Drewes: Nach Abwrackprämie geht´s bergab

Von: Robert Esser
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Jürgen Drewes
Hat ausbildungsunwillige Hauptschüler im Visier: IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Drewes. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Bittere Pillen verteilt die weltweite Finanzkrise bis in den Bezirk der Industrie- und Handelskammer (IHK) Aachen. Die will IHK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Drewes aber nicht so einfach schlucken.

Im Gegenteil: Im Gespräch mit der Aachener Zeitung kündigt er konkrete Maßnahmen gegen das drohende konjunkturelle Desaster an - und nennt Missstände unumwunden beim Namen.

Sehen Sie schon Licht am Ende des Konjunktur-Tunnels?

Drewes: Nein. Einen derart abrupten Abschwung haben wir seit dem Zweiten Weltkrieg nicht erlebt, obwohl die Arbeitslosenzahlen im November und Dezember noch traumhaft aussahen. Das ist vorbei. Das Bruttosozialprodukt wird 2009 um 2,5 bis 3 Prozent sinken. Nach unserer jüngsten Konjunkturumfrage rechnet über die Hälfte der Unternehmen mit rückläufigen Geschäften.

Rechnen Sie mit einer Pleitewelle in Aachen?

Drewes: Das ist kaum vorherzusagen. Tatsache ist aber, dass unsere hiesigen Unternehmen deutlich besser aufgestellt sind als bei früheren Konjunkturkrisen. In guten Zeiten hat man Eigenkapital aufgestockt und flexible Arbeitszeitmodelle entwickelt. Das zahlt sich jetzt aus.

Indem man immer mehr Menschen in Kurzarbeit schickt?

Drewes: Das ist jedenfalls besser als Entlassungen. Kündigungen sollten nur Unternehmen in Erwägung ziehen, die Überkapazitäten abbauen müssen. Die letzten Zahlen der Arbeitsagentur sprechen von knapp 160 Betrieben in unserem Kammerbezirk, die für etwa 4400 Beschäftigte Kurzarbeit angemeldet haben. Und es werden sicher noch mehr. Diese Kurzarbeiter muss man sich jetzt genau ansehen.

Inwiefern?

Drewes: Man muss die Kurzarbeitsphase sinnvoll nutzen. Dazu entwickeln wir gerade ein Programm im Schulterschluss mit den Arbeitsagenturen, Betrieben, Weiterbildungseinrichtungen und Verbänden, damit die Menschen nicht einfach zuhause rumsitzen, sondern weiterqualifiziert werden. Wir müssen uns jeden einzelnen Betroffenen genau anschauen und jeweils individuelle Lösungen anbieten. So könnte zum Beispiel eine Zusatzqualifikation zum überaus gefragten Schweißer vermittelt werden.

Sorgen bereitet Ihnen ebenfalls die Situation am Ausbildungsmarkt.

Drewes: Nicht generell. Noch zeigt sich der Markt stabil. Wir spüren jedoch eine gewisse Zurückhaltung im produzierenden Gewerbe. Allerdings bleiben tatsächlich viele Ausbildungsplätze unbesetzt. Und das gilt nicht nur für mehrere Dutzend Lehrstellen für Bankkaufleute, die die Sparkasse erstmals nicht mit ausreichend qualifizierten Kandidaten besetzen kann. Gesucht werden Mechatroniker, Industrie- und Einzelhandelskaufleute und Azubis in der Gastronomie.

Haben dann alle Jugendlichen einen Ausbildungsplatz?

Drewes: Mitnichten. Einige hundert der rund 3600 Schulabgänger in Aachen gelten leider als nicht ausbildungsfähig. Und genau hier wollen wir ab diesem Sommer auch an Aachener Hauptschulen mit einer flächendeckenden Maßnahme ansetzen. Sie besteht aus Eignungstests, qualifiziertem Profiling und Beratung. Ziel ist es, direkt eine Ausbildung aufzunehmen oder andere ausbildungsvorbereitende Wege aufzuzeigen.

Rechnet sich der Aufwand?

Drewes: Teilweise haben die Probleme dramatische Dimensionen angenommen: Es gibt Jugendliche im Ostviertel, deren Familien in zweiter Generation Hartz-IV-Empfänger sind. Hier setzen wir an. Das ist sicherlich günstiger als eine weitere Generation Hartz-IV-Empfänger. Modellversuche haben gezeigt, dass die Erfolgsquote nach einem Jahr bei 70 bis 75 Prozent liegt. Und Erfolg bedeutet, dass der junge Mensch entweder einen Ausbildungsplatz oder eine Arbeitsstelle hat - und zwar zuverlässig. Die Kosten für das Qualifizierungsprogramm dürften bei annähernd 900 Euro pro Monat und Person liegen.

Migranten und Ausländer kämpfen mit den größten Problemen.

Drewes: Bedauerlicherweise untermauern das sämtliche Untersuchungen. Die Ausbildungsquote bei Ausländern ist nur halb so hoch wie bei Deutschen. Viele lassen sich einfach zu wenig auf unsere Regeln ein. Man muss das in dieser Deutlichkeit sagen. Und viele Ausländer verharren dann einfach zu lange in ihrer Opferrolle, weil sie sich als Kandidaten zweiter Klasse fühlen. Das müssen wir jetzt gemeinsam ändern.

Welche Auswirkungen hat die Konjunkturkrise auf Absolventen der RWTH?

Drewes: Wir wissen es nicht. Aber die Elektroingenieure werden sicher nicht mehr busweise von Firmen wie Siemens an der Hochschultüre abgeholt. Das heißt aber nicht, dass wir analog zu einer Phase in den 90er-Jahren riskieren dürfen, dass sich Studienanfänger von den aktuell womöglich weniger gefragten technischen Studienfächern abschrecken lassen. Sonst ziehen wir erneut eine Generation arbeitsloser Politologen heran. Dabei brauchen wir künftig Ingenieure - genauso wie Fachkräfte. Denn die Krise wird irgendwann vorbei sein.

Kann Aachen schneller aus der Krise finden als andere Städte?

Drewes: Ja, auch wenn es nach dem Strohfeuer des Konjunkturpakets inklusive Abwrackprämie in der zweiten Jahreshälfte sicher erstmal noch weiter bergab geht. Aachen muss sich auf seine Stärken als Oberzentrum besinnen. Und dazu gehören die konsequente Umsetzung des Campus-Projekts, die Umweltpolitik mit der Förderung von Jobtickets, die Verbesserung der Verkehrsanbindung über Straßen wie die umstrittene B257n Richtung Gewerbegebiet Avantis und auch die Erweiterung touristischer Angebote durch neue Hotels in Aachen.
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