Ein alter Bunker als Publikumsmagnet

Von: Carolin Kruff
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Prachtvolles Prunkstück: ein vollkommen denkmalgeschützter Flur im „actimonda“-Gebäude an der Hüttenstraße. Foto: Andreas Herrmann
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Großer Andrang im Musikbunker: Denkmalpfleger Lutz Henning Meyer führte hunderte Besucher durch das Weltkriegsrelikt. Foto: Andreas Herrmann

Aachen. Ein imposantes rotes Backsteingebäude – nicht hässlich, aber auch nicht besonders auffällig. Was sich wohl hinter den Gemäuern verbirgt? Seit gut einem Jahr beheimatet das 1878 errichtete Direktionsgebäude des damaligen Stahlwerks „Aachener Hütten-Aktien-Verein Rothe Erde“ an der Hüttenstraße die „actimonda krankenkasse“, die vorher auf dem Prym-Gelände in Stolberg ansässig war.

Hier treffen zwei alte Damen aufeinander: Die „actimonda krankenkasse“ wurde ungefähr zur selben Zeit gegründet, in der das Direktionsgebäude erbaut wurde, nämlich 1884 unter dem Namen Fabrik-Krankenkasse William Prym in Stolberg.

Viele Aachener folgten am „Tag des offenen Denkmals“ der Einladung, das historische Gebäude einmal genauer unter die Lupe zu nehmen – die Führung durch die Räumlichkeiten übernahm „actimonda“-Vorstand Josef Alt persönlich. Er hat das Gebäude noch vor der Kernsanierung gesehen. Als Peter Caspar-Bours vor einigen Jahren das Gebäude erwarb, sah es hier noch ganz anders aus. Für ihn stand jedoch von Anfang an fest, die industrielle Historie, die dieses Haus erzählt, mit moderner Baukunst zu verbinden.

Für Caspar-Bours eine Herzensangelegenheit: Sein Großvater war bereits in dem ehemaligen Stahlwerk tätig. Dieses umfasste ein riesiges Areal, angrenzende Grundstücke, auf denen sich heute Unternehmen wie Continental oder Philipps befinden, gehörten dazu. „Man kann sagen, dass es hier vor 100 Jahren aussah wie im Ruhrgebiet“, so Alt. Im Laufe der Renovierungsaktion wurde nicht nur das ehemalige Direktionsbüro von Adolf Kierdorf aus dem 19. Jahrhundert mit prunkvoller Kassettenstuckdecke, aufwändigem Holzschnitt und Originalboden restauriert, auch die ursprünglichen Etagen-Toiletten wurden als „Zeitzeugen“ erhalten.

Das absolute Prunkstück ist jedoch ein vollständig denkmalgeschützter Flur, der mit einer Raumhöhe von 5,80 Meter, raffinierten Holzverzierungen und wunderschöner Kachelung beeindruckt. Der Clou ist ein Glasdach, das den Raum in helles Tageslicht taucht. Zudem besteht ein Teil des Bodens wiederum aus Glas, so dass auch die darunter liegende Etage beleuchtet wird. „Diese Lichttechnik ohne Strom ist faszinierend und kommt in Aachen nur in diesem Gebäude zum Einsatz“, erzählt Alt.

Auch das Grashaus am Fischmarkt öffnet am Denkmaltag seine Tore. Von außen scheint alles wie immer, im Inneren bietet sich ein ungewöhnliches Bild. Denn das Stadtarchiv, das dort seit dem Ende des 19. Jahrhunderts beheimatet war, ist in den Reichsweg umgezogen. Wo sonst Akten, Urkunden, Dokumente und Fotos aufbewahrt wurden, stehen nun alle Zeichen auf Baustelle – was bei einem denkmalgeschützten Haus keine einfache Sache ist. Lediglich einige kostbare Schränke und Vitrinen im Urkundensaal versprühen noch einen Hauch von Eleganz. „Wir möchten hier in einigen Räumen die übermalte Schablonenmalerei wieder offen legen, im ehemaligen Lesesaal werden historische Säulen, die eingemauert wurden, wieder freigelegt. Heute erleben die Besucher hier hautnah Denkmalschutz“, erklärt Isabel Maier von der Denkmalpflege der Stadt.

Grashaus bald „Station Europa“

Bis zum nächsten Jahr soll sich im Grashaus einiges tun: Das erste Rathaus Aachens, das im 13. Jahrhundert erbaut wurde, dient ab Herbst 2014 als Station „Europa“ der Route Charlemagne. Dann entstehen in der ehemaligen Kapelle und im ersten Obergeschoss „Europäische Klassenzimmer“, in denen Jugendliche die europäische Geschichte erleben können. Aber auch „Europe Direct“ und die Karlspreisstiftung werden im Grashaus ihre Büros beziehen.

Publikumsmagnet des Denkmaltags, der unter dem Motto „Jenseits des Guten und Schönen: Unbequeme Denkmale?“ zu 36 Stationen einlud, war jedoch der Musikbunker im Frankenberger Viertel. Hunderte Besucher warteten vor dem 1941 errichteten Betonklotz, um sich von Denkmalpfleger Dr. Lutz Henning Meyer, der sich maßgeblich für die Aufnahme des Bunkers in die Liste der Aachener Denkmäler eingesetzt hat, ins Innere führen zu lassen. Ein unfreiwillig realistisches Bild: Ungefähr so muss es ausgesehen haben, als im Zweiten Weltkrieg die Menschenmassen zum Zivilschutzbunker in der Goffartstraße strömten, um sich vor dem Bombenhagel in Sicherheit zu bringen.

Mittlerweile ist auch der Bunker in einer anderen Zeit angekommen – im „Musikbunker“ finden Partys statt, einige Zellen dienen als Probenräume. Beschönigt wird hier aber auch heute nichts: Eine bedrückende Atmosphäre, düstere Zick-Zack-Gänge, Wegweiser aus Phosphorfarbe, alte Kohleöfen und imposante Ventilatoren für die Belüftung sind stille Zeugen des Zweiten Weltkriegs, die nicht vergessen lassen, was damals passiert ist. Dennoch: An diesem Ort wurden Menschenleben gerettet, rund 2000 Personen konnten hier unterkommen.

In der Nachkriegszeit diente der Bunker vielen Menschen, die Hab‘ und Gut verloren hatten, als Unterschlupf. Wie sich die Menschen damals im Bunker gefühlt haben mussten, konnten die Besucher am eigenen Leib erfahren. Dazu inszenierte Meyer während der Führung den Ausfall eines Notstromaggregats. Nur anhand der Phosphorzeichen konnten sich die Besucher orientieren, um schließlich wieder das ersehnte Tageslicht zu erreichen.

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