Dom: Dach abgedeckt, Schaden aufgedeckt

Von: Thorsten Karbach
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Abgedeckt, um alle Schäden aufzudecken: Schiefer und Blei sind von der Nikolauskapelle des Aachener Doms entfernt worden, der Dachstuhl wird nun saniert. Der gescheckte Nagekäfer hatte massive Schäden hinterlassen. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Dombaumeister Helmut Maintz war nicht auf dem Holzweg. Als er die Sanierung des Dachstuhls der Nikolauskapelle anordnete, war die Dringlichkeit allgegenwärtig. Zwar hatte er 2003 einen gefräßigen Schädling, den gescheckten Nagekäfer, vertrieben, indem er den Dachstuhl in eine Art Sauna verwandelte.

 Der Käfer und der Zahn der Zeit hatten aber massiv an den Eichenbalken genagt. Die hatten sich verschoben, trieben auseinander, sind löchrig und brüchig. Nun ist der Schaden ist seiner ganzen Dimension ersichtlich: Das Schieferdach ist abgedeckt, die Bleischale entfernt worden. Was bleibt, ist ein Skelett aus Eichenholz mit ein paar Eigenheiten aus Nadelholz. Maintz schaut zum Dachfirst und sagt: „Es gibt ein paar Punkte, da ist es schon verwunderlich, wie das halten konnte.“

Damit es hält, sind nun aber Männer wie Frank Tschamler und Freddy Brenner unterwegs, die den Dachstuhl Holz für Holz bearbeiten und notfalls auseinandernehmen. „Wir verfahren dabei nach dem Motto: so viel wie möglich, aber so wenig wie nötig erneuern. Es soll statisch einwandfrei sein, aber gleichzeitig wollen wir – wenn möglich – die Originalsubstanz erhalten“, sagt Maintz.

Der Dachstuhl der Nikolauskapelle (von vor 1487) wurde nach dem großen Stadtbrand von 1656 wieder aufgebaut. Wenn Maintz die Balken betrachtet, dann sieht er Löcher, die keine Funktion haben. Er geht davon aus, dass beim Wiederaufbau noch weit älteres Holz von anderen Dächern wiederverwendet wurde. „Es musste damals wohl schnell gehen“, sagt er. Jahrhunderte haben die Balken also auf dem Buckel. Wo es geht, bessern die Zimmermänner aus und verstärken mit Kerto-Schichtplatten (Furnierschichtholz).

Sorgen um die Statik

Alles kann aber nicht erhalten werden. Denn: kleiner Käfer, großer Schaden. Immer wieder war die Sanierung des Dachstuhls der Nikolauskapelle zurückgestellt worden, zuletzt hatten die Mosaiken im Innern der Kathedrale Vorrang. Doch nun duldete die Kapelle links vom Domportal keinen Aufschub mehr – Maintz machte sich Sorgen um die Statik.

Aachens wohl spektakulärste Baustelle ist dabei gut versteckt. Denn die Spitze der Nikolauskapelle ist unter einem gewaltigen Gerüst verborgen worden. 3000 Kubikmeter Stahlrohr misst das, 1200 Quadratmeter Wetterschutzplane wurden gespannt, damit Männer wie Freddy Brenner und Frank Tschamler von Wind und Wetter nicht gestoppt werden. Denn der Zeitplan ist straff. Bis Juni 2013 sollen der Dachstuhl repariert, die Verschalung erneuert und das 600-Quadratmeter-Dach mit Schiefer gedeckt worden sein. Jede weitere Woche kostet extra.

Bislang wird kalkuliert, dass die Sanierung rund 1,5 Millionen Euro verschlingen wird. Der Käfer war zwar gefräßig, Maintz’ erste fachmännische Blicke auf das Skelett des Dachstuhls lassen aber vermuten, dass dieser Rahmen nicht gesprengt wird.

Renner aus Schiefer

Dennoch: Jeder Cent zählt am Dom. Bei der Sanierung ist das Domkapitel einmal mehr auf Spenden (bei der Paxbank, BLZ 370 601 93, gibt es ein Spendenkonto, Kontonummer 1 000 644 060) angewiesen. Doch die Not macht auch erfinderisch. Maintz hat auf dem Arbeitstisch im Dachstuhl hoch oben über dem Katschhof ein Stück Schiefer liegen. Das stammt vom Dach der Nikolauskapelle und wurde mit einem Miniatur-Querschnitt des Doms verziert. Der ist aus der Bleiverschalung der Kapelle gestanzt worden.

Etwa 300 dieser Andenken hatte das Domkapitel fertigen lassen. Und während sich die Touristen durch die Budengassen des Weihnachtsmarktes schieben und nach Geschenken für die Lieben suchen, entwickelt sich das Stück Dom für die eigenen vier Wände unter den Aachenern zum Renner.

770 Schieferstücke wurden bereits verkauft. 550 weitere werden gerade gefertigt, eine weitere Bestellung steht bevor. „Wir haben extra die Container mit dem abgenommenen Schiefer des Daches zurückgehalten“, erzählt Maintz. „Es ist schön, dass die Aachener ihre Beziehung zum Dom so ausdrücken.“ Bei 19,95 Euro das Stück kann sich das Domkapitel über eine fünfstellige Förderung der aktuellen Baustelle freuen.

Täglich wächst die Erkenntnis, wo in den 25 Kubikmetern Balken der Käfer tatsächlich seine Spuren hinterlassen hat. „Er hat uns ja keine Nachricht hinterlassen“, sagt Maintz und lacht. Es sind ganz gewiss viele kleine Maßnahmen, die noch vor den Zimmermännern liegen. Aber Tschamler und Brenner von der Barthel Korr GmbH wissen, welche Überraschungen im Aachener Münster stecken können.

Obwohl auch diese Baustelle europaweit ausgeschrieben wurde, sind es wieder die Aachener Fachleute, die Hand anlegen. Tschamler hat schon 1993 an der Ungarnkapelle, 1997/98 an der Chorhalle und anschließend im Oktogon gewirkt. Es gibt langweiligere Baustellen als diese über den Dächern der Stadt. Doch für den Ausblick haben weder die Zimmermänner noch Maintz offene Augen. Denn der will auch beim Zeitplan nicht auf dem Holzweg sein.

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