Drei jüdische Familien - drei Schicksale

Von: Christina Handschuhmacher
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Einblicke in die Geschichten jüdischer Familien aus Aachen: „Berührend” fanden die Schüler die Vorträge der Zeitzeugen Dr. John Francken (am Podium), Erica Prean (r.) und Dr. Dan Philipp (2.v.r.). Foto: Andreas Steindl

Aachen. Ein wenig unsicher steht der alte Mann mit der Halbglatze und dem grün-karierten Hemd am Rednerpult. Als der 84-Jährige seine Stimme erhebt, hört man in der Aula des Pius-Gymnasiums noch vereinzeltes Murmeln. Doch schnell herrscht vollkommene Stille.

Die Geschichte, die Dr. Dan Philipp zu erzählen hat, liegt viele Jahrzehnte zurück. Doch als er vor den Schülern steht, wird aus dem alten Mann wieder der jüdische Junge, der mit seiner Mutter vor den Nationalsozialisten nach Palästina fliehen musste. Und dem in seiner Kindheit in Aachen grausame Dinge widerfahren sind.

Philipp ist einer von drei Zeitzeugen, die am Freitag auf Initiative der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit vor Schülern der 10. Klasse gesprochen haben - auf den Tag genau 74 Jahre nachdem die Nationalsozialisten in der Reichspogromnacht in ganz Deutschland jüdische Geschäfte, Wohnungen und Synagogen anzündeten und mehrere hundert Juden ermordeten.

„Ich habe noch nie darüber gesprochen”, setzt er an. „Und ich tue es mit gemischten Gefühlen, denn es ist schwer, sich anderen anzuvertrauen”, sagt er. Und dann spricht er aus, was er weder seiner Frau noch seinen Kindern jemals erzählt hat: „Als Kind wurde ich mehrmals von der Gestapo vergewaltigt”, sagt er. Philipp hat diese furchtbaren Erlebnisse lange Zeit verdrängt. Jetzt spricht er - offen, ungeschönt und ehrlich. Und die Schüler würdigen das mit respektvollem Zuhören und ungeteilter Aufmerksamkeit.

Philipp erzählt nicht nur seine eigene Geschichte. Da ist auch die Geschichte seiner jüdischen Freundin Gisela. Sie bildeten eine Einheit - gegen die Anfeindungen von außen, die ihnen schon auf dem Schulweg entgegenschlugen. Irgendwann gab die Mutter den Jungen zu den Großeltern nach Vaals, hoffend, dass er dort sicherer wäre. „Jeden Abend traf ich meine Freundin Gisela an der Grenze”, erzählt Philipp.

An manchen Abenden bringt Gisela heimlich Geld mit; auch ihre Familie will in die Niederlande fliehen. Dan vergräbt es hinter der Grenze unter einem Kirschbaum. Langsam werden die Grenzsoldaten aufmerksam auf die Kinder. Sie misshandeln und missbrauchen die beiden jungen Menschen. Irgendwann kommt Gisela nicht mehr zum vereinbarten Treffpunkt.

Dan flieht mit seiner Mutter nach Palästina. Gisela hat er nie mehr wieder gesehen. „Sie hat Auschwitz überlebt. Aber nicht den Todesmarsch im Januar 1945”, sagt er mit brechender Stimme.

Im Saal herrscht Stille. Die Zuhörer sind noch jung, 15 oder 16 Jahre alt. Die NS-Zeit haben sie im Geschichtsunterricht durchgenommen. Sie wissen, wann Hitler an die Macht kam und dass Millionen Juden in Konzentrationslagern vergast wurden. Doch erst die Zeitzeugen machen dieses unfassbare Stück deutscher Geschichte wirklich lebendig und geben ihm ein Gesicht. Dass Menschen wie Dan Philipp so offen über ihre Gefühle gesprochen haben, sei sehr berührend gewesen, sagt Schülerin Maja Schwarz. Automatisch höre man viel gebannter und aufmerksamer zu als im Unterricht. Josephine Gatzweiler findet die Offenheit der Vortragenden mutig. „Das ist schon ein großer Vertrauensbeweis”, sagt sie.

Auch Dr. John Francken und Erica Prean vertrauen ihre Familiengeschichten den Schülern an. Francken, 67 Jahre alt und Enkel einer jüdischen Aachener Juristenfamilie, erzählt anhand eines 650 Dokumente umfassenden Briefwechsels zwischen seiner in Aachen verbliebenen Großmutter Dora und seiner nach London emigrierten Tante Ruth.

Die 1930 in Aachen geborene und heute in Großbritannien lebende Erica Prean, berichtet den Pius-Schülern aus ihrer Kindheit als jüdisches Mädchen. „Ich möchte mich als Öcher Mädchen vorstellen”, beginnt sie. „Mir war nie bewusst, dass wir anders sind. Wir hatten hier unsere Wurzeln - seit Jahrhunderten.” Doch dann kommen die Nürnberger Rassegesetze, und Ericas unbeschwerte Kindheit verändert sich schlagartig. „An den meisten Wochenenden fuhren wir nach Holland oder Belgien, denn dort konnte ich wenigstens noch schwimmen gehen, und wir durften ein Café besuchen”, sagt sie.

Auch sie flieht 1939 mit ihrer Familie vor den Nazis nach England. Den Schülern will sie noch eins mitgeben: „Schaut nicht herab auf Menschen, die anders sind als ihr. So etwas Schreckliches darf nie wieder geschehen.”
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