E-Bike-Verleih Velocity nimmt nun endlich Fahrt auf

Von: Annika Kasties
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Dank Motor auch bergauf ein Klacks: Florian Zintzen (l.) und Christian Schmidt wollen Velocity dieses Jahr einen guten Schritt voranbringen. Foto: Andreas Schmitter
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Gebucht werden die E-Bikes per Smartphone-App. Foto: Andreas Schmitter
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Entliehen an der Normaluhr und an der Pontstraße abgegeben: Aktuell gibt es in Aachen 15 Velocity-Stationen.

Aachen. Bei Christian Schmidt steht das Telefon zurzeit selten still. Ob werktags oder am Wochenende. „Man hat eigentlich nie frei“, sagt der 30-Jährige. Doch so wirklich stört ihn das Dauerklingeln nicht. Ist es doch ein Zeichen dafür, dass das Interesse an dem E-Bike-Verleiher Velocity wächst. Und das in durchaus rasantem Tempo. Keiner weiß das so gut wie Schmidt selbst.

Der Leiter des technischen Betriebs bei Velocity betreut aktuell das Kundentelefon des Aachener Start-ups. An seiner Strippe landen Radfahrer mit Anregungen, an welchen Orten neue Verleihstationen sinnvoll wären. Nutzer, die eine Fehlfunktion melden wollen. Oder auch einfach Aachener, die sich lieber telefonisch nach der Gebührenordnung erkundigen, als im Internet nachzusehen.

Nach diversen Anlaufschwierigkeiten nimmt das 2014 aus einem Studentenprojekt der RWTH entsprungene Unternehmen Fahrt auf. 4000 Gesamtnutzungen zählte Velocity noch im März dieses Jahres. „Mittlerweile sind wir bei fast 10.000“, berichtet Account-Manager Florian Zintzen stolz.

Angesichts der noch recht überschaubaren Anzahl von Velocity-Stationen im Aachener Stadtgebiet – aktuell sind es 15, die überwiegend in der Innenstadt und im Bereich des Campus Melaten zu finden sind – ist diese Größenordnung durchaus beachtlich. Und sie zeigt, dass noch Luft nach oben ist. Ziel sind immerhin 100 Stationen mit insgesamt 1000 Pedelecs.

Davon ist Velocity noch ein gutes Stück entfernt. Der elektrisch betriebene Fuhrpark bestehe aktuell aus rund 100 E-Bikes, berichtet Zintzen. Davon stünden etwa 80 Räder „im Feld“ zum freien Verleih zur Verfügung. In Kürze sollen 50 weitere dazukommen. Damit nähert sich das Start-up Schritt für Schritt den anfänglich noch allzu optimistisch geäußerten Prognosen. Bereits bis 2016 sollten 200 Pedelecs an rund 20 Stationen zur Verfügung stehen, hieß es, als Velocity vor rund drei Jahren an den Start ging.

Verzögert wurde der Ausbau unter anderem wegen Problemen mit unvorhergesehenen Stromrechten an den Stationen und anderer technischer Herausforderungen. Ein herkömmliches E-Bike aus dem Handel, quasi „von der Stange“, könne an den Verleihstationen nämlich nicht zum Einsatz kommen, erklärt Zintzen. „Die Fahrräder müssen robust sein, schließlich stehen sie Tag und Nacht draußen.“

Zudem müsse die Kommunikation mit dem Verleihsystem und den entsprechenden Ladeeinrichtungen stimmen. Die Technik wird deshalb von Velocity in Zusammenarbeit mit der RWTH entwickelt. Und kontinuierlich optimiert. „Wir sind ein Start-up“, erinnert Schmidt. „Wir entwickeln ein System und verkaufen noch kein fertiges Produkt.“

Doch schon jetzt zeigten andere Kommunen mit ähnlicher Topographie und Altersstruktur wie Aachen großes Interesse an dem E-Bike-Verleihsystem „made in Aachen“. Um welche Städte es sich konkret handelt, will Zintzen nicht verraten. Bei anderen Zukunftsplänen für Velocity ist er dagegen gesprächiger: „Wir wollen in Zukunft auch ein Lastenfahrrad für den Lieferverkehr anbieten“, verkündet er. Und auch sein Kollege Schmidt versichert, dass eine Erweiterung des Pedelec-Systems auf jeden Fall angestoßen werde: „Der Fahrradkorb kommt.“

In der Werkstatt an der Roermonder Straße ist deshalb viel in Bewegung. Auch weil Velocity mit der städtischen Verwaltung einen wichtigen Kooperationspartner an Land gezogen hat. Denn in Zukunft sollen auch immer mehr Verwaltungsmitarbeiter auf den weißen Pedelecs mit maximal 25 Stundenkilometern durch die Stadt düsen. Dafür werden insbesondere an Verwaltungsstandorten Verleihstationen benötigt.

Bis Ende des Jahres soll das Netz auf 30 Stationen erweitert werden. Unter anderem an der Scheibenstraße in unmittelbarer Nähe des Verwaltungsgebäudes Adalbertsteinweg und am Elisenbrunnen. Damit auch Berufspendler aus den Außenbezirken zunehmend vom Auto auf das elektrisch betriebene Fahrrad umsteigen können, nimmt Velocity aktuell unter anderem Eilendorf, Brand und Kornelimünster ins Visier.

Darüber hinaus bemühe sich das Unternehmen aktiv um sogenannte Stationspaten, sagt Zintzen. „Das können Unternehmen oder einzelne Bürger sein, die das Projekt unterstützen wollen und eine Patenschaft für eine Station übernehmen.“ Im Gegenzug für eine Investition erhalten Stationspaten ein vergünstigtes Nutzungskontigent, erklärt der Geisteswissenschaftler weiter. Im September soll zudem eine Crowdfunding-Kampagne starten. Mit dieser „Schwarmfinanzierung“ können viele Menschen ein Projekt oder Start-up finanziell unterstützen.

Dass die Nutzung eines E-Bike-Verleihsystems auch ein Umdenken mit Hinblick auf die eigene Mobilität erfordere, ist Zintzen dabei durchaus bewusst. Doch er ist überzeugt: „Der Besitz von Autos und E-Bikes wird in Zukunft keine Rolle spielen, sondern die Nutzung.“ Und jedes Klingeln des Velocity-Kundentelefons ist ein Schritt in diese Richtung.

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