Dramatischer „U-Boot“-Einsatz für eine ganze Familie

Von: Matthias Hinrichs
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Wieder entspannt – vorerst: Dr. Ullrich Siekmann und sein Team haben in der Druckkammer des HBO-Zentrums schon viele Leben gerettet. Zwölf Menschen können hier gleichzeitig beatmet werden. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Die letzten Tage des Jahres dürften für die siebenköpfige Familie aus Wuppertal zu den dramatischsten gehören, die sie je erlebt hat. Dass die unfreiwilligen Gäste nun doch bei bester Gesundheit Silvester daheim feiern können, verdanken sie vor allem Dr. Ullrich Siekmann und seinem engagierten Team im HBO-Zentrum des Uniklinikums.

Denn die Einrichtung gehört zu den ganz wenigen in Deutschland, die über ein spezielles Verfahren zur Behandlung lebensbedrohlicher Vergiftungen durch Kohlenmonoxid verfügt.

Spät, aber eben nicht zu spät konnten die Patienten – vier Kinder im Alter von zwei, fünf, sieben und zehn Jahren sowie deren Eltern und eine weitere Verwandte – am Sonntagnachmittag in der U-Boot-artigen Überdruckkammer des Zentrums an der Kackertstraße Platz nehmen. Dabei ist ihr „Fall“ ein durchaus alltäglicher: Wegen einer defekten Heizungsanlage wäre die komplette Familie am Morgen in ihrer Wuppertaler Wohnung beinahe erstickt – Unfälle wie dieser ereignen sich bundesweit rund 4000 Mal. „Als die Feuerwehr eintraf, waren zwei der Kinder und einer der Erwachsenen aufgrund des Austritts von Kohlenmonoxid bereits bewusstlos“, erklärt Siekmann. Nach der Notfallbehandlung war schnell klar: Eine zügige und besonders effektive Verabreichung hoher Sauerstoffkonzentrationen musste her. Per Rettungswagen wurden die Patienten flugs Richtung Dreiländereck transportiert.

Hyperbare Oxygenation, kurz HBO, heißt das Zauberwort, hinter dem sich eine im Grunde simple Technologie verbirgt. In der knapp 25 Kubikmeter umfassenden Stahlkabine, dem Herzstück des gleichnamigen Zentrums, wird der Luftdruck auf das bis zu Dreifache erhöht, um eine wesentlich intensivere Versorgung von Organen und Zellgewebe zu erreichen, während die Patienten über Atemmasken mit Sauerstoff versorgt werden. Zweieinhalb Stunden dauert die Therapie – mit der womöglich lebenslange Folgeschäden vielfach verhindert werden können.

Vor allem ungezählte Menschen aus der Region dürften dem hermetischen Stahlkoloss, der bereits seit 1992 jährlich rund 80 Mal zum Einsatz kommt, ihr Leben verdanken. „Leider gibt es vergleichbare Anlagen, die rund um die Uhr arbeiten können, noch immer nur in Halle, Hannover, Berlin und Murnau“, weiß Siekmann. „Und hier in Aachen können wir uns glücklich schätzen, dass wir ein hochqualifiziertes Team von Anästhesisten, Pflegern und Technikern haben, die auch ehrenamtlich fast permanent in Bereitschaft sind.“ Denn in der Regel seien die Krankenkassen nicht bereit, die Kosten für die Spezialtherapie zu übernehmen. „Das ist völlig unverständlich, zumal das Verfahren nicht nur bei akuter Stickstoffvergiftung, wie sie etwa auch Taucher erleiden können, sondern auch bei schweren chronischen Erkrankungen wie Diabetes, gefährlichen Knocheninfektionen, Gasbrand oder massiven Folgeschäden durch Bestrahlungen sehr erfolgreich ist“, kritisiert Siekmann. Gleichwohl müssten die Mediziner alljährlich hunderte von Anfragen abweisen, weil die personellen Kapazitäten trotz des beachtlichen Einsatzes der Kollegen nicht ausreichten.

Ein Appell ans Land

Rund 1,2 Millionen wären per anno erforderlich, um eine solche Vollversorgung zu gewährleisten – nach wie vor aber müsse das Klinikum einen Großteil der Kosten selbst stemmen, sagt Siekmann. „Wir hoffen, dass das Land sich bald willens zeigt, diese dramatische Lücke zu schließen.“ Und dass die Zusammenarbeit insbesondere mit der Klinik für Verbrennungschirurgie mittelfristig auch im Wortsinne noch enger wird: Siekmann geht davon aus, dass das HBO-Zentrum in acht bis zehn Jahren ins Klinikum umziehen kann, nachdem die nächsten umfangreichen Erweiterungsmaßnahmen dort erfolgt sind.

Die Patienten aus dem Bergischen werden indessen wohl noch weit länger an ihren fatalen „Ausflug“ zurückdenken. „Inzwischen sind sie bis auf eine erwachsene Person, die noch bleiben muss, alle wieder wohlauf“, berichtete Professor Dr. Hans-Oliver Rennekampff, Leitender Oberarzt am Klinikum, am Montag.

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