Echte Nervenprobe trotz simuliertem Ernstfall

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Täuschend echt: Bei der Simulation wird ein Feuer in einer Etagenwohnung in der Kreuzherrenstraße vorgegeben, aus dem eine erwachsene Person mit Kind gerettet werden muss. Foto: Stadt Aachen/Stefan Herrmann
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Lagebesprechung: Vor Ort erhalten die Feuerwehrleute eine erste Analyse über den abgelaufenen Einsatz. Foto: Stadt Aachen/Stefan Herrmann

Aachen. Plötzlich ist der Ernstfall da. Es ist 8.30 Uhr, als die Leitstelle der Feuerwehr die drei Löschfahrzeuge anfunkt, die gerade in der Nähe des Ponttors unterwegs sind. Darin sitzen 18 Brandmeisteranwärter und ein Brandmeisteranwärterin, die eigentlich „nur“ üben sollen, sich während der Fahrt auf einen Einsatz vorzubereiten.

Doch die Meldung der Leitstelle klingt echt. Es gebe eine verdächtige Rauchentwicklung in einem Haus in der Kreuzherrenstraße, die Lage sei unklar. Womöglich befinden sich noch Personen im Gebäude. Es ist der Moment, in dem bei allen Beteiligten der Puls steigt.

Sogleich schalten die Fahrzeuge ihr Blaulicht an, mit Sirenengeheul rauschen sie in die enge Anliegerstraße. Schon beim Einbiegen erblickt der Feuerwehrnachwuchs den Rauch, der aus den Fenstern des Hauses zum Himmel steigt. Das sieht ernst aus. Ist es aber glücklicherweise nicht. Denn das Ausbilderteam der Aachener Berufsfeuerwehr um Leiterin Edda Jäckle erwartet die 19 Brandmeisteranwärter vor Ort, um ihnen die Übungslage zu erklären. Das ändert aber nichts daran, dass hier wie bei einem realen Einsatz nun jeder Handgriff sitzen muss. „Solch ein für die Brandmeisteranwärter unerwarteter praktischer Übungseinsatz ist enorm wichtig“, weiß Jäckle aus jahrelanger Erfahrung. „Er ist eigentlich sogar noch wichtiger als die Theorie.“

Denn genau für solche Situationen müssen die jungen Männer und Frauen stets bereit sein. Und die Lage vor Ort in der Kreuzherrenstraße mitten im Aachener Pontviertel zeigt sich in der Tat sehr unübersichtlich. In dem schmalen, alten Haus werden noch mehrere Personen vermutet. Ein vom (simulierten) Feuer eingeschlossener Anwohner steht im obersten Stockwerk am Fenster und ruft um Hilfe. In den Armen trägt er den Dummy eines Kindes. In Windeseile wird ein großes Sprungpolster errichtet, um damit die erste Person zu retten. Währenddessen werden Schläuche ausgerollt, die Atemschutzgeräte – sogenannte Pressluftatmer (PA) – angelegt, eine Rettungsleiter aufgebaut und eine erste Lageanalyse vorgenommen.

Die Kommandos sind knapp, hier muss jeder Handgriff sitzen, jedes Vorrücken mit den Kolleginnen und Kollegen genauestens abgestimmt sein. „Im Ernstfall kommt es schließlich darauf an, dass wir nicht nur die von Rauch und Feuer bedrohten Menschen retten und den Brand eindämmen, sondern dass wir auch auf unsere direkten Kollegen und natürlich auf uns selbst Acht geben“, erklärt Jäckle. Möglichst hohe Sicherheit hat absolute Priorität. Daher haben zum Beispiel die Maschinenführer draußen stets den Sauerstoffverbrauch der Kollegen im Blick. Ein PA versorgt einen Feuerwehrmann in der Regel für rund 30 Minuten mit Luft. Bei großer Anstrengung reicht die Füllung auch mal nur 20 Minuten.

Derweil beobachtet Jäckle, wie der Feuerwehrnachwuchs mit mehreren Trupps in das Gebäude eindringt. Die Situation in dem alten Bau ist unübersichtlich, chaotisch. Wo können sich noch weitere Personen aufhalten? Mit Wärmekameras machen sich die Brandmeisteranwärter, die sich momentan im ersten Modul ihres 18-monatigen Lehrgangs befinden, auf die Suche. Im Keller werden noch Anwohner vermutet. Der Rauch kriecht bereits durch alle Ritzen, der Atem durch die dicken Schutzmasken geht schwer, während die Nachwuchsfeuerwehrmänner immer weiter in das verwinkelte Gebäude einrücken. Im obersten Stockwerk versperrt eine verschlossene Tür das Vorankommen.

Der Rammbock hat Wirkung

Mit einem Rammbock zerschlägt ein Trupp schließlich das Schloss, im Raum dahinter sieht man die Hand vor Augen nicht mehr, so dicht ist der Rauch. Das Licht flackert, spezielle Lampen simulieren den Schein des Feuers. Das C-Rohr ist ausgerollt und kommt zum Einsatz. Wasser tropft von den Wänden und läuft die alte, enge Holztreppe im Flur herunter. „Selbst erfahrene Kräfte müssen erst einmal schlucken, wenn sie sich solch einem Einsatzszenario gegenübersehen“, sagt Jäckle.

Nach rund 45 Minuten ist die Lage unter Kontrolle. Mehrere zu rettende Personen – allesamt Kollegen der Aachener Feuerwehr, die sich für die Übung zur Verfügung gestellt haben – konnten aus dem Gebäude befreit werden. Edda Jäckle und ihre Kollegen machen vor Ort bereits eine erste kurze Nachbesprechung. Vieles hat schon gut geklappt. „Aber uns fallen natürlich auch die Fehler auf, die die jungen Kollegen noch machen“, sagt die Diplom-Ingenieurin und Leiterin der Aachener Feuerwehrschule. Und alltäglich, gibt Jäckle zu, sei solch ein Übungseinsatz auch nicht und dankt der RWTH Aachen, der das leerstehende Gebäude in der Kreuzherrenstraße gehört und die die wichtige Übung in einem für die jungen Brandmeisteranwärter unbekannten Bau ermöglichte. „Denn genau das ist es, was uns im Ernstfall oftmals erwartet: ein Gebäude, das wir nicht kennen und in dem es auf jede Minute ankommt, um Menschen zu retten und den Brand zu löschen.“

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