Aachen - Ein Fiasko, das sich nicht wiederholen soll

Ein Fiasko, das sich nicht wiederholen soll

Von: Stephan Mohne
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Erst musste das Chaos ausbrechen, jetzt wird gehandelt: Beim Bürgerservice – hier am Bahnhofplatz – sollen Zustände wie in den vergangenen Wochen nicht mehr vorkommen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. In einem Punkt sind sich Politik und Verwaltung absolut einig. Ein solches Fiasko, wie es sich in den vergangenen Wochen im Bürgerservice abgespielt hat, darf sich nicht wiederholen. Doch schnell ging es im Personal- und Verwaltungsausschuss aufgrund dieser Ereignisse auch ums Generelle – um Personalmangel, Wiederbesetzungssperre, Konzepte.

Doch zunächst einmal war es an Berthold Hammers als Fachbereichsleiter für Personal und Organisation zu erklären, wie es überhaupt dazu kommen konnte, dass der Bürgerservice am Katschhof geschlossen werden musste und daraufhin in der Stelle am Bahnhofplatz das Chaos ausbrach.

Es seien „kumulierende dezimierende Personalfaktoren“ zusammenkommen, erläuterte er. Und meinte damit: Bei rund 30 Vollzeitstellen im Bürgerservice gibt es drei Langzeitkranke, hinzu kamen mehrere Kurzzeitkranke und dann auch noch „Osterurlauber“. Fünf Mitarbeiter wollten nicht mehr und bewarben sich auf andere Stellen, drei sind schon weg.

Ziel: Maximal 30 Minuten

Dafür platzierte man drei Auszubildende dort, die aber rasch wieder weg waren, weil sie sich auf ihre Abschlussprüfungen vorbereiten müssen. Auf eine interne Stellenausschreibung gab es genau eine einzige Bewerbung – was die Politik als Zeichen dafür wertet, welchen Beliebtheitsgrad der Bürgerservice derzeit ganz im Gegensatz zu früher als Arbeitsplatz hat.

Unter dem Strich fanden sich laut Hammers kaum noch Leute, die die Nachmittagssprechzeiten hätten bedienen können. Die Wartezeiten für die Bürger – das Ziel der Verwaltung liegt bei maximal 30 Minuten – explodierten auf mehrere Stunden.

Als das Chaos perfekt war, reagierte die Verwaltung. Zwei Wechsel von Mitarbeitern seien verschoben worden, besagte Nachwuchskräfte sollen bald wieder da sein und drei weitere noch dazu. Außerdem soll es möglicherweise externe Stellenausschreibungen geben. Eine „auskömmliche Situation“ gebe es noch nicht, man hoffe aber, dass sich die Lage „in wenigen Monaten“ entspanne.

Die „nicht auskömmliche Situation“ untermauerte Bürgeramtsleiter Marcell Raschke mit dem Hinweis, man stecke weiterhin im „Krisenmanagement“. Die verbliebenen Mitarbeiter seien in einer „schwierigen psychologischen Situation“. Denn sie bekämen die volle Ladung Ärger der Bürger ab.

Raschke schilderte, dass seine Leute von einigen Zeitgenossen übelst angepöbelt würden. Das sei so schlimm, dass sich die Mitarbeiter nicht einmal mehr trauten, durch die Reihen der Wartenden zu gehen, um sich etwas zu essen zu holen.

„Das reichen sich die Leute jetzt durch die Fenster“, so Raschke. Dezernent Lothar Barth appellierte indes an die Bürger, die Onlineangebote sowie die sechs Bezirksämter zu nutzen, schließlich könne jeder zu jedem Amt gehen. Dass die Situation derart aus dem Ruder laufe, sei bei der Januarsitzung des Ausschusses noch nicht absehbar gewesen. Damals war der Politik noch mitgeteilt worden, man habe alles im Griff.

Besagte Politik sieht das mittlerweile allerdings völlig anders. „Dass dann angeblich plötzlich alles zusammenbricht, halte ich für fragwürdig“, sagte Ellen Begolli (Die Linke). Und auch Michael Servos (SPD) glaubt nicht, „dass das aus heiterem Himmel gekommen ist“. Die SPD fordert, dass es nun eine eingehende Analyse – etwa in der Frage, warum derzeit so viele Mitarbeiter wechseln wollen – nebst Konzept zur Besserung und Kostenaufstellungen gibt. Und der Bürgerservice wird da mittlerweile nur als Spitze des Eisbergs gesehen. Man könne „fast schon froh sein über die Krise“, sagte Sigrid Moselage (FDP), denn nun lägen die Dinge offen auf dem Tisch.

Ein Regal als Fluchtweg

Die Grünen hatten zudem ein weiteres Thema aufgegriffen, das der Ausschuss im Januar noch vertagt hatte: den dringend nötigen Umbau am Bahnhofplatz. Laut Helmut Ludwig soll dabei auch eine Erweiterung der Räume in den Bistrobereich geprüft werden. Personalratsvorsitzende Karola Hoch bekundete, dass ihr Schilderungen der dortigen Mitarbeiter „die Schuhe ausgezogen“ hätten – etwa im Fall eines „Fluchtweges“ in Form eines Regals, über das die Leute im Notfall in Richtung eines Fensters klettern sollen, aus dem sie dann ins Freie springen müssen.

Das hat auch die Unfallkasse moniert. Barth versprach hier ebenso rasche Abhilfe wie bei der Lüftungsanlage, die permanent Kaltluft auf die Mitarbeiter bläst. Begolli und Moselage gingen noch weiter und machten auch Fehlplanungen beim Bürgerservice Katschhof aus, wo die beengten Räume keine Rückzugsmöglichkeiten für Mitarbeiter böten.

Die Wiederbesetzungssperre von einem halben Jahr für frei werdende Stellen, die vor vier Jahren als Sparmaßnahme eingeführt wurde, trifft – auch das ein Ergebnis der Bürgerservice-Misere – nun auf einhellige Kritik und wird wohl bald abgeschafft. Für die CDU meinte Arno Gerets: „Die Sperre ist ein Fehler in sich. Das kann nicht funktionieren.“ So wird man sich demnächst wohl über neue Modelle unterhalten. Derzeit ist die Verwaltung jedenfalls ein Verschiebebahnhof, bei dem man notdürftig versucht, Löcher zu stopfen.

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