Aachen - Drummer Oliver Lutter: „Rhythmusgefühl ist in jedem Menschen angelegt“

Drummer Oliver Lutter: „Rhythmusgefühl ist in jedem Menschen angelegt“

Von: Hans-Peter Leisten
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Im Reich des Trommelwirbels: Oliver Lutter ist Schlagzeuger aus Leidenschaft und konnte diese zu seinem Beruf machen. Neben dem Musizieren legt er großen Wert darauf, seine Kenntnisse an die Jugend weiterzugeben. Foto: Andreas Steindl
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Auf der Bühne Drummer, in Wahrheit aber ein Multiinstrumentalist: Oliver Lutter ist nicht nur Schlagzeuger, er spielt auch Saxofon, Klarinette und Gitarre. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Es gibt Menschen, bei denen der Tag mehr als 24 Stunden zu haben scheint. Oliver Lutter gehört zu dieser Spezies. Der Mann ist Saxofonist, Percussionist, Dirigent, spielt Gitarre, aber vor allem Schlagzeug. In etlichen Bands sorgt er für den Rhythmus, hat eine eigene Drum-School, ein Integratives Trommelprojekt, unterstützt die Öcher Nölde musikalisch und ist Familienvater mit drei Töchtern.

Über die Rolle des Schlagzeugs und sein Eigenverständnis in der Musikszene spricht er im  Samstagsinterview mit Hans-Peter Leisten.

Wann hat Oliver Lutter zum ersten Mal auf die Pauke gehauen?

Lutter: Das war mit drei Jahren im damaligen Apfelbaum, wo die Aquiscombo spielte. In einer Pause habe ich mich einfach auf den Hocker gesetzt und die Trommelstöcke genommen. Irgendwie war damals bereits klar: Es muss irgendwann das Schlagzeug sein.

Schon mit drei Jahren?

Lutter: Nein, ich habe mit sieben Jahren dann mein erstes eigenes Schlagzeug von meinem musikbegeisterten Vater Werner geschenkt und dann auch Unterricht bekommen.

Man sieht Sie heute immer wieder mal auf Schnappschüssen mit Größen wie Ian Paice von Deep Purple oder auch dem von Ihnen als Meister bezeichneten Simon Philipps. Sind das Ihre persönlichen Vorbilder?

Lutter: Die Musik von Deep Purple brachte für mich ein Aha-Erlebnis. Die Musik hat mich bleibend eingepackt. Mich beschäftigte sehr lange, wie Paice 1969 bei einem Song eine bestimmte Hi-Hat-Figur (Standbecken, d. Red.) gespielt hat. Kürzlich hatte ich im Musikklub Spitit of 66 in Verviers die Möglichkeit, ihn zu treffen und danach zu fragen. Er war total begeistert, dass ihn jemand nach Jahrzehnten noch danach gefragt hat. Ja, er ist ein Idol. Daneben aber auch die Drummer wie Peter Erskine von Maynard Ferguson, Jon Hiseman oder John Bonham.

Braucht man heute eigentlich noch Idole?

Lutter: Idole sind total wichtig. Sie sind wie ein Patron, der in schlechten Zeiten hilft. Aber heute gibt es doch häufig nur noch Stars und keine Idole mehr. Wer kennt denn noch die Schlagzeuger in einer Band? Die Musik heute ist sehr glattgebügelt, wann hört man denn heute in einem Stück noch mal ein Gitarrensolo? Es gibt kaum noch Improvisationen.

Und das ist in Ihren Bands anders.

Lutter: Dafür liebe ich unsere Band Xperience. Oft ist das Schlagzeug sehr im Hintergrund, ich versuche es in unserer Band oft nach vorne zu rücken. Aber das kann jeder in unserer Band. Gitarrist Will Pütz macht das zum Beispiel grandios – aber diesen Raum hat bei uns jeder. Es ist wichtig, dass eine Band nicht nur aus Alphatieren besteht. Egal, ob auf lokaler oder internationaler Ebene.

Gibt es favorisierte Stilrichtungen?

Lutter: Mit Sicherheit Hardrock, Progressiverock und Jazzrock wie etwa Blood, Sweat & Tears.

Sie sind auch Trommellehrer mit eigener Drum-School. Wie sieht Ihr pädagogischer Ansatz aus?

Lutter: Mit Kindern und Jugendlichen muss man einen sehr persönlichen Unterricht machen. Da muss auch Platz für Gespräche bleiben über den Geburtstag, die Fünf in Mathe und den Liebeskummer. Ich möchte als Musiklehrer auch eine Vertrauensperson meiner jeweiligen Schüler sein. Ich begleite sie meistens von der Grundschule bis zum Abitur, oft bleibt aber der Kontakt auch über den Unterricht hinaus.

