Ein Abend mit Martin Walser im Theater Aachen

Von: Hermann-Josef Delonge
Letzte Aktualisierung:
14237973.jpg
Begegnung mit einem großen deutschen Schriftsteller: Martin Walser im Gespräch mit Chefredakteur Bernd Mathieu. Foto: Andreas Steindl
14237974.jpg
Auf Einladung unserer Zeitung las und diskutierte der fast 90-Jährige im Theater Aachen. Foto: Andreas Steindl
14237976.jpg
Später signierte Schriftsteller Martin Walser ausdauernd seine Bücher. Foto: Andreas Steindl
000007cc5249baa7_ANS-martin-walser-2017-0009.jpg
Walser las aus seinem neuen Roman „Statt etwas oder der letzte Rank“ vor. Foto: Andreas Steindl
000007cc5249baa7_ANS-martin-walser-2017-0013.jpg
Walser sprach anschließend mit Chefredakteur Bernd Mathieu über die Dinge des Lebens. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Am Ende dieses Abends im Theater Aachen, nach gut 90 Minuten, die amüsant, erkenntnisfördernd, nachdenklich und intellektuell herausfordernd zugleich waren und damit genau so, wie die Begegnung mit einem Schriftsteller im besten Fall sein kann, am Ende dieses Abends dreht sich Martin Walser noch einmal um, bevor er hinter dem schweren Vorhang verschwindet, und winkt dem Publikum zu.

Und es scheint, als wolle er mit diesem Winken zugleich den tosenden Applaus beschwichtigen. „Jetzt macht doch nicht so viel Aufhebens“, soll das wohl heißen. „Ich bin doch nur jemand, der Bücher schreibt!“ Man könnte das kokett nennen, denn natürlich ist sich Walser seiner außerordentlichen Stellung bewusst. Am Freitag wird er 90 Jahre alt; wie kein anderer noch lebender Schriftsteller hat er die deutsche Literatur seit Gründung der Bundesrepublik geprägt. Walser ist der literarische Repräsentant einer ganzen Epoche, man könnte ihn fast schon „klassisch“ nennen.

Und: Er hat sich nicht überlebt, er schreibt weiter. Walser ist ein Monument, auch wenn er das gar nicht gerne hören wird. Denn mit den Jahren hat er zu einer Haltung gefunden, die nicht abgehoben ist, aber doch über den Dingen steht, die Wichtiges von Unwichtigem, Oberflächliches von Gültigem trennt. Man spürt das, wenn Walser spricht, man kann das in seiner Literatur entdecken. Dieser Abend vor rund 630 Zuschauern und vor allem -hörern in Aachen, wo Walser auf Einladung unserer Zeitung und in Kooperation mit dem Theater letzte Station macht auf seiner Lesetour durch Deutschland, bietet dazu die perfekte Gelegenheit.

Denn Walser liest, und er spricht. Sein zuletzt veröffentlichtes Buch „Statt etwas oder Der letzte Rank“ ist eine Welt- und Selbsterkundung in 52 Kapiteln, die sich der eindeutigen Zuordnung völlig entzieht. Mit Sicherheit kein Roman, vielleicht „Gedankenlyrik in Prosa“, wie ein Kritiker hilflos geschrieben hat. Ein Buch über Wahrheit und Lüge, Hass und Liebe, nicht frei von Larmoyanz und Egozentrik, aber immer ehrlich.

Walser trägt 45 Minuten lang daraus vor, bewundernswert aufrecht an einem Stehpult und mit offensichtlichem Bedauern darüber, dass das Weinglas vor ihm leer bleibt. Er ist ein geübter Vorleser, schnörkellos, ohne Effekthascherei, mit punktgenauer Betonung. Man hat den Eindruck, er spürt selbst dem Klang und der Bedeutung seiner Wortschöpfungen nach.

Und dann einer der zentralen Sätze des Buchs: „Wenn es dich nicht gegeben hätte, Sprache, dann hätte es mich nicht gegeben.“ Ein Ton, der sich später, im Gespräch mit Chefredakteur Bernd Mathieu, fortsetzt. Da endlich ist das Weinglas gefüllt, zur Überraschung des Mannes vom Bodensee mit seinem Lieblingswein: einem Heida aus dem Wallis, vom höchstgelegenen Weingut Europas. „Es gibt nichts Besseres.“

Und dann wird klar: Für Walser ist alles Sprache, und ohne Sprache nichts. Und der Akt des Schreibens eine Art Selbsterfahrung, die immer in Neuland führt. „Ich schreibe nichts, was ich schon weiß“, sagt er. Und dass bei „Statt etwas oder Der letzte Rank“ nur der erste Satz festgestanden habe: „Mir geht es ein bisschen zu gut.“ Von dort aus habe sich alles wie von selbst entwickelt.

Walser schildert, wie er sich selbst erlebt, wenn er – mit Stift auf Papier – schreibt, wie die aus- und wegschweifenden Gedanken den Weg ins Manuskript finden. Jeder Satz eine Entdeckung, auch für den Schriftsteller selbst. Die Form ergibt sich dann wie von selbst. Bei „Statt etwas“ müsste man eher von Formlosigkeit sprechen. „Ich hatte kein Interesse an einem konventionellen Roman oder an belletristischen Formgebungen“, sagt Walser. Es ging ihm ums Wesentliche, und nur darum. In diesem Sinne ist „Statt etwas oder Der letzte Rank“ ein Alterswerk.

Im Gespräch rückt er die Dinge des Lebens in den Mittelpunkt. Walser nimmt sich auch mal die Freiheit, Fragen nicht zu beantworten. Vehement bestreitet er, das Buch sei autobiografisch gefärbt: „Glauben Sie tatsächlich, ich würde Dinge wie ,Ich bin ein Apfelbaum, der Birnen trägt‘ sagen?“ – und tippt sich an die Stirn. „Manchmal weiß ich selbst nicht, was das bedeutet, was ich da gerade geschrieben habe. Schön finden kann ich es trotzdem.“ Die Feierlichkeiten, die zu seinem Geburtstag anstehen, sind ihm fast unangenehm: „Lassen wir es. Ich brauche es nicht“ – und winkt ab.

Dass zum 90. eine Sammlung von Texten aus 60 Jahren unter dem Titel „Ewig aktuell“ erscheint, hat er ohne viel Begeisterung zur Kenntnis genommen. Einige der politischen Texte aus diesem Band sind ihm, dem Ex-DKP-Sympathisanten, offensichtlich unangenehm. Zur aktuellen Politik nur so viel: Walser „verehrt“ Angela Merkel, auch für ihren Satz „Wir schaffen das“. Die Begründung ist typisch für ihn: „Es ist schön, dass man ihr, wenn sie spricht, beim Denken zusehen kann.“

Oft schüttelt Walser an diesem Abend den Kopf, nicht weil er widerspricht, sondern weil er viele Dinge nicht mehr nachvollziehen kann und will. Die Mechanismen des Literaturbetriebs sind ihm fremd und egal geworden; dass er später im Spiegelfoyer des Theaters geduldig seine Bücher signiert, versteht sich allerdings von selbst. Über künftige Projekte will er nicht reden, allerdings: „Ich weiß außer Schreiben nichts – also schreibe_SSRq ich halt weiter.“ Vielleicht tatsächlich ein Buch mit dem Titel „Briefe an eine unbekannte Geliebte“. „Dazu würde mir sehr viel einfallen“, sagt er – und lacht.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert