DNA-Test nach Mord vor 16 Jahren in Aachen

Von: Christoph Classen
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Aachen. Es ist ein Altfall, den Polizei und Staatsanwaltschaft aktuell aufklären wollen, aus dem Jahr 1996. Damals wurde die Verkäuferin in einem Sex-Shop auf der Roermonder Straße in Aachen erstochen.

In dieser Woche hat die Polizei 380 Briefe an Menschen verschickt, die während der Ermittlungen im Jahr 1996 in die Akten aufgenommen wurden, weil sie in irgendeiner Beziehung zum Tatort standen, und sei es nur, weil sie in der Nähe wohnten. 110 dieser Schreiben gingen an Adressaten in Aachen und Umgebung, der Rest wurde bundesweit verschickt. Es war ein brutaler Täter, dem die 49-jährige Verkäuferin am Nachmittag des 3. Mai 1996 zum Opfer gefallen ist. Die Staatsanwaltschaft sprach damals von „mehreren Messerstichen, die schnell den Tod herbeigeführt haben müssen”.

Heute, fast 16 Jahre später, sagt Michael Fritsch-Hörmann, Leiter einer der drei Aachener Mordkommissionen: „Da wurde mehr getan, als eigentlich nötig gewesen wäre.” Der Ermittler war damals in dem Sex-Shop, um Spuren zu sichern, er nennt das anders. Fritsch-Hörmann sagt: „Ich habe damals den Tatort gemacht.”

Weil aus der Kasse des Ladens ein Betrag zwischen 1000 und 1500 Euro entwendet worden war, wurde die Tat von der Polizei als Raubmord eingestuft. Die Ermittlungen waren von Beginn an schwierig, weil an der Roermonder Straße Anfang Mai 1996 mehr los gewesen ist als normalerweise. Nicht weit vom Tatort entfernt war der Bend aufgebaut worden, in der Stadt hatte ein Zirkus sein Zelt aufgeschlagen. „Natürlich kommt die Polizei da auch auf den Gedanken, dass einer der Schausteller der Täter gewesen sein könnte”, sagt FritschHörmann. Sie seien alle überprüft worden - ohne Erfolg. Hunderte Spuren habe man damals verfolgt. Weitergebracht hat das die Polizei aber nicht. Nach etwa sechs Wochen sind die Ermittlungen heruntergefahren worden. Jetzt werden sie wieder intensiviert.

Zu Beginn des Jahres 2000 wurde etwas, das man an den Händen des Opfers gefunden hatte, noch einmal untersucht. Die Wissenschaft war nun weiter als vier Jahre zuvor, die Spur enthielt DNA, dass konnte man jetzt sicher sagen. „Wir gehen davon aus, dass es die DNA des Täters ist”, sagt Fritsch-Hörmann.

Dass zwischen der Entdeckung der DNA-Spur und der aktuellen Aufforderung, Speichelproben abzugeben, zwölf Jahre liegen, sei da­rauf zurückzuführen, dass die Polizei nur dann an Altfällen arbeite, wenn es die Arbeitsbelastung durch aktuelle Fälle zulasse, sagt der Aachener Oberstaatsanwalt Robert Deller. Deswegen kämen die Ermittler nur ziemlich selten dazu, Fälle zu bearbeiten, die weit zurückliegen.

Die Zahl der Kapitalverbrechen, die nicht aufgeklärt wurden, ist überschaubar, und die Polizei arbeitet nun daran, sie noch kleiner werden zu lassen, auch wenn die Taten bereits vor Jahrzehnten begangen wurden.

Das ist erfolgversprechend, weil heute Ermittlungsmethoden eingesetzt werden können, die früher noch gar nicht existierten. So konnte 2007 dank DNA-Analyse der Mann überführt werden, der zwischen 1983 und 1990 fünf junge Frauen ermordet hatte, 2009 wurde mit der gleichen Methode ein Pärchen ermittelt, das 1983 einen Rentner aus Nörvenich erstochen hatte.

Ob der wissenschaftliche Fortschritt die Polizeiarbeit leichter oder komplizierter gemacht hat, kann Fritsch-Hörmann gar nicht sagen. Am ehesten sei es wohl so, dass beides ein bisschen zutreffe. Fritsch-Hörmann macht seit über 15 Jahren den Job als Todesermittler, so nennt er das. Der Mann hat die Zeit miterlebt, in der die Polizei lernte, die Erkenntnisse aus der Genetik-Forschung für ihre Zwecke zu nutzen. Mitte der 90er Jahre fing sie damit langsam an. Damals, sagt Fritsch-Hörmann, hätte man schon einen dicken Tropfen Blut am Tatort finden müssen, um daraus eine DNA-Spur zu gewinnen, die tatsächlich das Potenzial besitzt, die Ermittler zum Täter zu führen. Heute muss sich Fritsch-Hörmann einen Mundschutz überziehen, bevor er mit seiner Arbeit beginnt. Und während er sie macht, wechselt er mehrfach seine Handschuhe.

Die Möglichkeiten, DNA-Spuren eines Menschen zu finden, sind in einem Maße verbessert worden, dass mittlerweile ein Huster, Nießer oder eine einzelne Hautschuppe ausreichen, um einen Tatort zu verunreinigen. Fritsch-Hörmann hat nichts davon, seine eigene DNA zur Analyse ins Labor zu bringen. Deswegen trägt er Mundschutz und Handschuhe. Ein bisschen komplizierter hat die Wissenschaft seine Arbeit schon gemacht.

Für Fritsch-Hörmann ist das okay, weil er weiß, dass die DNA-Analyse ihm neue Möglichkeiten gibt, einen Täter zu überführen. Er sagt: „Das ist eine sensationelle Erfindung.” Und wenn es überhaupt etwas gebe, dass die Arbeit der Ermittler ähnlich revolutioniert habe, sei das die Einführung der Analyse von Fingerabdrücken. Ende des 19. Jahrhunderts hatten Polizisten damit angefangen, in Argentinien.

Es ist nicht so, dass die Aachener Polizei erst erfolgreich arbeitet, seit sie die Möglichkeiten der Genetik nutzt. Bei den Kapitalverbrechen liegt die Aufklärungsquote schon immer bei über 90 Prozent, im Jahr 2011 waren es sogar 100 Prozent. Man kann sagen, dass es schwieriger ist, jemanden zu überführen, der ein Auto gestohlen hat, als jemanden, der einen anderen Menschen umgebracht hat. „Das liegt auch daran, dass Kapitalverbrechen oft Beziehungstaten sind”, sagt Oberstaatsanwalt Deller. Wer ein Auto stiehlt, hat selten eine Beziehung zu ihm, wahllos gemordet wird dagegen relativ selten.

Deller hofft, dass möglichst viele der Angeschriebenen der aktuellen Aufforderung zur Speichelabgabe nachkommen. Und er versichert, dass sorgsam mit den gewonnenen Daten umgegangen wird. Fällt das Ergebnis negativ aus, werde es sofort vernichtet.

Auch Fritsch-Hörmann sagt, dass es nichts gebe, wovor man sich fürchten müsse, schränkt aber sofort ein: „Nur davor, dass man der Täter ist.”

Zwei Altfälle, die dank DNA aufgeklärt wurden

Zweimal ist es der Aachener Polizei bereits gelungen, weit zurückliegende Kapitalverbrechen durch den Einsatz von DNA-Untersuchungen doch noch aufzuklären.

Die sogenannten Anhaltermorde, denen zwischen 1983 und 1990 fünf junge Frauen zum Opfer fielen, wurden 2007 aufgeklärt. Der Aachener Polizei war es 2002 gelungen, eine DNA-Spur zu sichern.

Sie stimmte schließlich mit dem Ergebnis einer Speichelprobe überein, die der 51-jährige Egidius Sch. aus Niederkrüchten bereit war abzugeben, nachdem er sich wegen eines Schrottdiebstahls verantworten musste. Der Serienmörder wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.

2009 wurde dank einer DNA-Untersuchung ein Tötungsdelikt aus dem Jahre 1983 aufgeklärt. Der 62-jährige Rentner Ivan P. war in seiner Nörvenicher Wohnung von einer 15-Jährigen erstochen worden. Der 20-jährige Partner der Täterin hatte das Opfer festgehalten. Die Täter wurden verurteilt.

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