Aachen - Dr. Mona Pursey: „Bewusstseinsarbeit ist keine Elitearbeit“

Dr. Mona Pursey: „Bewusstseinsarbeit ist keine Elitearbeit“

Von: Svenja Pesch
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Hält nichts vom erhobenen Zeigefinger: Dr. Mona Pursey vom Eine Welt Forum. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Als Promotorin für entwicklungspolitische Bildungsarbeit im „Eine Welt Forum“ an der Schanz engagiert sich Dr. Mona Pursey für sozial- und globalpolitische Themen und zeigt auf, wie jeder einzelne die Welt ein bisschen besser machen kann und dabei gut lebt.

Was ist die Grundintention des „Eine-Welt-Forums“?

Pursey: Das „Eine Welt Forum Aachen e.V.“ ist ein Verein, der seit über 30 Jahren die Zusammenarbeit Aachener entwicklungspolitischer Initiativen auf lokaler Ebene organisiert. Dabei haben wir uns auf folgende Ziele verständigt: Internationale Solidarität, Menschenrechte, Völkerverständigung und Demokratie. Generell wollen wir Menschen vor Ort für globale Themen, wie beispielsweise für die im Herbst 2015 von der UNO verabschiedeten „Nachhaltigkeitsziele“, begeistern und motivieren.

Aachen ist seit 2011 Fairtrade-Stadt. Ein Siegel, welches alle zwei Jahre immer wieder aufs Neue verliehen werden kann. Welche Bedeutung hat die Auszeichnung für die Stadt?

Pursey: Dass wir als Stadt bei der Aktion mitmachen, ist wichtig. Wir bilden Netzwerke, und dadurch ist das Thema greifbarer geworden und keine bloße Imagekampagne mehr. Das Siegel besagt, dass Aachen alle Kriterien für die Auszeichnung mit dem aussagekräftigen Titel „Fairtrade-Town“ erfüllt hat. Vorangegangen war eine intensive Zusammenarbeit der Stadt Aachen mit dem Bündnis „FAIRhandel(n)“, das sich aktiv für faire und menschenwürdige Produktionsbedingungen einsetzt.

In der Innenstadt findet man mittlerweile einige Läden, die ausschließlich fair gehandelte Produkte verkaufen. Dennoch haben sich die Themen und Forderungen im Vergleich zur Zeit vor zehn Jahren nicht signifikant verändert. Ist das Thema den Bürgern zu komplex und anstrengend?

Pursey: Der Alltag ist sehr fordernd, und man hat seine festen Muster. Mit den Themen des fairen Handels und der öko-sozialen Nachhaltigkeit geht auch ein Umdenken einher – das fordert und kann überfordern. Allerdings merken wir schon, dass der faire Handel und die öko-soziale Nachhaltigkeit keine Nischenthemen mehr sind, wie noch vor Jahren. Sie sind moderner geworden, und vor allem ist die Produktpalette im Bereich des fairen Handels enorm gewachsen. Von fairen Textilien – dieser Bereich ist noch besonders ausbaufähig – über Nahrungsmittel bis hin zu Kosmetik findet man immer mehr fair produzierte Sachen.

Geht denn der Wunsch nach Fairtrade-Produkten mit billigem Konsumverhalten zusammen?

Pursey: Generell stellen wir fest, dass sich immer mehr junge Menschen für fair gehandelte Mode interessieren. Das „uncoole“ Image der Ökomode gehört langsam, aber sicher der Vergangenheit an. Natürlich ist fair gehandelte Mode im Vergleich zu herkömmlicher Mode teurer. Allerdings sollte man sich da Gedanken machen, wo die Sachen herkommen und unter welchen Bedingungen sie angefertigt wurden.

Die Frage, was ich tun kann, damit es nicht nur mir, sondern auch den Menschen gut geht, die meine Kleidung nähen, ist schon mal ein guter Anfang. Außerdem ist es nachhaltig und umweltschonend, die Dinge so lange zu nutzen, wie es geht, oder im Bereich der Bekleidung auch selbst kreativ zu werden und Outfits aufzubessern. Tauschbörsen und Secondhandläden sind ebenfalls eine gute Alternative zum Neukauf.

