Digitaler Schaukasten: Da strahlt die Kirche

Von: Robert Esser
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Das hat Format: (v.r.) Pfarrer Andreas Mauritz, Diakon Thomas Porwol und Kirchenvorstand Heinz Günter Fündling läuten mit dem ersten „Digitalen Schaukasten“ vor der Kirche St. Jakob eine neue Ära ein. Foto: Jaspers
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Pionierarbeit vor der Pilgerkirche: Vor der 87 Meter hohen Kirche St. Jakob wurde erstmals eine digitale Stele in Betrieb genommen - trotz Bedenken des Denkmalschutzes. Foto: Jaspers

Aachen. Die Kirche organisiert Public Viewing billiger, als es die Stadtverwaltung schafft? Wer‘s glaubt, wird selig – möchte man meinen. Tatsächlich ist deutschlandweit kein weiteres Projekt dieser Art geglückt.

Vor dem höchsten Gotteshaus der Stadt Aachen, St. Jakob an der Jakobstraße, haben Pfarrer Andreas Mauritz und sein Pastoralteam jetzt auf dem Kirchvorplatz die erste digitale Touchscreen-Stele im Bistum in Betrieb genommen.

Edelstahl-Konstrukt

Gut zwei Meter Höhe misst das stilvolle Edelstahl-Konstrukt; hinter Panzerglas flimmert im Hochformat ein 55-Zoll-LCD-Schirm. Das entspricht einer Bilddiagonale von knapp 140 Zentimetern. Genug Platz für jede Menge Informationen im neuen „Digitalen Schaukasten“. „Damit beginnt für uns eine neue Ära in der Kommunikation mit unseren Gemeindemitgliedern, mit den Bewohnern des Viertels, mit Passanten und Pilgern“, freut sich Mauritz.

Mit Fotos und Filmen wird hinter die Kulissen des 87 Meter hohen Kirchenbaus geblickt. Im Fokus landet dabei nicht nur Historisches. „Wir haben unter anderem Bilder unseres Turmfalken und seiner vier Jungen sowie entsprechende Hintergrundfakten aufbereitet“, erklärt Heinz Günter Fündling vom Kirchenvorstand. Solche Szenen aus der Turmspitze bleiben sonst verborgen. Außerdem sendet man Informationen über die Heiligtumsfahrt, Konzerte und andere Veranstaltungstermine bis hin zu den Gottesdienstzeiten der Gemeindegemeinschaft – inklusive Heilig Geist, St. Hubertus und Maria im Tann.

Unerlaubte Werbung?

Letztere „Selbstverständlichkeit“ sorgte übrigens für erhebliche Debatten mit der Denkmalbehörde: „Aus Sicht des Landschaftsverbandes gilt schon die Ausstrahlung von Gottesdienstzeiten als unerlaubte Werbung“, wundert sich Fündling. Und Werbung ist strengstens untersagt. Genauso die Wunschposition für den „Digitalen Schaukasten“ an zentraler Stelle vor dem Kirchenportal. Weil der Platz mit seinem filigranen Kopfsteinpflaster als Bodendenkmal eingetragen ist, legten die oberen Denkmalschützer auch hier ihr Veto ein. So wurde die Stele verrückt – und am Rande verankert. Sie leuchtet, etwas unglücklich, je nach Blickwinkel hinter einem dicken Baumstamm.

Übrigens: Sechs städtische Info-Stelen – genannt „Chronoskope“ – wachsen demnächst im historischen Pfalzbezirk auf dem Katschhof, am Markt, im Hof und neben dem Hühnerdieb aus dem Pflaster. Natürlich ebenfalls alles Bodendenkmäler. Diese „Chronoskope“ zeigen durch jeweils drei Gucklöcher Wissenswertes rund um die Kaiserpfalz. Die 2,40 Meter hohen Stadt-Stelen funktionieren zwar nicht interaktiv, sind dafür aber umso teurer.

380.000 Euro, zwei Drittel davon Zuschüsse aus dem Konjunkturpaket I, stehen im städtischen Haushalt. Das ergibt gut 63000 Euro pro Stele. Die Kirche hingegen kriegt das für knapp die Hälfte hin: 28500 Euro kostete der „Digitale Schaukasten“ vor St. Jakob – finanziert aus Kirchensteuermitteln des Bistums. Für Strom, Software, Vandalismus-Versicherung und Medienbeschaffung veranschlagt die Pfarre 4000 bis 5000 Euro Betriebskosten pro Jahr.

„Nicht nur Termine und Bildergalerien, auch ein virtuelles Gästebuch sowie kurze, knackige Glaubensimpulse und Denkanstöße möchten wir den Betrachtern mit auf den Weg geben“, erläutert Diakon Thomas Porwol. „Damit zudem Menschen, die nicht jeden Sonntag die Messe besuchen, auf kurz oder lang mit Gott in Berührung kommen“, fügt er hinzu. Spirituelle Texte und Slogans liefert das Internet-Portal www.gott.net. Die Inhalte steuert das Pastoral-Team über Server und W-Lan via Internet auf den Bildschirm. Dessen Strahlkraft regelt ein interner Computer abhängig von der Umgebungshelligkeit – tagsüber, nachts, bei Sonnenschein, im strömenden Regen, im Hochsommer wie im tiefsten Winter.

„Passt zum Konzept“

In die Wege geleitet hat den „Digitalen Schaukasten“ Pastoralreferent Hannes Peters. „Es passt genau zum Pastoralkonzept der Pfarrei. Und irgendjemand musste mal damit in einer Stadt wie Aachen anfangen. Warum also nicht wir?“, sagt er. Die frische Kommunikationsstrategie reicht noch weiter. Neben dem herkömmlichen Pfarrbrief geht die Pilgerkirche seit kurzem über www.facebook.com/pfarreistjakob online neue Wege.

„Wir schließen uns nicht in der Kirche ein; wir möchten zu den Menschen – ins Gespräch kommen, Interesse wecken“, erklärt Porwol. Illusionen gibt man sich nicht hin. „Ich glaube nicht, dass wir wegen unseres digitalen Schaukastens plötzlich mehr Messebesucher zählen“, sagt Mauritz. Imposante 450 Menschen strömen regelmäßig zu Familiengottesdiensten in Heilig Geist, rund 250 Katholiken durchschnittlich zur Eucharistiefeier nach St. Jakob.

Andere ermutigende Effekte der Pionierarbeit stellt der Pfarrer allerdings schon fest: „Es haben sich andere Pfarrgemeinden bei mir gemeldet, die unserem Beispiel mit weiteren digitalen Stelen folgen möchten“, schildert er. So könnte kirchliches Public Viewing aus Aachen in Serie Format gewinnen. Ganz glaubwürdig günstig.

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