Ein Fußballstadion als Fass ohne Boden

Von: Stephan Mohne
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1,8 Millionen Euro Zuschussbedarf: Der Betrieb des Tivoli, den die Stadt vor fast einem Jahr zum symbolischen Kaufpreis von einem Euro übernommen hat, ist eine kostspielige Angelegenheit. Vieles in dem erst sieben Jahre alten Stadion ist bereits marode und sanierungsbedürftig.
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Nur ein Beispiel von vielen: Die Pflasterung des riesigen Stadionumlaufs ist stellenweise bereits kaputt. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Kaum eine Stadt in Deutschland kann sich damit rühmen, einen 32.000-Zuschauer-Fußballtempel in Eigenregie zu betreiben. Andersherum könnte man sagen: Kaum eine Stadt in Deutschland dürfte so etwas auf ihrer Wunschliste haben.

Erstens schon gar nicht, wenn der Hauptnutzer in der 4. Liga kickt und kaum Miete zahlen kann. Zweitens schon gar nicht, wenn die Stadt jedes Jahr Millionen aus ihrem ohnedies klammen Haushalt für den Eigenbetrieb des Stadions zuschießen muss. Drittens schon gar nicht, wenn die erst wenige Jahre alte, knapp 50 Millionen Euro teure „Spezialimmobilie“ in Teilen bereits arg sanierungsbedürftig ist und sich dadurch noch unkalkulierbare weitere Kosten ergeben könnten.

Insofern hat die Stadt Aachen weithin ein Alleinstellungsmerkmal, das man sicher lieber nicht hätte. Denn freiwillig ist die Stadt nicht in diese Situation geraten, die auf unabsehbare Zeit finanziell schwer auf ihren Schultern lasten wird. In diesem Jahr muss die Kämmerin voraussichtlich 1,8 Millionen Euro an die Tochter „Aachener Stadionbeteiligungsgesellschaft“ (ASB) überweisen, die seit der Übernahme vor fast einem Jahr zum Kaufpreis von einem Euro das Stadion mit allem Drum und Dran betreibt.

In den Strudel geraten

Zum Verständnis noch einmal der Rückblick: Gerade einmal ein halbes Jahr nach dem ersten Spiel im neuen Tivoli – damals noch in Liga 2 – wurde die Alemannia, die das Stadion in Eigenregie und -finanzierung gebaut hatte, bei der Stadt vorstellig. Dies, weil der Klub schon damals – auch wegen der Zahlungsverpflichtungen aus dem Stadionbau – finanziell an die Grenze gekommen war. Zähne-knirschend stimmte der Stadtrat einer Bürgschaft über drei Millionen Euro zu.

Im Frühjahr 2012 hatte sich die Situation derart verschärft, dass die Stadt nun auch noch einer Umschuldung der Kredite zum Stadionbau zustimmte. Aus diesem Grund wurde die ASB ursprünglich gegründet. Nochmals acht Monate später war die Alemannia vollends pleite, schlitterte ins Insolvenzverfahren und landete schließlich in der Regionalliga. Während die Stadt da schon die Stadionkredite abbezahlte, hatte die Alemannia auch kein Geld mehr, um die laufenden Kosten für das Großgebäude aufzubringen. Unter dem Strich stand die Stadt, die von der Bürgschaft bis zur Umschuldung immer tiefer in den Alemannia-Pleitestrudel hineingezogen worden war, nun vor der Wahl zwischen Pest und Cholera.

Variante 1: Ein Investor kauft das Stadion aus der Insolvenzmasse der einstigen „Alemannia Stadion GmbH“ heraus und verwirklicht dort eigene Pläne. Das hätte der Stadt die Folgekosten erspart, aber die Kredite hätte man zur Freude des Investors dennoch bis zum bitteren Ende abbezahlen müssen. Variante 2: Die Stadt kauft das Stadion selber, kommt für die Folgekosten auf, kann aber auch die Vermietung der Immobilie selber steuern und hoffen, dass Phönix Alemannia irgendwann wieder aus der Asche aufsteigt, um dann vom Klub eine satte Miete kassieren zu können.

Welche Variante gewählt wurde, wissen wir. Auch wissen wir, dass Alemannia vom Profifußball zumindest im Moment meilenweit entfernt ist. Mit einem Blick in den Wirtschaftsplan der ASB wissen wir indes auch, dass „die Gewährleistung eines Stadionbetriebs im Rahmen der Förderung sozialer und kultureller Betreuung der Einwohner der Stadt Aachen“ – so lautet ohne Witz der „Unternehmensgegenstand“ der ASB – die Stadt eine ganze Menge Geld kostet. So geht der Wirtschaftsplan der GmbH davon aus, dass die Aufwendungen bei knapp über drei Millionen Euro liegen.

