Ein Faustschlag ins Gesicht ist keine Gewalttat!

Von: Robert Esser
Letzte Aktualisierung:
Kriminalstatistik 2016 Aachen
So lange statistisch fast nur gefährliche und schwere Körperverletzung zählt, ist in der Stadt Aachen die Zahl der sogenannten Gewaltdelikte rückläufig ist.

Aachen. Wenn jemand seinem Opfer so brutal ins Gesicht prügelt, dass dessen Kiefer bricht, wird der Fall in der Kriminalstatistik nicht als Gewaltdelikt geführt. Denn dies zählt – weil der Einsatz von „Hilfsmitteln“ wie Schlagring oder Messer sowie die Amputation von Gliedmaßen (gefährliche und schwere Körperverletzung) fehlt – nur als „leichte Körperverletzung“. Und die zählt nicht mit.

Das muss man wissen, wenn es um die Einordnung statistischer Daten der Polizeibehörden geht. 1581 solcher Fälle von der Backpfeife bis zum Kopfstoß verzeichnet die aktuelle Kriminalstatistik für das Jahr 2016 in Aachen – 11,5 Prozent mehr als im Vorjahr 2015.

Wegen dieses landesweit üblichen statistischen Kniffs ist es dem Aachener Polizeipräsidenten Dirk Weinspach nicht vorzuwerfen, wenn er sich darüber freut, dass gerade in der Stadt Aachen die Zahl der sogenannten Gewaltdelikte rückläufig ist – so lange statistisch fast nur gefährliche und schwere Körperverletzung zählt. 1129 solcher Gewalttaten weist seine Datenbank aus – 3,5 Prozent weniger als 2015.

Und weil sich die Zahl der Handtaschenraube von 28 auf 13 reduziert hat und mit 222 Fällen 7,8 Prozent weniger Straßenraube aktenkundig wurden, darf Weinspach feststellen: „In allen relevanten Bereichen, die das Sicherheitsgefühl der Bürger beeinträchtigen, verzeichnen wir Rückgänge.“

Die Straßenkriminalität sei von 9099 auf 8798 Fälle gefallen – minus 3,3 Prozent. Der Polizeichef konstatiert: „Man kann sich auf der Straße sicher fühlen.“ Bloß die Zahl der Taschendiebstähle ist explodiert: 1328 Fälle, gut 25 Prozent mehr. „Die negative Entwicklung beim Taschendiebstahl ist überwiegend auf südosteuropäische und nordafrikanische Diebesbanden zurückzuführen“, sagt Weinspach. Die Aufklärungsquote liegt unter sechs Prozent.

So passt auch der Bereich „Einbruchdiebstahl“ nur zum Teil ins Konzept: 109 Einbrüche in Gaststätten bedeuten minus 15 Prozent. 964 Wohnungseinbrüche sind elf Prozent weniger als 2015. Bloß: 299 Geschäftseinbrüche (plus 43 Prozent) und 1227 Kellereinbrüche (plus 54 Prozent) trüben das Bild.

Die Aufklärungsquote liegt zwischen zwei und 17 Prozent – wobei bei der Polizei ein Fall schon als aufgeklärt gilt, wenn ein Tatverdächtiger ausgemacht wurde. Nach einer kriminologischen Studie für das Jahr 2014 wurden in NRW allerdings nur 1,76 Prozent aller Einbrecher vor einem Gericht verurteilt. In Aachen sei die Verurteilungsquote weit höher, heißt es.

Weinspach feiert die gesunkene Zahl der Wohnungseinbrüche als Erfolg polizeilicher Arbeit, obwohl gleichzeitig immer mehr Einbruchsversuche festgestellt werden. Dies zeigt laut Stephan Wey, Leiter der Direktion Kriminalität: „Die technische Prävention wirkt.“ Mit anderen Worten: Weniger die Polizei auf der Straße als vielmehr der Privatmann mit verschärften Einbruchschutzsystemen sorgt für weniger Wohnungseinbrüche.

Weiterhin weist die Kriminalstatistik einen Mord und zehn (versuchte) Totschlagsfälle auf. 38 Vergewaltigungen zählte die Polizei, 15 mehr als 2015. „Bis auf zwei Fälle kamen die Täter immer aus dem familiären Kreis“, erläutert Weinspach. Mit 31 Fällen gegenüber 21 taucht auch sexueller Missbrauch von Kindern deutlich häufiger in der Statistik auf. Beiden Deliktbereichen werden – über bekanntgewordene Straftaten hinaus – hohe Dunkelziffern zugeordnet. Deswegen sind hier Steigerungsraten unter Vorbehalt zu bewerten.

Fast schon erfreulich: der leichte Rückgang von Kfz-Diebstählen um 3,8 Prozent auf 631 geklaute Autos. Auffällig hingegen ist, dass nur noch 219 Motorräder und Mofas gestohlen wurden – ein Rückgang um fast die Hälfte. Immerhin knapp zehn Prozent weniger Fahrraddiebstähle wurden in Aachen zur Anzeige gebracht: 2098. Apropos Anzeige: Knapp sechs Prozent mehr Sachbeschädigungen (2250), 32 Prozent mehr Rauschgiftdelikte (1771) und 13 Prozent mehr Computerdelikte (440) zählt Aachen.

Vor allem wegen sinkender Betrugsfälle darf das Präsidium letztlich eine positive statistische Bilanz ziehen: Insgesamt wurden 2016 exakt 31 835 Straftaten aktenkundig – 4,3 Prozent weniger als im Vorjahr. Gleichzeitig sank auch die Aufklärungsquote auf 48,5 Prozent. Kommentar

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