Und wie sieht es da mit dem Üben aus?

Lutter: Natürlich höre ich auch manchmal den Satz: ‚Ich konnte nicht üben, weil ich keine Zeit hatte‘. Dann gehen wir gemeinsam mal jede Viertelstunde des Tages durch und schauen, ob nicht in den Werbepausen der Simpsons Zeit zum Üben gewesen wäre. (Schmunzelnd:) Ich habe selbst drei Kinder und kenne die Zeitabläufe. . . Einfach zu sagen, ‚ich habe keine Zeit‘ ist mir zu simpel.

Hört sich ziemlich streng an.

Lutter: Hört sich nur so an. Ich habe einen anderen Ansatz. Ich habe schon mit 18 unterrichtet, offiziell dann ab 2004. Es gab einen Moment in meinem Leben, an dem ich am Meer gesessen und überlegt habe, was ich machen würde, wenn die Idee des um die Welt tourenden Musikers nicht funktioniert. Ich habe damals den Unterrichter in mir als Konstante entdeckt. Inzwischen unterrichte ich seit 25 Jahren – und das wirklich sehr gerne.

Und was ist das Typische bei Ihnen?

Lutter: Mein Steckenpferd ist, die Menschen an der Basis zu unterrichten und junge Menschen zur Musik zu führen. Ich fand in meinem eigenen Studium den pädagogischen Teil nicht so toll und möchte diesen anders angehen. In der entsprechenden Literatur sind zum Beispiel viele moderne Entwicklungen aus der digitalen Welt nicht berücksichtigt.

Es ist sehr wichtig, die persönlichen Umstände in den Unterricht einfließen zu lassen, manchmal auch einfach aus dem Bauch heraus zu agieren. Da habe ich in meiner Mutter ein gutes Vorbild. Ich finde, dass sich eine Musikschule immer wieder hinterfragen muss, Neues bringen muss. All das unter dem Aspekt, dass ich die Schule nicht aus wirtschaftlichen Gründen aufgemacht habe, aber natürlich verdiene ich Geld damit.

Kann jeder Schlagzeug spielen?

Lutter: Ich will es mal anders formulieren: Jeder Mensch hat Rhythmusgefühl, es ist natürlich im Menschen angelegt. Die Trommel ist das älteste Instrument überhaupt und neben der Sprache das älteste Kommunikationsmittel. Man fängt ja nicht direkt mit komplizierten Rhythmen am Schlagzeug an. Bisher hat es noch jeder bei mir geschafft.

Gilt das auch für Ihr integratives Projekt Youngstar Drumming?

Lutter: Hier gilt ein ganz anderer Ansatz. Seit 13 Jahren leite ich die Trommlergruppe der Viktor-Frankl-Schule, anfangs gemeinsam mit der Luise-Hensel-Realschule und der Hauptschule Burtscheid. Viele Menschen mit Handicap betreten hier völliges Neuland, aber Behinderungen interessieren mich nicht. Trommeln öffnet hier Türen.

Was bedeutet das für Behinderte?

Lutter: Auch ein Autist kann über Musik mit uns kommunizieren. Ich würde mir allerdings wünschen, dass Behindertengruppen mal beim Stadtfest auftreten könnten. Hier dreht sich viel zu viel im Kreis.

Ihre Zielgruppe ist also eher die Jugend?

Lutter: Ich mache auch viel mit durchaus etwas älteren Erwachsenen. Zum Beispiel mit der Bigband XBB und FBB. Die habe ich mit blutigen Anfängern gestartet, die altersmäßig auf 50+ zugingen. Damals kam es erst darauf an, eine homogene Gruppe zu bilden und dann auf die Musik umzuschwenken. Hier spielen Menschen zusammen, die 40, 50 Jahre in einem festen System gelebt haben und sich erst mal trauen müssen, Grenzen zu überschreiten. Das ist in der Musik möglich. Ein Instrument zu erlernen, heißt auch, sich selbst und den anderen aus verschiedenen Blickwinkeln kennenzulernen. Zwischen den Bandmitgliedern und mir besteht auch kein Lehrer-Schüler-Verhältnis.

Wann entschlossen Sie selbst sich zum Berufsmusikertum?