Wie erfahre ich, wo es in meiner Stadt fair gehandelte Produkte gibt?

Pursey: Das Bündnis „Fairhandel(n)“ hat in Zusammenarbeit mit weiteren Akteuren einen „Stadtplan für den fairen Einkauf“ herausgebracht. Denn viele Konsumentinnen und Konsumenten sind bereit, bewusst einzukaufen, wissen aber nicht genau, wo sie was kaufen können.

Der Stadtplan, der mit Unterstützung der Stadt Aachen erstellt wurde, gibt Auskunft über die Orte, an denen in Aachen fair produzierte Produkte angeboten werden. Zusätzlich haben wir eine Postkartenaktion ins Leben gerufen für mehr faire Textilien in Aachen. In unserem Büro können Interessierte diese Karten abholen und im Laden ihrer Wahl abgeben, um ihren Wunsch nach fairen Textilien ausdrücken zu können.

Sie gehen auch in Schulen und machen aktiv Jugendliche auf diverse sozialpolitische Themen aufmerksam. Welche sind das?

Pursey: Ein Projekt ist beispielsweise „Gutes Leben 2.0“, das Jugendlichen die Möglichkeit bietet, sich über „Konsum, Wachstum, seine Grenzen und Alternativen“ zu informieren und aktiv zu werden – vom Wissen zum Handeln. In den Klassenzimmern werden diese Themen interaktiv behandelt. Eine Lernstation ist dabei auch der „Globale Supermarkt“.

Die Schülerinnen und Schüler „kaufen“ ihre alltäglichen Sachen ein, wie Nahrungsmittel, Kleidung oder Kosmetik. Am Ende erfahren sie beispielsweise, wie viel Co2 sie dadurch produziert haben, und hinterlassen ihren „Shoppingfußabdruck“. Unter sozial-ethischen Gesichtspunkten lernen sie dann, wie sie umweltbewusster und nachhaltiger einkaufen können.

Auch der Klimaparcours ist in vielen Schulen fester Bestandteil des Unterrichts …

Pursey: Ja, genau. Der Klimaparcours ist eine Kooperation von „Eine Welt Forum“ und „KreaScientia“. Wir laden Jugendliche ein, sich über Themen wie erneuerbare Energien, fairen Handel und Nachhaltigkeit zu informieren. In kleinen Gruppen erkunden die Schüler die Innenstadt und informieren sich an diversen Stationen über ein Thema, das den Klimawandel behandelt. Besonders wichtig ist dabei der Dialog mit den Akteuren des Klimaschutzes. Ihnen können die Schüler Fragen stellen, und gleichzeitig erfahren sie, was sie selbst tun können.

Vervollständigen Sie bitte den Satz: „Entwicklungspolitische Bildungsarbeit ...

Pursey: …macht keine Schuldzuweisungen. Wir sitzen alle in einem Boot und müssen zusammen agieren, um gemeinsam Fehlentwicklungen entgegenzusteuern. Der erhobene Zeigefinger ist völlig fehl am Platz. Natürlich sollen wir Spaß am Leben haben. Nur sollten wir uns immer wieder vor Augen führen, dass jeder Mensch einen Anspruch auf gerechte Lebenschancen hat.

Umso wichtiger ist es, schrittweise vorzugehen. Alleine wenn ich beispielsweise nur noch saisonales Obst und Gemüse kaufe, mache ich schon etwas Gutes. Wir möchten die Menschen motivieren und unterstützen und sie dazu bewegen, mutig zu sein und einfach mal Sachen auszuprobieren. Denn viele kleine Dinge bewirken Großes. Bewusstseinsarbeit ist keine Elitearbeit. Jeder kann ganz einfach etwas zu einem guten Leben für alle beitragen.

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