Im Gegenzug sollen Erträge von fast 800.000 Euro in die Kasse fließen – darunter Mieten von Westspiel (Spielcasino), Alemannia, Caterer und Eurogress. Abzüglich noch einiger „nicht zahlungswirksamer“ Positionen, bleiben unter dem Strich jene rund 1,8 Millionen Euro an Defizit, die durch die Stadt auszugleichen sind. Dazu hat sie sich in einer „Patronatserklärung“ verpflichtet. Aktuell ist die maximale Ausgleichssumme auf zwei Millionen Euro festgelegt. Das Jahr 2016 kommt der Prognose zufolge also fast an diese Marke heran. Im ersten Jahr unter städtischen Fittichen, also 2015, betrug der Zuschuss rund 900.000 Euro, weil es zunächst noch ein paar Rücklagen gab, die aber schnell aufgezehrt waren.

Videoüberwachung kaputt

Bitter für die Stadt ist dabei, dass die Alemannia sich einen schönen Neubau hinstellte, schon bald aber andere Probleme hatte, als sich um diesen Neubau vernünftig zu kümmern. Beispiel: die aus Sicherheitsgründen vorgeschriebene Videoüberwachungsanlage. Laut Bericht wurden notwendige Updates des Systems verschludert, es kam zu Defekten – und nun könne die Anlage nicht mehr repariert werden, heißt es. Also muss eine neue her. Kostenpunkt: 130.000 Euro unter anderem für 31 Kameras. Insgesamt gebe es im und am Stadion einen „erheblichen Instandhaltungsstau“, weil Wartungen nicht regelmäßig oder nicht im erforderlichen Maß stattgefunden hätten. Etwa in Sachen Gebäudetechnik, Brandmeldeanlage, akustische Anlagen, Feuerlöschtechnik. Jetzt muss repariert oder umgebaut werden, was mit 330.000 Euro zu Buche schlägt. Ersatzteile und Wartung für die Elektroanlagen sowie jene in den Bereichen Sanitär, Klima, Wasser und Heizung sind mit 247.000 Euro eingeplant. Für die Pflege des Rasens kalkuliert man 60.000 Euro. Alles in allem wird der Aufwand für Wartung, Instandhaltung, Umbau auf 825.000 Euro beziffert. Investitionen soll es 2016 auch geben – rund 200.000 Euro. Darunter der Umbau des Fanshops (120.000 Euro) zur „Optimierung der Einnahmen“.

Außerdem sind Rechtsanwälte und Gutachter für die ASB unterwegs. Dabei geht es vor allem darum, dass man rund zwei Millionen Euro gegenüber dem damaligen Generalbauunternehmer Hellmich, der das Stadion hochzog, wegen rund 50 Baumängeln geltend macht. Das entsprechende Gerichtsverfahren läuft derzeit, die Kontrahenten stehen sich bisher unversöhnlich gegenüber. Ausgang vollkommen offen. Zu diesen Mängeln gehört der bereits von massiven Schäden gekennzeichnete Stadionumlauf. Dazu gehört auch der Tunnel in den Fanblock auswärtiger Fans.

Weil es dort bei Regen massiven Wassereinbruch gibt, wird der Tunnel auch „Gästedusche“ genannt. Und zu diesen Mängeln gehört vor allem die Dachkonstruktion, bei der im Regenfall Wasser über- und in innere Stadionbereiche läuft, was teils zu erheblicher Schimmelbildung geführt hat. In Sachen Dach geht es auch darum, ob es gegenüber ursprünglichen Plänen zu kurz gebaut wurde, weswegen die Zuschauer in den ersten Sitzreihen bei Regen gepaart mit Wind pitschnass werden. Das juristische Verfahren verursacht ebenfalls Kosten im sechsstelligen Bereich.

Unwägbarkeiten

Das Dach sowie die anderen Baumängel sind Gründe dafür, warum es in der Finanzplanung der ASB Unwägbarkeiten gibt. Die bis dato nicht genau berechneten Reparaturkosten sind noch gar nicht im Plan vorhanden. Der Ausgang vor Gericht wird also eine gewichtige Rolle dabei spielen, wie hoch das Defizit der ASB in den kommenden Jahren tatsächlich ausfällt. Kalkuliert sind seitens der ASB derzeit Summen zwischen rund 1,3 und 1,5 Millionen Euro. Was ja schon genug wäre und das Aachener Alleinstellungsmerkmal „Betrieb eines Fußballstadions“ zum zweifelhaften „Vergnügen“ macht.

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