Lutter: Der berufliche Weg als Musiker war zunächst mitnichten geplant. Nach der Schule habe ich eine Ausbildung als Zeichner gemacht, an die ich ein Architekturstudium anschließen wollte. Dann habe ich aber festgestellt, dass Architektur nicht die richtige „Kunstform“ für mich ist. Und da ich immer sehr viel Musik gemacht habe, war dann der Weg für mich klar.

Sie sind vom Schlagzeug zum Saxofon und wieder zurück – warum?

Lutter: Mit 14 Jahren hatte ich tatsächlich mal die Nase vom Schlagzeug voll. Ich habe dann in der Walheimer Bigband die Klarinette für mich entdeckt, dann das Saxofon. Das Schlagzeug hat aber unübertreffliche Vorteile.

Welche?

Lutter: Dem Drummer werden keine Grenzen gesetzt, du hast alle Freiheiten. Für mich hat der Drummer die wichtigste Position in einer Band. Er muss oft das Gefüge auf der Bühne managen, manchmal auch abseits der Bühne. Egal ob bei Hochzeiten, Geburtstagen oder Firmenevents mit Galabands (Typical Fruits, Los Melles oder SUN), James-Last-Konzerten mit dem Rolf Kaulard Orchester oder auf Messen und Stadtfesten mit Kapelle Lehmann aus Iserlohn. Da ist viel Flexibilität gefordert.

Und dann sind da noch die Öcher Nölde. Wie passen Öcher Platt und Schlagzeug zusammen?

Lutter: Wir haben früher mit der Walheimer Bigband die Jungbühne der Alt-Aachener-Bühne begleitet, als Manfred Savelsberg und der Großteil der Nölde-Mitglieder noch zum Ensemble gehörte. Als der dann die Nölde gründete, wurden wir gefragt, ob wir sie musikalisch begleiten wollen. Von Anfang an waren wir dabei.

Haben Sie eine Beziehung zum Öcher Platt?

Lutter: Klar. Ich trommle in der Band des Thouet-Preisträgers 2018, Dieter Böse. Ich finde es ganz wichtig, dass Platt nicht nur auf Bühnen und im Karneval stattfindet, sondern auch junge Menschen über die Musik anspricht. Und da wird es 2018 etwas Neues in Richtung Öcher Platt mit guter Musik geben.

Wie vereinbaren Sie Familie und Tourneetätigkeit?

Lutter: Ich komme oft nach Konzerten erst im frühen Morgen nach Hause. Dann gehe ich durch die Kinderzimmer und freue mich, dass meine Frau und meine Kinder dann da sind. Und wenn ich dann meine Töchter im Arm spüre, bedeutet das sofort Energie tanken. Um so ein Leben zu führen, brauchst du einfach die beste Frau der Welt. Meine Frau Ulla hält mir immer den Rücken frei. Und ich habe für mich ein paar Regeln aufgestellt. Egal wann ich ins Bett komme, mache ich den Kindern jeden Morgen das Frühstück, so dass wir in jedem Fall eine gemeinsame Mahlzeit haben. Und die Urlaube gehören auch ganz der Familie. Ich habe ein paar Jahre im Winter auf den Kanaren gespielt, da konnte ich alle mitnehmen.

Viele Drummer sitzen in stets wachsenden Trommelburgen. Gehören Sie dazu?

Lutter: Das hängt ein bisschen von der Musik ab. Es will ja auch alles aufgebaut werden, deshalb sollte es bei mir nicht zu groß sein. Mein Schlagzeug ist 24 Jahre alt – das passt zu mir. Ich habe lange daran gebastelt, jetzt habe ich den Klang, den ich will.

Ist Aachen in gutes Pflaster für Musiker?

Lutter: Ein eher schwieriges. Es gibt Wirte, die nach Konzerten den Hut rumgehen lassen, und das soll dann reichen. Frei nach dem Motto: Ist doch dein Hobby. Dabei wird übersehen, dass viele hoch qualifiziert sind, Zeit in Probenarbeit gesteckt haben, sie müssen ihr Equipment finanzieren und natürlich Steuern zahlen. Ich brauche zum Beispiel ein großes Auto, um das gesamte Schlagzeug von A nach B zu transportieren, und die Zeit, es am jeweiligem Ort auf- und abzubauen. Das komplette Paket sieht natürlich niemand, wenn man nur für ein paar Stündchen auf der Bühne steht. Viele Veranstalter geben lieber Geld für einen DJ, Essen und Wein aus als für Live-Musik.

Kann Sie das frustrieren?

Lutter: Never. Musik ist meine Droge, hier bin ich gleichzeitig Produzent, Dealer und Konsument. Und sie ist so schön, weil sie völlig nebenwirkungsfrei ist und man damit richtig alt werden kann.

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