Ein Abend wie Weihnachten!

Von: Marc Wahnemühl
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Ziemlich beste Freunde: Heinz Grosjean (Uwe Brandt, links) und Willi Hermanns (Bernd Büttgens) stoßen auf ihre ganz spezielle Weihnachtsfeier in skurrilem Ambiente an. Foto: Andreas Steindl

Aachen/Teuven. Wenn Uwe Brandt, Intendant des Grenzlandtheaters, und Bernd Büttgens, stellvertretender Chefredakteur unserer Zeitung, einen gemeinsamen Theaterabend ankündigen, ist die Erwartungshaltung groß. Diesmal haben sie sogar die Grenzen Aachens verlassen und nach Ostbelgien, genauer: nach Teuven, genauer: ins Café Modern, genauer: in den Saal Patria neben jenem Café gerufen, um Heinz Grosjean (Brandt) und Willi Hermanns (Büttgens) in „Oes, du Fröhliche!“ Weihnachten feiern zu lassen.

Wo, wenn nicht in der ostbelgischen Walachei, kann es einen Ort geben wie den Saal Patria? Eine Kulisse aus den 60er Jahren – Zeit stehen geblieben. Wo man sich noch zweimal anstellen muss, erst fürs Wertmärkchen, dann fürs Bier. Wo 200 Zuschauer sich angenehm drängen und Stimmung für gefühlte 2000 machen.

So wird aus dem Auswärtsspiel in Ostbelgien ein Öcher Heimspiel. Die Zuschauer erwarten zwei exzellente Theaterabende voller Aachenostalgie mit guter alter Schauspiel-Handwerkskunst. Das Bühnenbild: ein Wohnzimmer in Brauntönen, Röhrenradio, Telefon mit Drehscheibe. Die Protagonisten: Willi Hermanns, Sedanstraße, arbeitet bei der Friedhofsgärtnerei und hat Stress, weil vor Weihnachten die Leute so viel sterben. Heinz Grosjean, Steinkaulplatz 14, ist im Aachener Katasteramt beschäftigt, wo es auch rundgeht; beiden sind die Frauen verstorben, Großjean seine Hilde, Hermanns die Mutter.

Zehn Tage vor Heiligabend kommen, seit 24 Jahren, Heinz und Willi zusammen, um mal bei diesem, mal bei jenem, „d’r Boum“ aufzustellen, zu schmücken, den Wiederaufbau der Krippe zu begehen und „zur Mannschaftsaufstellung“ zu kommen: Maria, Josef, die Heiligen drei Könige, ein Stall voller Tiere inklusive Eisbär und Jeep des Hirten. Die Nordmanntanne, ein in seiner Pisseligkeit prächtiges Herz-Jesu-Bäumchen, sorgt für begeisterte Lacher, ebenso wie die zahlreichen Momente mitten aus dem Aachener Leben und der Öcher Seele, die Brandt und Büttgens auf die Bühne bringen. Wenn die Alemannia-Weihnachtskugel mit leiderprobt-souveränem Blick schließlich ganz unten am Baum endet. Wenn der „Mann aus dem Laden unten im Haus, dem sein Backofen explodiert ist“, sich als Michael Nobis, Chef der gleichnamigen Bäckerei herausstellt, mit dem die beiden angeregt aus dem Backstübchen plaudern und dabei das eine oder andere Gläschen Wiemele (Johannisbeerschnaps) verputzen. Wenn Brandts Heinz in einer unangenehmen Lage einen 1a-peinlich-berührten Blick hervorschämt und Büttgens Willi das so kommentiert: „Wenn ich jetzt Du wäre, dann wär ich lieber ich, das kann ich Dir sagen!“

Ihre beiden Figuren haben die Darsteller aus dem Leben abgeguckt, spielen aber keine Karikaturen, sondern liebenswerte Männer mit typischen Öcher Macken, das Herz immer am rechten Fleck, oft auch auf der Zunge. Heinz und Willi tragen den Abend, doch Brandt und Büttgens wissen, dass Abwechslung und Überraschung dazugehören. Also holen sie sich weitere Gaststars (oder besser Stargäste?) ins winterliche Wohnzimmer. Der „Küns’ler“ von unten wird mit solchem Unterton eingeführt, dass man den langhaarigen brotlosen Tagträumer schon vor dem geistigen Auge hat. Er stellt sich als sympathischer älterer Mann mit Glatze heraus: Manfred Leuchter, gebürtiger Würselener, Aachener Weltbürger und Ausnahme-Akkordeonist.

Mitsingen ist angesagt, Texte aller Lieder – live von „Die Drei“, sprich: Ägid Lennartz, Heinrich Fries und René Brandt gespielt – werden per Beamer eingeblendet. So einfach erzeugt man noch mehr Stimmung. René Brandt, Uwe Brandts Bruder, kommt als dritter Gast als großes Kind Paul Pooetz zu Besuch: „Seit 16 Jahren Sternsinger, vier Jahre Melchior, seitdem immer Balthasar.“

Weihnachtszeit ohne Geschenke? Geht auch bei Heinz und Willi nicht. Willi: „Dieses Jahr schenke ich Dir etwas ganz Persönliches.“ Heinz: „Aber nicht Deine Dauerkarte von der Alemannia.“ Willi: „Was hältst Du von einem Abo fürs Grenzlandtheater?“ Heinz (ganz trocken): „Meinst Du nicht, dass ich da noch ein bisschen jung für bin?“ Dann ist das Ritual vorüber, der Abend zu Ende, Heinz im Mantel auf dem Weg zur Tür. Beide sind sich ihrer Einsamkeit bewusst, über ihre Schatten springen und sich einladen, Heiligabend gemeinsam zu verbringen, schaffen sie nicht. Es ist ein tragisch-komischer Moment, der so gar nicht in diesem wunderbar heiteren Abend passt, weil er bitter und nicht bitter-süß wäre. Aber dann kommt auf der Leinwand per Beamer noch die herzerwärmende Auflösung: Eine Diaschau mit Willi und Heinz im Smoking, nicht nur gemeinsam, sondern sogar mit Nobis, Leuchter und Pooetz feiernd, ein Schnelldurchlauf und eine Verheißung, dass alles gut wird.

Und zum Schluss singen alle zusammen „Oes, du Fröhliche!“. Dass der Reinerlös der beiden Abende dann auch noch dem Café Plattform zugute kommt, passt perfekt. Und am zweiten Abend wird sogar noch ein Weihnachtsbaum von einem Spender aus dem Publikum für 500 Euro zugunsten des Café Plattform ersteigert!

Ein Abend wie Weihnachten als Kind, wenn man mit leuchtenden Augen und strahlendem Herzen die Geschenke betrachtet und es noch schöner war, als man je erwartet hätte.

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