Aachen - Drei Männer, drei Geschichten: Bewohner des Don-Bosco-Hauses der Caritas erzählen

Drei Männer, drei Geschichten: Bewohner des Don-Bosco-Hauses der Caritas erzählen

Von: Matthias Hinrichs
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Zeit, dass sich was dreht – nicht nur beim Kickern im Freizeitraum des Don-Bosco-Hauses: Sozialarbeiterin Simone Holzapfel hilft den drei Neuankömmlingen, im Alltag am Ball zu bleiben. Foto: Andreas Steindl
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„Ich hab‘ die Augen aufgemacht und mich von Drogen verabschiedet“: Robert (31), wohnungslos. Foto: Andreas Steindl
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„Wenn ich mich ranhalte, stehe ich mit 27 oder 28 auf eigenen Füßen“: Marco (22), wohnungslos. Foto: Andreas Steindl
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„Ich will endlich ein normales Leben führen“: Michael (48), wohnungslos. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Anfang 2017 hat Robert seine letzten Drogen geschmissen. Ins Klo. In Kürze kann er also sein erstes kleines „Jahresjubiläum“ feiern – als Abstinenzler. Früher hat er alles Mögliche genommen, auch „harte Sachen“, erzählt der 31-Jährige. „Dann hab‘ ich die Augen aufgemacht und mich von einem auf den anderen Tag von dem Zeug verabschiedet – ohne Therapie, ganz allein.“

Nicht nur darauf ist er ein bisschen stolz. „Habe gerade heute meine letzten Sozialstunden abgearbeitet.“ Ja, er hat ein paar Straftaten auf dem Kerbholz, nichts Großes, sagt er eher für sich. Seinen bislang letzten Job bei einem Elektrounternehmen hat er ziemlich flott wieder verloren – „wegen Automatisierung“. Dann konnte er seine Wohnung nicht mehr finanzieren. Kurze Zeit lebte er in einem Obdachlosenquartier in Würselen. Es kam zum großen Krach, Robert landete auf der Straße – und erst mal im Café Plattform. Die Caritas-Einrichtung am Veltmanplatz kann seit 29 Jahren als eine Art letzter Rettungsanker gelten für Leute, die einen sicheren und warmen Platz zum Schlafen suchen. Nicht nur zur Weihnachtszeit.

Mehr als ein sicherer Schlafplatz

Robert sucht mehr, viel mehr. Auch das verbindet den gelernten E-Techniker mit den beiden Männern, die in der Cafeteria des Don-Bosco-Hauses in ihren Tassen rühren. Und auch mal in alten Geschichten. Auch Marco (22) und Michael (48) haben vor kurzem noch ihre Nächte im „Plattform“ verbracht. Dessen Leiterin Simone Holzapfel hat sie, einen nach dem anderen, ins Caritas-Haus für Obdachlose an der Robert-Koch-Straße gelotst. Die Sozialarbeiterin hat im Februar auch die Leitung der Einrichtung hinterm Bahnhof Rothe Erde übernommen. Allzu viel „Motivationsarbeit“ musste sie bei den drei Herren am Kaffeetisch nicht leisten. Sie wollen heute nicht nur zurückschauen, im Gegenteil. „Ich will endlich ein normales Leben führen“, sagt Michael. Die anderen nicken prompt. Sie wollen arbeiten. Tun sie bereits, alle drei – wenn auch vorläufig nur an der Pforte oder in der Heimbibliothek oder im Putzdienst.

