Die Welt anders denken, als sie ist

Von: Christoph Classen
Letzte Aktualisierung:
Bürgerstiftung
Viel Interesse fand die Diskussion über Ziele und Chancen von Bürgerstiftungen bei der Verleihung des Gütesiegels in Aachen. Foto: Andreas Steindl

Aachen. Dr. Helga Breuninger wirft erst mal ziemlich viel um. Althergebrachte Denkweisen zum Beispiel. Bürokratie ist für Breuninger nicht anderes als „das Aufräumen von Zuständigkeiten”, wahlweise auch die „Versäulung der Gesellschaft in einzelne Ressorts.”

Problematisch an der Sache: Solche Strukturen bremsten zielgerichtete Handeln eher, statt es zu befördern. Was Dr. Helga Breuninger verlangt, ist nicht wenig. „Wir müssen die Welt anders denken, als sie ist”, forderte sie. Angesichts von Herausforderungen wie dem demographischen Wandel, steigender Arbeitslosigkeit, schwindenden Ressourcen und ökologischen Problemen bliebe ja auch gar nichts anderes übrig. Neue Probleme bedürften neuer Lösungsansätze.

Bürgerstiftungen, und das ist Breuningers feste Überzeugung, können einen wichtigen Beitrag leisten, um die neuen gesellschaftlichen Herausforderungen zu meistern. Sie sagte das auch aus Erfahrung. Dr. Helga Breuninger ist Vorsitzende der Bürgerstiftung Stuttgart. Und für die Aachener „Kollegen” von der Bürgerstiftung Lebensraum hatte sie neben einer spannenden Rede auch eine Auszeichnung mitgebracht.

Die Aachener Initiative trägt nämlich jetzt ein Gütesiegel. Bekommen hat sie es, weil sie als neutraler Gastgeber eine Plattform für den Austausch zwischen Bürgern schafft. Weil sie ein Dienstleister ist, der sich der Nachhaltigkeit verpflichtet fühlt. Weil die Bürgerstiftung Lebensraum die Partizipation befördert, transparent arbeitet und auf ihre Unabhängigkeit bedacht ist. „Keine Vetterlewirtschaft”, erläuterte die Stuttgarterin Breuninger das letzte Kriterium.

Sehr beeindruckt ist sie von dem, was die Aachener Bürgerstiftung seit ihrer Gründung im Jahr 2005 alles angestoßen hat. Gerade weil die Initiative im Vergleich zum Stuttgarter Pendant über eher geringe finanzielle Mittel verfügt. Da sind die Start-Stipendien, mit der die Bürgerstiftung Migranten unterstützt, die beeindruckende Schulleistungen zeigen und sich darüber hinaus sozial engagieren. Gedächtnis-Training für Senioren, Lebensbäume für neu geborene Aachener und der Aufbau einer Thermalwasserroute: Das alles sind Dinge, die die Bürgerstiftung Lebensraum mit wenig Geld und viel Engagement zu stemmen weiß.

Bei ihrer geballten Präsentation in der Erholungs-Gesellschaft sprach Moderator Bernd Büttgens, stellvertretender AZ-Chefredakteur, beeindruckt von einer „Leistungsschau”. Projekte seien das aber nicht, sagte Breuninger. Sie bevorzuge die Bezeichnung Themen, Stichwort (finanzielle) Nachhaltigkeit.

Über die wird auch in der Politik gerne gesprochen. Nicht die einzige Schnittmenge zwischen Mandatsträgern und Bürgerstiftern. Breuninger sagte, dass es wichtig sei, die Politik als Partner zu begreifen. Helmut Etschenberg, designierter Städteregionsrat, und Marcel Philipp, Aachens kommender Oberbürgermeister, nahmen dieses Angebot gerne an. Nicht zuletzt, und das müsse er mal ganz ehrlich sagen, „weil wir als öffentliche Hand gar nicht alles leisten können”, sagte Etschenberg.

Helga Breuninger weiß das. Deswegen sind ihr Bürgerstiftungen ja so wichtig. Und sie sind gesund. Eine Langzeitstudie in Minnesota habe nämlich ergeben, dass engagierte Bürger eine bis 40 Prozent längere Lebenserwartung haben. Und um die Bewältigung des demographischen Wandels kümmern sie sich ja auch gleich selbst.
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