

Sie feiern am 25. Februar ihr 25-jähriges Bestehen. Wie und mit wem feiern Sie denn?

Berning: Der Jubiläumsempfang am 25. ist der Startschuss zu einem Jahr des Feierns. Der eigentliche Geburtstag des Hauses ist am 16. Dezember. Aber es gibt tatsächlich viele Personengruppen, mit denen wir feiern wollen. Wir starten mit dem Empfang für die Spender. Geplant ist aber auch noch ein großes Sommerfest für unsere Familien, am 1. November gibt es einen Tag der offenen Tür für alle Interessierten, und natürlich planen wir eine Geburtstagsüberraschung. Wir wollen dieses Jahr nutzen – immerhin ist es erst das zweite Haus, das diesen Geburtstag feiern kann. Darauf sind wir stolz. Vor allem auch, weil wir hier in der Region gut geborgen sind und uns auf viele Kontakte stützen können.

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