Okay: Marco hat jetzt erst mal einen Termin bei der Abendrealschule. „Wenn ich meinen Abschluss in der Tasche hab‘ und mich mit der Ausbildung ranhalte, stehe ich mit 27 oder 28 auf eigenen Füßen.“ Kfz-Techniker, Dachdecker oder Gartenbauer, das wär‘ was für ihn. Mit seiner Familie hat er abgeschlossen, sagt er kühl. Als er 17 war, hat sein Vater ihn rausgeschmissen. Seine Eltern sind längst geschieden. Mit 14 hat er angefangen zu kiffen. Es dauerte nicht lange, bis er seinen Frust mit weit massiveren Substanzen wegzutorpedieren versuchte; „Speed, Koks, Ecstasy, solche Sachen“ – und Alkohol. Wenn er trank, wurde er gewalttätig. Schon mit 15 landete er hinter Gittern. Nicht im Jugendgefängnis, sondern bei den Erwachsenen, „weil ich eine erhebliche Gefahr für mich selbst und andere darstellte, hieß es“. Seit einem halben Jahr ist er komplett „clean“, versichert er.

Auch Michael war lange eine „Gefahr für andere“. Für sich selbst sowieso. „Ich bin zu alt, um weiter Blödsinn zu machen“, sagt er. Neun Jahre hat er in Maastricht gelebt – die meiste Zeit vor allem vom Drogenhandel. Bis sie ihn geschnappt haben. Er bezog ein Einzelzimmer – im Knast in Sittard. Dann wurde er ausgewiesen. Im „Plattform“ fand er eine erste Zuflucht, reichlich Zuspruch und Unterstützung, um endlich wieder Fuß zu fassen. Morgen hat er einen Termin beim Jobcenter. Michael hat eine abgeschlossene Ausbildung als Schlosser. „Ich hoffe sehr, dass da bald wieder was geht“, sagt er. „Wird ein bisschen dauern vielleicht, aber es wird klappen!“

An Motivation mangelt es nicht

An guten Vorsätzen fürs nächste Jahr mangelt es den drei Männern am Tisch also nicht. Eher wohl an guten Voraussetzungen. Immerhin: Den „Formalitäten-Führerschein“ haben sie in der Tasche. So nennen die Sozialarbeiter im Don-Bosco-Haus ein freiwilliges internes Trainings-Pensum, bei dem die Teilnehmer lernen sollen, sich besser im Alltag zurechtzufinden – auch wenn sie jetzt ein bisschen darüber feixen. Bewerbungen schreiben, Verträge regeln, aber auch Konfliktbewältigung stehen da zum Beispiel auf dem Programm. „Sie haben bewiesen, dass sie motiviert sind“, sagt Simone Holzapfel. Immerhin: Den Sprung von der Straße ins eigene, bescheidene Zimmer in Rothe Erde haben sie schon mal geschafft, einiges abgehakt, Schulden reduziert zum Beispiel. Jetzt sind sie entschlossen, der Statistik ein Schnippchen zu schlagen. „Im Schnitt beträgt die Verweildauer bei unseren Bewohnern rund zwei Jahre“, weiß Simone Holzapfel. Und: „Die Bewohner werden immer jünger; es sind nicht mehr durchweg die ,klassischen‘ Alkoholiker.“ Eines aber hat sich nicht verändert: Für die meisten gehörten Gewalt und extreme emotionale Isolation schon zum Alltag, als sie noch nicht einmal laufen konnten.

Auch für die drei Männer am Tisch wird es nicht leicht sein, sich einen soliden Weg in die „normale Gesellschaft“ zu bahnen – bei allem Optimismus, aller sichtlich gewachsenen inneren Stärke. Vielleicht werden sie erst mal einen Platz im Betreuten Wohnen bekommen, meint Simone Holzapfel – wenn es weiter gut läuft. Nicht nur, weil der „Markt“ in Sachen vier Wände sowieso leergefegt ist. Schuldenabbau, Job, eine eigene Wohnung, so formulieren sie ihre ganz persönlichen Prioritäten in Sachen Zukunftsplanung. Womöglich finden sie dann ja auch Menschen, denen sie vertrauen können und die ihnen Vertrauen schenken – ganz privat, ohne Sozialarbeiter. Die ersten Schritte sind Michael, Marco und Robert in diesem Jahr gegangen. Simone Holzapfel formuliert das so: „Das Wichtigste, das wir hier anbieten können, sind persönliche Beziehungen.“

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